Er prägte maßgeblich den internationalen Aufschwung des mexikanischen Kinos ab 2000, weil er die Drehbücher zu Alejandro González Iñárritus "Amores perros", "21 Grams" und "Babel" schrieb. Für Tommy Lee Jones’ Regiedebüt "The Three Burials of Melquiades Estrada" erhielt er 2005 den Drehbuchpreis in Cannes. Sein Regiedebüt "Auf brennender Erde" mit Charlize Theron lief 2008 im Wettbewerb von Venedig, sein Roman "Das Feuer retten" erhielt 2020 den prestigeträchtigen "Premio Alfaguara de Novela" und belegte ein Jahr lang den ersten Platz der mexikanischen Bestseller-Liste. Am Samstag stellt Guillermo Arriaga sein Buch bei den Erich-Fried-Tagen in Wien vor. Es ist eine Geschichte um eine ekstatische Liebe zwischen einer Tänzerin und einem inhaftierten Mörder. Der Roman ist - wie alle Arbeiten Arriagas - auch ein Porträt seiner problembehafteten Heimat Mexiko.

"Wiener Zeitung": Billy Wilder hat gesagt: Beginne nie ein Drehbuch, bevor du nicht das Ende deiner Geschichte kennst. Trifft das wirklich zu?

Guillermo Arriaga: Ganz im Gegenteil! Wenn ich das Ende der Geschichte schon kenne, warum sollte ich mir dann die Mühe machen, die ganze Story aufzuschreiben? Ich arbeite gerade an einem neuen Roman, und lasse mich jeden Tag davon überraschen, was ich am Vortag zu Papier gebracht habe. Von da an spinne ich die Geschichte dann beständig weiter, das ist ein täglich neuer Prozess. Ich schreibe ja nur deshalb jeden Tag weiter, weil ich wissen will, wie meine Geschichte weitergeht. Ich habe morgens ja keine Ahnung, was bis zum Abend passiert sein wird.

Aber eine Grundidee gibt es schon?

Ja, natürlich, aber die ist immer nur sehr kurz. Im Fall von "Das Feuer retten" war das: Eine Frau aus der Oberschicht trifft im Gefängnis einen hochintelligenten Mörder, und hier entspinnt sich eine Liebesgeschichte, getrieben von maximalen Kontrasten.

Mexiko ist auch geprägt von starken Kontrasten und Widersprüchen, von sozialen Steilhängen. Ist Ihr Buch in Wahrheit ein Porträt Ihrer Heimat?

Ich habe in meiner Jugend Gewalt erlebt, ich kenne die mexikanische Seele genau und ich glaube, dass wir alle unsere Herkunft nicht leugnen können. Ich bin durch und durch Mexikaner, ich brauche die unterschiedlichen Pole dieses Landes, das ist auch der Grund, weshalb ich nicht in die USA ausgewandert bin. Ich wollte, dass meine Kinder ihre Identität nicht verlieren und in Mexiko aufwachsen. Es ist ein Gefühl von Heimat, das in der Luft liegt. Das man atmet.

Sie drehten mit Charlize Theron, Jennifer Lawrence, Kim Basinger. Ist Hollywood für Sie eine große Versuchung?

Natürlich ist es das! Aber mir war die Familie wichtiger. Viele Freunde, die in den USA leben, erzählen, dass ihre Kinder sich dort sogar weigerten, Spanisch zu sprechen. Sie werden zu Amerikanern, legen ihre Wurzeln völlig ab. Das wollte ich für meine Kinder nicht.

Und künstlerisch?

Hollywood ist genau derselbe Spielzeugladen wie Mexiko, nur eben viel größer. Man spielt daheim mit Holzfiguren, dort mit Messi, Maradona und Cristiano Ronaldo in einem Team! Aber mir waren die lokalen Zutaten immer lieber. Es ist eine andere Art von Kino dort. Ich bin den USA aber unendlich dankbar, denn ich konnte dort arbeiten und es war niemals, wirklich niemals ein Thema, dass ich Mexikaner war. Ich habe persönlich niemals Rassismus erlebt.

Wie persönlich sind Ihre Arbeiten?

Sehr persönlich. Sehen Sie, als junger Mann hatte ich einen verheerenden Autounfall, bei dem ich über zehn Meter in die Tiefe gestürzt bin und der mein Gesicht entstellt hat. Die gesamte Nase musste neu geformt werden, ich habe seither keinen Geruchssinn. Diese Geschichte finden Sie in meinen Büchern wieder. Und auch jene, in der mein Hund zufällig in einen brutalen Hundekampf auf den Straßen Mexiko Citys verwickelt war, findet sich in "Amores perros" wieder. Sie können mein Leben in meinen Büchern nachlesen.

Sie haben länger schon kein Drehbuch mehr geschrieben. Woran liegt das?

Ich sah mich immer zuallererst als Schriftsteller. Und ich setzte mir in den Kopf, in meine Drehbücher eine Art literarischen Zugang zum Kino einfließen zu lassen. Romanhafte Züge in einem Spielfilm, davon war ich lange Zeit besessen.

Und waren Sie aus Ihrer Sicht erfolgreich, diese Besessenheit in Filmen umzusetzen?

Wenn etwas erfolgreich ist, dann ist es schon tot. Ich denke niemals, dass es gut genug ist, was ich tue. Ich will es immer noch verbessern.

Ist der Zweifel für Sie ein Antrieb?

Ja, das ist er. Ich denke, ein Buch kann veröffentlicht werden, aber es ist niemals wirklich fertig. Wenn man mich ließe, dann würde ich jedes meiner Bücher immer und immer wieder völlig überarbeiten.

Haben Sie sich einmal die Frage gestellt, wie Ihre Bücher nach der Übersetzung in andere Sprachen klingen? Was davon noch übrig bleibt, wenn es übersetzt ist?

Ja, diese Frage stelle ich mir oft. Auch bei Filmen: Hier in Österreich wird ja fast alles synchronisiert, das finde ich schrecklich. Bei uns gibt es Untertitel, denn so bleibt der Charakter der Sprache besser erhalten. Und was meine Romane angeht: Wenn Sie einen großen Teil von "Das Feuer retten" auf Spanisch lesen, dann stellen Sie fest, dass darin ein solch unglaublicher Slang gesprochen wird, den nicht einmal manche Mexikaner verstehen. Es ist sicher eine Herausforderung, das adäquat zu übersetzen. Ich kann mir das gar nicht vorstellen.

"Auf brennender Erde" entstand 2008. Möchten Sie keine Filme mehr inszenieren?

Ich werde wieder Regie führen, ich bereite gerade ein Projekt vor. Aber das Schreiben von Romanen, das Sprechen darüber, vor Menschen, bei Lesungen, hier mit Ihnen, das macht süchtig, wissen Sie? Das ist unvergleichlich.