Vater, Mutter und vier Kinder. Die Yilmaz sind oder besser waren eine normale türkische Familie in Deutschland. Der Vater Hüseyin kam Ende der sechziger Jahre dorthin und arbeitete sich in einer Metallfabrik krumm und krank. Zu Beginn des Romans steht er als Rentner in seiner neuen Eigentumswohnung in Istanbul und hält Rückschau auf sein Leben. Kurz darauf fällt er um und ist tot.

Sein plötzliches Ableben bringt die Familie wieder zusammen. Die Beerdigung ist Anlass, sich in Istanbul zu versammeln: Die erstgeborene Tochter Sevda, die erst nach ihren Eltern nach Deutschland gebracht wurde und heute Geschäftsfrau und Mutter zweier Kinder ist, kommt zu spät. Das Nesthäkchen Ümit sitzt derweil schon inmitten fremder Verwandter. Der Bursche fühlt sich zum eigenen Geschlecht hingezogen und kann mit türkischen Riten so wenig anfangen wie mit der türkischen Sprache; seine Schwester Peri hat Germanistik studiert und fühlt sich wie Ümit in Deutschland zu Hause, in einem Land also, das die Eltern noch als Fremde wahrgenommen haben.

Ihr Bruder Hakan indes eckt überall an, er liebt zu schnelle Autos und deutsche Frauen und hat eine sensationell große Klappe, was die Unterhaltsamkeit des Romans fördert. Hakan bedient zwar das Klischee vom proletenhaften Angebertürken, aber der Autorin gelingt es trotzdem, ihn in seiner ganzen liebenswerten Großmannssucht darzustellen.

Schließlich gibt es noch Emine, die Mutter, die ihre eigenen Bedürfnisse ein Leben lang sehr souverän hintangestellt hat und den ganzen Laden trotzdem zusammenhält. Der tief sitzende Mutter-Tochter-Konflikt zwischen ihr und Sevda sorgt am Ende des Romans für einen herzergreifenden Showdown.

Die Yilmaz erweisen sich als ziemlich durchschnittliche Familie, deren Neurosen und Auffälligkeiten vielleicht ein bisschen zu sehr ins Kraut schießen. Die 1986 in Karlsruhe geborene Autorin Fatma Aydemir vereint sie in ihrem Familienroman "Dschinns". Es ist ihr zweiter nach ihrem erfolgreichen Debüt "Ellbogen" aus dem Jahr 2017. Dschinns heißen Geister, die das Menschenreich bevölkern. Im Roman stehen sie auch für Familiengeheimnisse, also die sprichwörtlichen Leichen im Keller, die es auch im Hause Yilmaz gibt.

Nacheinander stellt uns Aydemir die einzelnen Familienmitglieder vor. Zuerst den Vater und zuletzt die Mutter, dazwischen die Kinder. Den Eltern widmet sie sich in Du-Form, aus der quasi göttlichen Perspektive der Dschinns werden wir mit ihnen bekannt gemacht, erfahren von ihren Hoffnungen und Desillusionierungen. Eigentlich sind sie Kurden, doch das haben sie geheim zu halten gelernt - wie anderes auch. Dunkle Geheimnisse grundieren das psychologisch feinsinnige und kurzweilig zu lesende Buch. Die Kapitel der Kinder erzählt Aydemir personal in der dritten Person Singular. Jedes Familienmitglied bekommt in diesem realistisch erzählten Roman einen eigenen Sound, einen anderen Habitus und Gestus. Nicht aufdringlich, sondern fein austariert.

Die Autorin erzählt von den Fallstricken der Migration, von Trauer und Familienzusammenhalt, von Ankunft und Heimweh, von Tradition und Identität. Das alles vor dem Hintergrund aktueller Diskurse: Feminismus, Genderfluidität, Klassismus und Rassismus spielen in diesem Roman eine bedeutende Rolle.

Jedem Familienmitglied könnte man ein entsprechendes Label anheften. Etwa der Ältesten Sevda, die sich erst aus einer toxischen Beziehung lösen muss und deren eigene Kindheit um eine tragische Leerstelle kreist. Insgesamt sind es ein paar Konfliktherde zu viel, die Aydemir anfacht. Das trübt die Lesefreude aber kein bisschen, man rauscht durch diesen Roman hindurch wie durch eine gut gemachte TV-Serie.

An einer Stelle heißt es, dass Familie vielleicht nichts anderes sei als ein Gebilde aus Geschichten und Geschichten und Geschichten. Anhand der turbulenten Lebensgeschichte der Familie Yilmaz illustriert Fatma Aydemir genau das.