"Viel hat von Morgen an, / Seit ein Gespräch wir sind und hören voneinander, / Erfahren der Mensch; bald sind wir aber Gesang": So dichtete Friedrich Hölderlin in seiner um 1800 entstandenen Hymne "Friedensfeier", und bestimmte damit das Leben als einen fortdauernden Dialog mit der Welt, ihren Dingen und vor allem anderen Menschen. Womit auch gesagt ist, dass Sprache das Medium ist, in und mit dem wir, in einem tieferen Sinne, zu Menschen werden.

Diesem Credo würde sich Peter Handke vermutlich anschließen, gerade auch, was Hölderlins Hoffnung betrifft, aus dem "Gespräch" möge dereinst ein "Gesang" entstehen, also eine höhere, poetische Existenzweise. Der gegenwärtige Lauf der Dinge verspricht allerdings kaum ein gutes Ende. Aber vielleicht braucht es gerade deshalb umso dringlicher jene Zuversicht, die Handke partout nicht aufgeben will für uns: "Wir Bedrohten. Wir auf des Messers Schneide. Wir Kippexistenzen", so lautet einer der letzten Einträge in seinem Journal "Innere Dialoge an den Rändern. 2016-2021".

Gedankensplitter

Das neue Tagebuch setzt dort fort, wo "Vor der Baumschattenwand nachts. 2007-2015" von 2016 endete, allerdings nicht nahtlos, denn Handke fühlt sich keinem fixen Format verpflichtet. Die rund 370 Seiten dieses Journals enthalten keine längeren Notizen mehr wie noch der Vorgängerband, sondern Handke widmet sich ganz der kleinen Form: Aphorismen, Gedankensplitter und dergleichen finden sich darin, zumeist lediglich zwei bis drei Zeilen lang.

- © Jung und Jung
© Jung und Jung

Wie stets und unvermeidlich, liefert auch dieses Tagebuch einen übervollen Steinbruch an Material, aus dem man die poetischen Perlen selber bergen muss. Einträge also wie: "Unterscheide zwischen Gipfelwind und Wipfelwind: der letztere ist meiner". Ebenso, wie immer bei Handke, bleiben die Zumutungen der Gegenwart nahezu völlig ausgeblendet; seine Gedankenwelt liegt in der Vergangenheit, der antiken Kultur und Literatur der Prämoderne: Er wundert sich über bestimmte Wörter bei Homer, blättert im "Alten Wörterbuch" des Griechischen das Lemma "liegen" nach, erfreut sich bei der Lektüre Pindars an der Sonne im Garten und dergleichen mehr.

Das soll freilich nicht heißen, dass Handke sich vornehmlich bildungsbürgerlicher Kulturbeflissenheit bedient. Immer wieder finden auch Trivialitäten ihren Weg ins Journal: "‚Sie können Ihre Barke hinlenken, wo es Ihnen gefällt.‘ Tageshoroskop", steht da beispielsweise, und es ist keineswegs das einzige Mal, dass sich Handke der unerschöpflichen Materialquelle astrologischer (Schein-)Weisheiten bedient, denn im Altertum galt die Sternendeutung bekanntlich als verlässliche Erkenntnismethode.

Und da wir schon beim Altertum sind: Handke macht kein Geheimnis daraus, in Bälde in sein neuntes Lebensjahrzehnt einzutreten: "Altern: der Medikamententisch im Haus (bis jetzt noch ein Tischchen)", notiert er etwa. Doch so viel Platz benötigen Tablettenschachteln ja nicht, wie man weiß. Etwas ehrlicher ist daher ein Notat wie: "Existenznachweis: sich täglich nah dem Tod zu spüren".

- © Suhrkamp
© Suhrkamp

Kaum zu erstaunen, da diese Tagebücher "Innere Dialoge an den Rändern" betitelt sind, vermag die Häufigkeit, mit der Handke darin innere Zwiegespräche inszeniert, so wie etwa: "Habe ich ein ‚episches Temperament‘, eine ‚epische Ader‘? - Nein, aber eine epische Weise, eine Urweise, immer neu aus der Tiefe zu schürfen. - Aus welcher Tiefe? - Aus der Tiefe." Ebenso häufig finden sich dazu passende poetologische Erwägungen wie: "Unwillkürliches Selbstgespräch: ‚Unterbrich mich nicht ständig!‘"

Die an Hölderlin anschließende Betonung der Idee von Existenz als Dialog verknüpft das im Verlag Jung und Jung erschienene Tagebuch mit dem bei Suhrkamp nahezu zeitgleich erschienenen Theaterstück "Zwiegespräch", ein schmaler Text von gerade einmal 70 Seiten. Das Buch ist Otto Sander und Bruno Ganz gewidmet, weshalb man den Text als Dialog der beiden Theatergrößen vor dem inneren Auge visualisiert. Man kann ihn jedoch auch als inneren Selbstmonolog eines älteren Mannes lesen, der gut und gerne Peter Handke sein könnte.

Alterswerk

Eine gewisse Nähe zwischen den Sprechern und dem Autor darf jedenfalls vermutet werden, denn ihr "Zwiegespräch" dreht sich wesentlich um eine Dorfkindheit in Österreich, bei der sich die Begegnung mit dem Theater als prägende Kunsterfahrung erwies, die "mich auf den Weg gebracht hat". Ebenso wegweisend für einen Sprecher war der Einfluss des Großvaters, von dem Handke bereits in zahlreichen anderen Werken berichtet hat.

"Habe ich dir das schon erzählt?", fragt der eine Sprecher einmal, worauf der andere antwortet: "Zweimal, wenn nicht dreimal! / Ja, so ist es wohl, mit dem Erzählen im Älter werden. Und das soll mir so recht sein."

Auch "Zwiegespräch" erweist sich als ein veritables Alterswerk, in dem Handke sowohl "Ahnenkult" betreibt als auch zurückblickt auf die Kindheitserlebnisse, die aus ihm machten, was er wurde. Denn das (Selbst-)Gespräch geht immer weiter. Was vielleicht das Einzige ist, was zählt.