Als Meister der kleinen Form, des launigen Feuilletons und der Anekdote, als Pointenlieferant, literarischer Spaßmacher und Schnurrenerzähler erreichte der Schriftsteller Alexander Roda Roda das breite Publikum, schrieb Komödien, kleine Prosa, Romane und Filmdrehbücher. Sein großes Thema war das alte Österreich, die k. u. k. Monarchie mit ihrem bunten Völkergemisch.

Zwischen lustig und bitterböse angesiedelt, führen seine Geschichten in diese heute versunkene Welt der kulturellen Vielfalt des jüdischen Schtetls, der komischen Käuze, entlegenen Orte und der k. u. k. Armee. Vor 150 Jahren, am 13. April 1872, wurde der Autor, der als Roda Roda firmieren sollte, unter dem Geburtsnamen Sándor Friedrich Rosenfeld im damals zur Habsburger Monarchie gehörenden mährischen Drnowitz als Sohn eines Gutsverwalters geboren.

Alexander Roda Roda war im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts einer der bekanntesten Schriftsteller des deutschen Sprachraums. Ein halbes Hundert Bücher, die Roda Roda veröffentlichte und in denen er mit Witz und Satire die Mängel der Donaumonarchie und des Offiziersstandes offenlegte und anprangerte, machten ihn zum Erfinder der österreichisch-ungarischen Militär- und Gesellschaftsanekdote, der mit knappen Worten seine Leser zum Lachen brachte. Roda Roda habe "den deutschen Witz durch prägnante Formung überhaupt erst literaturfähig gemacht", schrieb Kurt Tucholsky über den Humoristen: "Sein Reichtum ist erstaunlich, dieser Mann spricht alle Sprachen des Kontinents: deutsch, bürokratisch, bayerisch, weanerisch, jiddisch, preußisch, durch die Nase, kokottisch ... und jedesmal so unheimlich echt."

Kaffeehaus-Bohème

Zunächst jedoch studierte der Mann, den der deutsche Kollege dermaßen wertschätzte, in Wien einige Jahre lang Jus und schlug dann 1893 die Offizierslaufbahn ein. Sein nonkonformistisches, spöttisches Wesen brachte ihm, der sich auf zwölf Jahre verpflichtet hatte, den Ärger seiner Vorgesetzten ein. Als sich ein Oberst in den kleinen Geschichten über die leuteschinderisch-vertrottelten Angehörigen des Offiziersstandes, die Roda Roda um 1900 in Zeitschriften zu veröffentlichen begonnen hatte, wiedererkannte, war das Ende seiner aktiven Dienstzeit gekommen.

Im Jahr 1901, in dem er auch eine stürmische Liebesaffäre mit der acht Jahre älteren Schauspielerin Adele Sandrock durchlebte, die wohl nur deshalb nicht über die Verlobung hinauskam, weil es Kaiser Franz Joseph mit der notwendigen Ehegenehmigung nicht eilig hatte, ging er in die Reserve und verlegte sich vollends aufs Schreiben. Zeitschriften wie die "Jugend" oder der Münchner "Simplicissimus" druckten seine Geschichten, sein Name stand neben jenen von Thomas Mann, Ludwig Thoma und Frank Wedekind.

1904 übersiedelte Roda Roda - auch um dem andauernden Zetermordio der Donaumilitärbürokratie gegen seine Armeesatiren zu entgehen - nach Deutschland. In Berlin und München feierte er als Vortragskünstler in den Kabaretts große Erfolge, das in Hochblüte stehende Feuilleton in den Zeitungen - die geschliffene Kurzform, die nach Karl Kraus, der Roda Roda wegen seiner enormen Produktivität verabscheute, "auf einer Glatze Locken dreht" - sicherte ihm den Absatz seiner Texte. Den Vorwurf, ein Vielschreiber zu sein, konterte er: "Unsinn. Ich halte mich an das Beispiel Gottes: was hat Gott nicht alles geschaffen - wieviel Mist ist darunter - und was hat Gott für einen großen Namen."

Roda Roda, karikiert von Albert Weisgerber, um 1910. 
- © Bentz

Roda Roda, karikiert von Albert Weisgerber, um 1910.

- © Bentz

Der Autor, der ab 1906 auch amtlich den Familiennamen Roda Roda trug, wurde in Berlin sogleich einer der Protagonisten der heute legendären Kaffeehaus-Bohème des "Café des Westens", dem legendären "Café Größenwahn". Sein Markenzeichen, seine mit Korpsartillerieknöpfen besetzte "Rote Weste", die er sich aus dem roten Futter seiner Uniformjacke hatte schneidern lassen, wurde schließlich so bekannt, dass ein Freund einen Brief lediglich mit einer aufgemalten roten Weste adressierte und dieser bei Roda Roda ankam.

Mit seinem satirischen Lustspiel "Der Feldherrnhügel" (1909), das er zusammen mit Carl Rössler verfasst hatte, landete Roda Roda seinen größten Theatererfolg. Das Stück, in dem er das ganze Militärwesen im Habsburgerreich der Lächerlichkeit preisgab, wurde in Österreich sofort verboten, im Deutschen Reich feierte es Triumphe.

Armee-Ausschluss

Als Roda Roda, der wegen diverser Verstöße gegen die Offiziersehre schon 1907 unter Aberkennung seines Ranges aus der Armee ausgeschlossen worden war, in Wien eine Rücknahme des Verbots erreichen wollte, soll ihn ein entrüsteter Hofrat mit den Worten angefahren haben: "Solange es eine österreichisch-ungarische Monarchie gibt, wird dieses Schandstück verboten bleiben!" "Gut und schön", erwiderte Roda Roda, "dann warten wir noch das kurze Weilchen."

Ein paar Jahre später gab es das Habsburger Reich nicht mehr. Roda Roda, der während des Weltkrieges ins Kriegspressequartier einberufen wurde, als Berichterstatter des k. u. k. Oberkommandos in Galizien, Wolhynien, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Montenegro und Italien war und für die "Neue Freie Presse" und andere Zeitungen mehrere hundert Artikel verfasste, hatte seine geistige Heimat verloren und wurde zum lebenden Anachronismus. Seinem Schaffensdrang tat der Wechsel des Gesellschaftssystems jedoch keinen Abbruch. Der Mann mit der "Roten Weste" strickte, seinem Schriftstellerkollegen Joseph Roth nicht nachstehend, fleißig am Habsburger Mythos mit. "Es gibt österreichische, es gibt ungarische Schriftsteller, Österreich-Ungarns Schilderer bin ich allein", führte er aus.

Während der Zwischenkriegszeit war Roda Roda eine bekannte Größe und füllte - wie auch schon vor dem Krieg, als etwa die "Berliner Illustrirte" den "bekannten Humoristen und Lustspieldichter" beim Urlauben am Tegernsee gezeigt hatte - die Gesellschafts- und Klatschspalten der Zeitungen. Mit seinen humoristischen Buchveröffentlichungen hatte Roda Roda, dessen Werk sich besonders auch dadurch auszeichnet, dass er kein Hasser, sondern ein Spötter war, weiterhin großen Erfolg, ebenso mit seinen Kabarettauftritten und Lesungen, mit denen er ausgedehnte Gastspiel-Reisen unternahm, so auch 1923 in die Vereinigten Staaten. Als Ergebnis dieser Reise erschien im folgenden Jahr sein Buch "Ein Frühling in Amerika. Geschichten aus der neuen Welt".

Auf der Flucht

In ihm schildert der Autor in leichtem, unaufgeregtem, nicht selten auch humorigem Ton seine Eindrücke aus den Vereinigten Staaten, die er während der Vortragsreise gewonnen hatte. Er berichtet subjektiv über das, was ihm als offenäugigem und gebildetem Reisenden im Land etwa auf den Gebieten des Alltagslebens, der Vergnügungen, der Literatur und des Theaters, oder der Schule und des Handels aufgefallen ist. Dabei ist Roda Roda durchaus kritisch und verbirgt auch sein Kopfschütteln über manchen Aspekt des American Way of Life nicht. Vor allem jedoch hegt er eine tiefe Sympathie für Land und Leute und bringt mit der ihm speziellen "altösterreichischen" Mischung aus Beobachtung, Bewunderung und Unverständnis Amerika vor die Augen des Lesers.

Werbeplakat für Gastauftritte von Alexander Roda Roda im Berliner "Wintergarten". 
- © Stephan Krotowski (Berlin 1881-1948 London), Public domain, via Wikimedia Commons

Werbeplakat für Gastauftritte von Alexander Roda Roda im Berliner "Wintergarten".

- © Stephan Krotowski (Berlin 1881-1948 London), Public domain, via Wikimedia Commons

Als Gesellschaftsmensch pflegte Roda Roda enge Kontakte zu dutzenden Autoren, Schauspielern, Filmemachern und anderen Künstlern. Auch auf der Leinwand war er zu sehen. So verkörperte er 1926 in der Verfilmung seines Stückes "Der Feldherrnhügel" die wichtige Rolle des Korpskommandanten und spielte 1932 an der Seite von Gustaf Gründgens und Willi Forst in "Der Raub der Mona Lisa". Im gleichen Jahr erschien auch - anlässlich seines sechzigsten Geburtstages - eine Roda-Roda-Werkausgabe.

Im Schutzverband Deutscher Schriftsteller, in dessen Vorstand er gewählt wurde, trat er den aufkommenden Nationalsozialisten entgegen. Ostentativ begleitete er den wegen angeblichem "Geheimnisverrats" verurteilten Carl von Ossietzky, an dessen pazifistischer Wochenschrift "Die Weltbühne" Roda Roda ebenfalls mitarbeitete, vor die Gefängnistore. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung floh Roda Roda, dessen "Unschädlichmachung" Goebbels gefordert hatte, nach Österreich. Kurz vor dem "Anschluss" zog der mit einem feinen politischen Sensorium ausgestattete Autor 1938 weiter in die Schweiz und emigrierte 1940 - nachdem die Schweizer Behörden ihm jede Tätigkeit für schweizerische Medien untersagt und ihn aufgefordert hatten, das Land zu verlassen - über Spanien und Portugal in die USA.

"Mark Twain der Donau"

Dort starb er am 20. August 1945 in New York. "Während der Broadway den Sieg über Japan, das Ende des Zweiten Weltkrieges feierte, starb in einem Spital Manhattans, bis zum letzten Atemzug die Disziplin eines alten Soldaten wahrend, ein Mann, den Amerika kaum kannte. Und doch war dieser Mann zu Recht ‚Mark Twain der Donau‘ genannt worden, und seine rote Weste war einst in Wien, Budapest, Prag, München, Berlin nicht minder berühmt als Chaplins Riesenschuhe", schrieb der Schriftstellerkollege Ulrich Becher, der auch Roda Rodas Schwiegersohn war, nach dessen Tod.

Das Urnengrab des Schriftstellers Alexander Roda Roda (Abteilung 2, Ring 1, Gruppe 2, Nummer 31) mit Grabmonument von Fritz Wotruba auf dem Wiener Zentralfriedhof. 
- © PicturePrince, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Das Urnengrab des Schriftstellers Alexander Roda Roda (Abteilung 2, Ring 1, Gruppe 2, Nummer 31) mit Grabmonument von Fritz Wotruba auf dem Wiener Zentralfriedhof.

- © PicturePrince, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Heute ist der Humorist Roda Roda, dessen Urne 1948 aus den USA überführt und in einem Ehrengrab der Stadt Wien auf dem Zentralfriedhof beigesetzt wurde, dem breiten Lesepublikum kaum mehr bekannt. Seine Prophezeiung - "Mit meinesgleichen, den sogenannten Humoristen, pflegt sich die Literaturgeschichte nur ganz hinten im Anhang zu befassen, flüchtig und in kleiner Schrift; auch das erst, wenn unsereins lange genug tot ist" - ist eingetroffen.

Anlässlich des Erscheinens von Roda Rodas heute wohl noch bekanntestem Werk, des autobiographischen Buches "Roda Rodas Roman" (1925), geschrieben voll Witz, Klamauk und Kuriositäten - nach dem Motto "Wer keine Phantasie hat, erlebt auch nichts" -, begeisterte sich Kurt Tucholsky und fasste das Wesen von Roda Rodas Werk noch einmal zusammen: "Nein, nicht was Sie meinen. Gar keine Sammlung von Anekdoten. Es ist wirklich die Geschichte eines Lebens ... hier wird gesoffen und geritten, geliebt und gefochten ... Dazu Ansätze von Weisheit, wie sie nur die Nähe des Orients erzeugen kann, vom Unwert der Zeit, vom Unwert des Ruhms. Sein Deutsch ist musterhaft, sein Stilgefühl unbeirrbar; ich habe es wohl schon viermal gelesen, und man wird nicht dümmer davon."