Für Leser in Europa, die nicht mit dem Alltag in amerikanischen Universitäten, Medien, aber auch großen Unternehmen vertraut sind, wird dieses Buch wie ein Bericht aus einer fernen, irgendwie irrealen Welt erscheinen, die dabei ist, durchzudrehen und völlig verrückt zu werden.

Und doch beschreibt der US-Literaturwissenschafter und Linguist John McWorther in "Die Erwählten - wie der neue Antirassismus die Gesellschaft spaltet" bloß, was mittlerweile Alltag geworden ist in den Vereinigten Staaten: eine Art Hexenjagd, die sich nicht nur gegen jene wendet, die Rassisten sind oder auch nur des Rassismus beschuldigt werden, sondern mittlerweile auch gegen jene, die auch nur bezichtigt werden, nicht in ausreichendem Masse antirassistisch eingestellt zu sein. Die Waffen in diesem Krieg sind die sozialen, aber auch die traditionellen Medien. Die wirkmächtigste Waffe ist die Angst, die sich wie ein grauer Schleier über große Teile des öffentlichen Diskurses gelegt hat - die Angst, eines Tages selber beschuldigt, bezichtigt und anschließend beerdigt zu werden; jedenfalls was die Karriere betrifft.

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Eine Art Religion

Dutzendweise berichtet McWorther von solchen Fällen. Etwa den der Dekanin einer US-Uni, die sich schriftlich mit der "BlackLivesMatter"-Bewegung solidarisiert hat, aber hinzufügte, dass auch alle anderen Leben zählen - was die Leitung der Uni ihr als nicht hinreichend antirassistische Einstellung ankreidete und sie prompt feuerte.

So etwas ist heute völlig normal in den USA. "Ich schreibe hier nicht über einige wenige Pechvögel, sondern über eine im inneren Gewebe der Gesellschaft wirksame Dynamik. Auch wer einfach nur seinen Job macht, ist nie gefeit davor, vom Missionierungsdrang des Antirassismus erwischt zu werden." (McWorther)

Um dem zu entgehen, sind mittlerweile Rituale entstanden, die mehr an das China der Kulturrevolution erinnern als an das Land of the Free. "Im Mai 2020 hielt die juristische Fakultät der Northwestern University bei Chicago ihre Fakultätssitzung ab. Es war kurz, nachdem George Floyd von einem Polizisten brutal getötet worden war. Im ganzen Land kam es zu gewaltsamen Protesten, es fanden ,Black Lives Matter‘-Kundgebungen statt, und die Damen und Herren Professoren fanden, es sei an der Zeit, dass auch sie ein Zeichen setzten. (...) Gegen Ende der Sitzung erhoben sich alle Beteiligten von den Stühlen und legten ein Bekenntnis ab: Wir sind privilegiert. Und wir sind rassistisch", berichtete damals die "NZZ". "Ganz freiwillig war das nicht. Das Schuldeingeständnis wurde vom ganzen Lehrkörper verlangt. Unabhängig von der Herkunft, den persönlichen Erfahrungen und der politischen Einstellung der Dozierenden."

Für den Autor ist hier eine quasi-religiöse Bewegung entstanden, also eine zutiefst antiaufklärerische Plattform, mit allen damit verbundenen Charakteristika: "Erwählte", die über den wahren Glauben befinden, eine Erbsünde (weiß sein), und die Existenz von Ketzern schließlich, diesfalls alle, die sich gegen diese Bewegung richten. Als Scheiterhaufen haben sich Twitter und Facebook bewährt.

Eingebettet sieht der Autor diese Religion in die Neue Linke. "Ich glaube, das Schlimmste ist ihr zentraler Glaubenssatz, dass man als moralisches Wesen eine Pflicht hat, in jeder Lebenslage zu demonstrieren, dass man das richtige Bewusstsein hat. Das ist ihnen deutlich wichtiger, als tatsächlich die profane Arbeit zu leisten, etwas zu verändern und den Leuten zu helfen, die Hilfe brauchen. Es gilt: Du kannst fordern, was du willst, auch Dinge, die in Wirklichkeit schwarzen Menschen schaden, solange du damit zeigst, dass du weißt, dass Rassismus existiert."

Bemerkenswert ist, dass sich der Autor nicht nur auf eine Beschreibung des Irrsinns beschränkt, sondern auch konkrete - und sehr vernünftige Vorschläge - serviert, wie die Lage der Schwarzen in den USA nachhaltig zu verbessern wäre. Vor allem fordert er eine Legalisierung des Drogenhandels, um schwarzen Unterschichtkids die Möglichkeit zu nehmen, in diesem Milieu Ersatz für traditionelle Arbeit zu finden; zweitens eine Ertüchtigung der Lehre, wie sie in Deutschland und Österreich üblich ist, um den Druck auf die Unis zu mildern; drittens ein Programm mit dem Ziel, dass schwarze Kinder aus problematischen Milieus trittsicher lesen und schreiben können.

Dass der Autor selbst Schwarzer ist, hat es seinen zahlreichen Kritikern nicht eben leichter gemacht: "Ein Weißer konnte das nicht schreiben, man hätte ihn sofort als Rassisten abgestempelt", argumentierte er jüngst in der "Süddeutschen Zeitung". Was offenkundig auch Teil des Problems ist.