Geborgen und ausgesetzt zugleich - in einem Swimmingpool. Andrea Roedigs Erzählung beginnt mit einem starken Bild. Die junge Andrea planscht mit ihrem "Tierchen" im Pool eines Allgäuer Nobelhotels. Neben ihr schwimmt die Mutter. Es dauert kaum zehn Zeilen und der Leserin ist klar, dass es sich hier um kein harmloses Urlaubsereignis handelt. Die Mutter nimmt den Drachen Fips und tut so, als stopfe sie ihn in den Abfluss des Beckens. Kann das wahr sein, fragt sich das verzweifelte Kind.

"Unberechenbar" - so beschreiben Andrea und ihr jüngerer Bruder die Mutter in einem späteren Kapitel. Roedigs autofiktionaler Text, der ganz wie ein Roman
daherkommt, erzählt die eigene Lebensgeschichte der in Düsseldorf geborenen Publizistin. Dabei springt die Autorin gekonnt zwischen ihrem 59-jährigen Erwachsenen-Ich, das sich auf die Reise in die Familiengeschichte begeben hat, und dem Blick des Kindes. Szenen aus der Vergangenheit vermischen sich so mit dem Besuch einer Graphologin im Hier und Jetzt (um der Mutter durch die Handschrift näherzukommen) sowie der Durchsicht alter Fotoalben und eines Tagebuchs der Mutter.

"Tabletten- und Alkoholsucht der Eltern, Konkurs, Weggang der Mutter - normalerweise kann ich die Kurzform meiner Kindheit gefasst heruntererzählen", schreibt Andrea Roedig über ihren Antritt in einer Familienaufstellung. "Jetzt aber, im Anblick dieser erwartungsvoll im Kreis aufgesetzten Gesichter, bin ich aufgewühlt und heule Rotz und Wasser. Ist das echt? Alle nicken, hier geht es ja ums Gefühl."

Gefühle - oder keine Gefühle, diese Frage stellt sich als zentral für die Autorin heraus. Noch am Sterbebett der Mutter bemerkt sie: "Ich fühle so wenig." Wie man zu den eigenen Gefühlen in Anbetracht einer derart verletzenden und "ausufernden" Mutter kommt, scheint das unausgesprochene Motto der Suche zu sein. Dabei wirft Roedig einen Blick auf drei Frauengenerationen - ihre Großmutter Gertrud Adler, die Mutter Lilo (geboren 1938) und sich selbst. Sie steht damit in einer Tradition von autobiographischen Familien- beziehungsweise Frauenromanen, die allesamt vor dem Zweiten Weltkrieg beginnen. Ähnlich etwa wie in Waltraud Anna Mitgutschs "Die Züchtigung" zeigt sich auch hier, wie fatal sich die Weitergabe von Gewalt über die Generationen bis ins Heute auswirken kann.

Während Gertrud Adler ihre Tochter noch - ungesehen von den Nachbarn - im Hausflur prügelt, spielt sich Lilo Roedigs Übergriffigkeit der Tochter gegenüber auf emotionaler Ebene ab. Die seelische "Züchtigung" ist fast noch perfider - wirkt die Mutter nach außen hin doch makellos: Bis zuletzt schlank wie ein Mannequin und adrett wie die Deneuve. Als Kriegskind will sie den sozialen Aufstieg um jeden Preis. "Ihr Lächeln ist berufsmäßig", konstatiert die Tochter. Der Horror bleibt auf die eigenen vier Wände beschränkt.

Am schlimmsten sind die Sonntage, an denen die Eltern sich gleich Junkies mit Alkohol und Tabletten zumachen, einander beschimpfen, mit Blumenerde beschmeißen und die Kinder nächtens einem scheußlichen Prozess unterziehen: "Bei wem wärt ihr lieber?", heißt dann die Frage, die man einfach nicht richtig beantworten kann. "Wenn ich die Grundsituation meiner Kindheit beschreiben würde, dann mit dem Bild einer Zwickmühle", so Roedig.

Klug statt schön

In Anbetracht der "komplizierten" Mutter spürt die junge Andrea rasch, dass ihr die Rolle der "Vernünftigen" in der Familie zugedacht ist. Sie erfüllt sie mit Bravour. Sie liest, sie schreibt, sie verweigert sich dem Schönheitskult der Mutter. "Vielleicht hätten wir Nähe herstellen können über dieses ‚von Frau zu Frau‘, das Schminken, das Schönsein, das Klamottenkaufen, Lilo und ich. Aber es geht nicht. Dass ich anders bin als meine Mutter, sie in Sachen Weiblichkeit nie erreiche, war vielleicht mein Plan - oder ihrer. Lilo ist schön. Ich will klug sein."

Auch wenn die Autorin es nicht immer offen zugibt - es bleibt spürbar, das Hoffen auf einen Moment des gegenseitigen Verständnisses: "Als hätte ich ein Anrecht auf Wut, ein Anrecht darauf, eine Mutter zu haben, die sich mit mir beschäftigt."

Dieses Buch tut weh, zugleich ist es schön in seiner Präzision des Beschriebenen. Wenn Marcel Reich-Ranickis Anspruch, das zu Papier zu bringen, was man selbst durchlebt hat, tatsächlich umgesetzt wird, dann ist es in diesem Text gelungen. Die "vergiftete Kindheit" (Susan Forward) ist so offensichtlich, dass man sich wundert: Wie ist sie lebend aus dieser Vergangenheit herausgekommen? Die Autorin gibt sich im letzten Satz die Antwort selbst: schreibend.