Als Emmanuel Carrère 2017 auf der Buchmesse im mexikanischen Guadalajara weilt, sitzt der Schriftsteller eines Abends in der Hotelbar und beantwortet auf seinem Tablet gerade noch ein paar Mails. Er ist mit seinem französischen Verleger verabredet, der bereits zwölf Bücher von ihm veröffentlicht hat und darüber hinaus ein enger Freund ist.

Der steht plötzlich neben ihm, schaut Carrère eine Weile zu und kann es nicht fassen: "‚Sag mal, Emmanuel, was machst du denn da? Wie schreibst du denn?‘ Ich schaue fragend auf. ‚Das gibt’s doch nicht, du schreibst mit einem Finger?‘ ‚Äh ja, ich habe schon immer mit einem Finger geschrieben.‘ ‚Warte mal‘, fährt Paul fort, dessen Verwunderung sich nicht legt, sondern zunimmt, als werde er sich allmählich der Ungeheuerlichkeit dieser Angelegenheit bewusst, ‚du meinst, du hast all deine Bücher (...) mit einem Finger geschrieben?‘"

So ist es, und auf Anraten seines Verlegers belegt Carrère bald darauf einen Onlinekurs für das Zehn-Finger-System. Damit werde er, so der Freund, nicht nur schneller, sondern auch anders schreiben.

Innenschau

"Yoga" ist also das erste Buch des 1957 geborenen Franzosen, das er mit zehn Fingern geschrieben hat. Und ja, es ist ein wenig anders, auch wenn auf den ersten Blick alles beim Alten zu sein scheint: Das Buch trägt keine Gattungsbezeichnung, das berichtende Ich ist eindeutig das des Autors, und Carrère postuliert, alles hier Beschriebene sei wahr - aus subjektiver Perspektive natürlich, aber Literatur ist für ihn seit langem schon der Ort, an dem man nicht lügt.

Emmanuel Carrère bei der Buchmesse in Guadalajara 2017. - © afp / Refugio Ruiz
Emmanuel Carrère bei der Buchmesse in Guadalajara 2017. - © afp / Refugio Ruiz

Der Inhalt wird gleich im ersten, ellenlangen Satz zusammengefasst: "Da ich ja irgendwo anfangen muss mit diesem Bericht über die vier Jahre, in denen ich versucht habe, ein heiteres, feinsinniges Büchlein über Yoga zu schreiben, mit so wenig Heiterem und Feinsinnigem konfrontiert war wie dem Dschihad-Terrorismus und der Flüchtlingskrise, in eine so tiefe Depression verfiel, dass ich vier Monate lang in der Psychiatrie Saint-Anne stationiert war, und schließlich meinen Verleger verlor, der zum ersten Mal seit fünfunddreißig Jahren das Buch, das ich geschrieben habe, nicht lesen wird, da ich also irgendwo anfangen muss, entscheide ich mich für diesen Morgen im Januar, an dem ich mich beim Zumachen meiner Tasche fragte, ob ich vielleicht doch mein Telefon mitnehmen sollte, das ich allerdings dort, wo ich hinfuhr, sowieso würde abgeben müssen, oder ob ich es zu Hause lassen sollte."

Carrère ist auf dem Weg zu einem zehntägigen Yoga-Retreat im Morvan, und das erste Drittel des Buches gerät tatsächlich zu einer beeindruckenden Meditation über Atmen, Aufmerksam-Sein und Stillsitzen. Witzig und tiefgründig zugleich berichtet er von seinem jahrzehntelangen Bemühen um Gelassenheit und innere Ruhe. Umso härter ist der Einbruch der Wirklichkeit: Zunächst der Anschlag auf die Satirezeitschrift "Charlie Hebdo", der der Yoga-Auszeit ein abruptes Ende bereitet - Carrère verliert dabei einen seiner besten Freunde und soll eine Trauerrede auf ihn halten, was die vorzeitige Abreise erzwingt -, und später dann eine tiefe seelische Krise.

Eine bipolare Störung zwingt ihn in die Psychiatrie, wo er unter anderem mit Elektroschocks behandelt wird. Hoffnung auf glücklichere Tage schöpft er schließlich auf einer griechischen Insel, wo er jungen Flüchtlingen Schreibunterricht gibt und ihren Lebensgeschichten lauscht.

Von Thomas Bernhard stammt die schöne Bemerkung, Schreiben sei nicht besonders schwer, man müsse "nur den Kopf herunterbeugen und alles, was drin ist, auf ein Blatt Papier fallen lassen". Das ist natürlich eine Simplizitätsfiktion, denn es ist harte literarische Arbeit, einen Text so aussehen zu lassen, als sei alles einfach aufs Papier gepurzelt.

Tatsächlich aber wirkt "Yoga" weniger durchgearbeitet, fahriger, selbstbezogener als frühere Carrère-Bücher. Noch ausgeprägter als sonst spricht Carrère vom eigenen Ich, von dem, was ihm durch den Kopf geht, von Seelenqualen und Glücksmomenten. Man mag das egoman oder narzisstisch finden, aber kaum ein anderer Gegenwartsautor schafft es, das eigene Erleben so klug und für uns Leser so erkenntnisreich in Szene zu setzen.

Als das Buch vor zwei Jahren im französischen Original erschien, entbrannte ein heftiger Streit darum. Hintergrund war der Vorwurf seiner Ex-Frau, von der er seit März 2020 offiziell geschieden war, Carrère habe sich nicht an die Vereinbarung gehalten, nicht mehr über sie und ihre Beziehung zu schreiben. Offenbar musste Carrère schon vor der Veröffentlichung vieles streichen, bediente sich dann aber eines kleinen Tricks, um doch noch - nämlich in Form eines längeren Selbstzitats aus einem vorangegangenen Werk - von seiner früheren Ehefrau zu sprechen.

Wahrhaftigkeit

Zudem wurde ihm vorgeworfen, er nehme es trotz des Anspruchs, in seinen literarischen Texten nicht zu lügen, mit der Wahrheit nicht so genau. Nur: Carrères Wahrheitspostulat meint seit jeher nicht faktische Korrektheit, sondern literarische Wahrhaftigkeit, verbürgt durch die - auch sich selbst gegenüber schonungslose - Stimme des berichtenden Ichs.

Yoga bedeutet im Übrigen im wörtlichen Sinne, zwei Pferde oder Büffel unter ein Joch zu zwingen. Genau das tut Carrère: Er spannt Seelenglück und Seelenabgrund zusammen, Leben und Vergänglichkeit, eindringliche Beobachtungen und eitles Geplänkel. "Yoga" ist das Buch einer tiefen Lebenskrise. Und es ist zugleich der Beweis dafür, dass Schreiben lebensrettend sein kann.