Die Erzählung vom Menschen als die Krone der Schöpfung, als Bezwinger der Natur, der sich die Erde untertan macht, sie hat an Strahlkraft eingebüßt. Mehr noch: Die Folgen der maßlosen menschlichen Nutzbarmachung der Welt fällt auf die Menschheit selbst zurück - das Artensterben ist längst nicht nur in der Landwirtschaft spürbar, der Klimawandel mit seinen Wetterkapriolen ebenso. Im Einklang mit der Natur zu leben, sieht anders aus.

Die Zeit ist reif für neue Bilder und Erzählungen vom Platz des Menschen auf der Erde, seiner Rolle im ökologischen Gefüge. Darin sind sich auch Autorinnen und Autoren einig, die mit ihren Büchern neue Wege aufzeigen wollen. Einen Baum zu umarmen, wird dafür nicht genügen.

Pragmatische Nutzungsideen

Die Ansätze für diese neu zu formende Natur-Beziehung sind höchst unterschiedlich. Pragmatische Ideen, wie wir etwa Wälder künftig nachhaltiger nutzen könnten, hat der langjährige Förster Werner Buchberger. In dem mit seiner Frau Andrea verfassten Buch "Wald & Mensch im Zeitenwandel" schildert er die Entwicklung der modernen Forstwirtschaft und die Probleme, die dort im Zuge von Monokulturen und Automatisierung entstanden sind. Vor allem sein Konzept der geteilten Waldnutzung überzeugt. Es denkt an, Wäldern unterschiedliche Funktionen zuzuordnen - der Regeneration von Natur, der menschlichen Erholung und der Forstwirtschaft. Die Art und Weise, wie er dabei den Nutzen von Wald vom Festmeter Holz hin zu Artenvielfalt und Kraftquelle verschiebt, öffnet schöne Perspektiven. Dass das Autorenpaar dann zu Waldwesen abschweift und erwägt, Baumgeister um Erlaubnis zu bitten vor dem Fällen, ist nicht jedermanns Sache.

Deutlich philosophischer ist da das Konzept von Emanuele Coccia. In "Metamorphosen" entwickelt er ein ganzheitliches philosophisches Weltbild auf Basis der Biologie. Er beschreibt das Leben auf der Erde als eine nie enden wollende Formenwandlung ein und derselben Materie: Alle Lebewesen sind "ein einziger Körper, ein einziges Leben, das endlos von Gestalt zu Gestalt wechselt." Es ist eine Art biologistische Transzendentalität, die sein radikales Konzept prägt. Geboren werden bedeutet darin immer, "Natur zu sein", jede Geburt ist lediglich die Neuordnung der Vielfalt des einen Erdkörpers.

Irdische Wiedergeburt

In dieser "Ökonomie der Fleischwerdung kann und darf der Mensch keinen privilegierten Platz einnehmen", denn wir sind "alle Teile eines einzigen Lebewesens". Jedes Leben - vom Gänseblümchen über die Ameise bis zum Menschen - ist die Wiederholung, die Reinkarnation eines uralten Lebens davor, in jedem wohnt ein Funke des Urknalls. Das Bewusstsein des Menschen ist Teil davon, als "Selbstspiegelung des Welt". Nicht nur in Zeiten von Hyper-Individualismus ein provokanter Ansatz.

Kein Wesen ist dabei alleine überlebensfähig. Denn um zu leben, so Coccia, muss jeder Organismus sich andere Organismen einverleiben - sprich Nahrung aufnehmen - und dieses fremde Leben zu eigenem verwandeln. Alles ist also im Fluss, in ständiger Metamorphose, Kindheit und Alter, Geburt und Tod sind dabei lediglich Verwandlungsstufen im ewigen Kreislauf: "Dieses Leben, das alles verschlingt und verdaut, alles trägt und zerstört, gibt sich offenbar mit der Gestalt, die es empfängt niemals zufrieden." Den Tod gibt es in diesem Konzept nicht, er verändert nur die Form, in der das Leben sich eben gerade manifestiert.

Dass dadurch in letzter Konsequenz auch menschliche Körper zur Quelle neuen Lebens werden - vom Darmbakterium des Säuglings bis zur Made unter der Erde - und damit stets in den rein biologischen Kreislauf der Natur eingebunden sind, ist ein Gedanke, den wir gerne verdrängen. Doch steckt bei allem Schrecken auch sehr viel Trost in Coccias Weltsicht: Denn wir tragen immer anderes Leben in und auf uns und können nach unserem Tod nicht anders als "zu anderen Lebewesen werden".

Es ist ein streng irdisches Konzept von Reinkarnation und Wiedergeburt, das Naturvölkern und den "Metamorphosen" des Ovid weit näher ist als dem Christentum. Und es ist eine radikale, wie von versöhnlicher Demut getragene Absage an die Idee, den Menschen als Krönung der Schöpfung zu feiern. Es bietet vor allem Perspektive, da es menschliche Kultur nicht als Überwindung der Natur sieht, sondern als Teil davon: "Die Natur ist nicht die Urgeschichte der Zivilisation. Sie ist unsere Gegenwart und vor allem unsere Zukunft."

Wie man mit diesen Erkenntnissen im tägliche Leben umgeht, das beantwortet Coccia (noch) nicht.

Faszinierende Artenvielfalt

Mit der ganz konkreten Natur rund um uns hat sich dafür Biologe Dave Goulson beschäftigt. In "Stumme Erde" beschäftigt er sich mit dem Leben der Insekten - konkret damit, was ihr massenhaftes Aussterben für das Ökosystem und damit für den Menschen bedeutet. Ein Krieg gegen die Natur - mit Insektiziden und Monokulturen - ist ein Krieg des Menschen gegen sich selbst, lautet seine harte Schlussfolgerung. Ohne den Menschen könnte das Ökosystem der Erde wunderbar weiter existieren - ohne bestäubende, zersetzende und nährende Insekten bräche Chaos aus.

Goulsons Buch ist eine glühende Liebeserklärung an die Vielfalt der Arten, eine profunde Zusammenschau über die komplexen Ursachen des Artensterbens - von vergiftetem Ackerland über die Zerstörung von Lebensraum bis zu Lichtverschmutzung. Nicht erst sein Szenario von einem Leben auf Erden ohne einen Großteil der Insekten macht nachdenklich wie betroffen. Was "Stumme Erde" neben den praktischen Ratschlägen für Einzelne, aber auch Kommunen und Staaten auszeichnet, sind die liebevoll geschriebenen, regelmäßig engestreuten Tierporträts.

Vielleicht ist es die Bewunderung für die Fähigkeit von Hummeln, anhand der elektrischen Ladung leere von prallen Blütenkelchen unterscheiden zu können, die Menschen zum Umdenken bringt. Vielleicht die Faszination von Ohrwürmern mit einem Zweit-Penis, die grausame Fortpflanzung der Juwelwespe oder von Ameisen, die ihren Opfern mit Trojanischen Stängeln Fallen stellen.

Geschärfte Wahrnehmung

Die Spielarten der Natur wahrnehmen zu können, sich einzulassen auf eine andere Sicht auf die Welt, damit hat sich auch Helen Macdonald beschäftigt. In "Abendflüge" hat sie Essays versammelt, in denen sie ihr bemerkenswerte Begegnungen mit Tieren festhält oder an ihren Überlegungen zur Naturbeobachtung teilhaben lässt. Sie erzählt vom Armdrücken mit Ziegen, dem Beobachten von Zugvögeln von Wolkenkratzern aus, von der Faszination für leuchtende Glühwürmchen, ernsthafte Mauersegler und Säulen fliegender Ameisen.

Ihre poetisch literarischen Naturbeobachtungen bilden als schillerndes Kaleidoskop ein entschleunigendes Buch, das zum gedanklichen Innehalten einlädt. Macdonalds Bereitschaft, den Zauber der Welt zu sehen, Natur als Wunder- und Überraschungskiste, die sich der menschlichen Kontrollsucht widersetzt, ist ansteckend wie inspirierend.

Damit trifft Helen Macdonald einen Punkt, den alle diese Natur-Bücher eint: die Bereitschaft, mit gewohntes Sehgewohnheiten zu brechen, sich auf gedankliche Abenteuer einzulassen, Natur dabei mit Neugierde und mit Zärtlichkeit als etwas anderes zu sehen als den Feind, der nicht ins Haus darf. Eine homogene neue Erzählung vom neuen Natur-Menschen liefern sie freilich noch nicht, definitiv aber einige Mosaiksteinchen dafür.