Was macht ein Kinderbuch aus? Das fragt man sich unweigerlich bei "Der Sandmann" aus dem Kindermann Verlag. Der Text: klar und leicht verständlich. Die Illustrationen: ein bisschen düster, dennoch farbenfroh und sehr weich. Aber der Inhalt! Ein gruseliger Anwalt und Alchemist; die schreckliche Angst eines kleinen Buben um seine Augen, die ihm der "Sandmann" herausreißen könnte; ein junger Mann mit einer Obsession für eine Aufziehpuppe, der in seinem Wahnsinn die eigene Verlobte vom Balkon schubst.

Soll man das wirklich Achtjährige lesen lassen, wie die Altersempfehlung des Verlags lautet? Ja, sagt Anna Kindermann. Die Verlagschefin höchstpersönlich hat E.T.A. Hoffmanns bedeutendstes Werk für Kinder neu erzählt. Der Anlass: der 200. Todestag Ernst Theodor Wilhelm Hoffmanns (1776 bis 1822) am 25. Juni. Viel wurde in den "Sandmann" hineininterpretiert. Da ist zum Beispiel das Motiv der (sehenden, empfindlichen, leicht zu täuschenden) Augen, das für Sigmund Freud im Zentrum stand. Oder das Verhältnis Mensch/Maschine, das Hoffmann mit der Puppe Olimpia, in die sich sein Protagonist Nathaniel unsterblich verliebt, und mit einem Sehinstrument, das ihn in den Wahnsinn treibt, durchexerziert. Und dann die Kritik am damaligen Frauenbild, die öfters durchblitzt.

"Das Buch ist schwierig, ja, aber ich finde es wichtig, gewisse Themen wie Wahnsinn oder das Böse an sich Kindern nicht vorzuenthalten, sondern ein bisschen mit der Sprache weichzuspülen, sodass sie es verstehen können, aber das Ganze doch eben nicht zu grausam ist", sagt Autorin Kindermann im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" nach ihrer ersten "Sandmann"-Lesung vor einer 4. Klasse. "Ich hatte nicht den Eindruck, dass es den Kindern zu düster ist. Ich finde schon, dass man es ihnen zutrauen kann." Auch weil sie zwar an Hoffmann’scher Brutalität nichts auslässt - so auch Nathaniels Tod am Schluss -, aber sie dosiert einsetzt. "Es ist allerdings ein Buch, das Eltern und Kinder gemeinsam lesen sollten", meint die 35-Jährige, die das Original selbst schon in der Schule gelesen hat. "Es hat mich schon damals gefesselt." Mit der Neuerzählung betätigt sie sich nun zum zweiten Mal als Autorin.

Was böse aussieht, ist böse

Im Vergleich zum "Sandmann" sind "Die Königsbraut" und "Das fremde Kind" fast schon lieblich zu nennen. Auch wenn die beiden Kunstmärchen Hoffmanns, die Sophie Reyer für den Verlag Herder adaptiert hat, schon auch etwas Furchteinflößendes haben: Sei es der Rübenbaron, den Fräulein Ännchen in "Die Königsbraut" heiraten soll, nachdem sie vor Jahren einen Ring im Feld verloren hat, was ihr als Eheanbahnung ausgelegt wird; oder der widerliche Lehrer Magister Tinte in "Das fremde Kind" - das besagte fremde Kind selbst ist allerdings nicht zum Fürchten. Und beide Märchen finden eigentlich jeweils ein versöhnliches Ende.

Der böse Alchemist Coppelius, für den kleinen Nathanael "der Sandmann", dem später der italienische Brillenhändler Coppola wie aus dem Gesicht geschnitten ist. - © Illustration: Dorota Wünsch
Der böse Alchemist Coppelius, für den kleinen Nathanael "der Sandmann", dem später der italienische Brillenhändler Coppola wie aus dem Gesicht geschnitten ist. - © Illustration: Dorota Wünsch

"Hoffmann strotzt vor Einfällen und Wendungen, vor Sympathie für Spiel und kindliche Selbstverlorenheit, vor Staunen vor Methaphysik und Mystik", stellt dazu die Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Nora Gorminger fest, die das Vorwort zur Neuauflage geschrieben hat. Er kennt aber auch "die Abgründe und Schlünde der Welt sehr gut". Und: "Hoffmann spottet in seinen Werken unablässig, mal feinsinnig, mal so direkt, man könnte es grobschlächtig nennen, über bestimmte Berufs- und Bevölkerungsgruppen."

Was es freilich auch gibt, das sind antisemitische Ressentiments. Die hat Herder bewusst ausgespart. Was aber die Illustratoren beider Bücher konsequent umgesetzt haben, ist ein Hoffmann’scher Grundsatz, den Gomringer so formuliert: "Furcht hat recht! Was - und das ist gute alte Märchenmanier - krüppelig, hässlich, runzelig ist, das ist böse, verdorben, furchteinflößend."