Menschen sind Meister des Verdrängens. Aber auch große Illusionisten. Weil ein Mensch miterleben, mitfühlen, sich in einen anderen hineinversetzen kann, und zwar mit allen, auch negativen Folgen. Empathie ist aber nur einen Schritt entfernt von Autosuggestion, von Erinnerungen an erfundene Dinge, von Fiktion also. Über dieses Zaubernetz von Auslassung, Memorieren und Erfindungen hat sich in den letzten Jahren die Psychologie mit Interesse gebeugt.

Um Vergessen, Verdrängen, Erinnern und melancholische Illusionen kreist im Grunde das Gesamtwerk des Autors Claudio Magris aus Triest, der lange an der dortigen Universität deutsche Literatur lehrte. Seit seinem literarischen Debüt, "Illazioni su una sciabola" von 1984, auf Deutsch als "Mutmaßungen über einen Säbel" erschienen, geht es ihm auch um die Opfer der Zeit. Um jene, die von ihr zerrieben wurden, die vergingen, spurlos, wortlos.

- © Hanser
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In einem Essay, den Magris 1986 anlässlich des Todes des argentinischen Dichters Jorge Luis Borges schrieb, meinte er (auch in eigener Sache) treffend, dessen Werk sei durchzogen von einem melancholischen Bewusstsein, dass Literatur das Leben nicht retten könne. Allerdings würde Borges’ Größe darin bestehen, das Leben, seine Fülle und seine Nichtigkeit zu beschwören, indem er die Unzulänglichkeit der Literatur, es zu repräsentieren, aufzeige. Gleichzeitig mache sie sich diese Unzulänglichkeit zu eigen.

In den fünf komprimierten Erzählungen in "Gekrümmte Zeit in Krems" umkreist Magris in suggestiv konzentrierter, teils anspruchsvoll verschachtelter Prosa Menschen am Ende ihres Lebens. Der eine schlüpft unerkannt in die Rolle des Portiers in jenem Zinshaus, das er vor Jahren selbst kaufte. Ein anderer Protagonist wird in der besten, der Titelgeschichte, in einen Maelstrom aus Zeit und Zeitkonzepten, Erinnerungswirbeln und Sinndefinitionen hineingezogen. Eine dritte Figur, ein Musiker, räsoniert über Musik und das Scheitern.

Und in der Schlusserzählung verfolgt ein Autor die Dreharbeiten eines Films nach einem von ihm geschriebenen Roman, der seinerseits autobiografische Erlebnisse wiedergibt. Oder eben nicht wiedergibt, da die Kunst nicht das Leben ist, sondern nur eine von unüberschaubar vielen Wahl- und sich daraus ergebenden, sich weiter und weiter verzweigenden Ereignismöglichkeiten. Geradezu symbolisch ist fast genau in der Buchmitte die Frage zu lesen: "Wann also ist jetzt?"

Der schmale Band dürfte sehr bald zum Besten gezählt werden, was der Triestiner Autor geschrieben hat. Dass zwischen dem Erscheinen des Originals und der feinen Übersetzung von Anna Leube drei Jahre liegen, heißt für den Teil der hiesigen Leserschaft, der der italienischen Sprache nicht mächtig ist: Es sind in dieser Zeit schon weitere Bücher von Claudio Magris erschienen, die noch der Übertragung harren. Dies möglichst bald nachholen, bitte. Und ohne Zeit zu verlieren.