Es sind seltsame Bilder von Peter Handkes Besuchen in Serbien - zumal er sie selber freigegeben und sogar veröffentlicht hat. Da steht der Hagere, Ungekämmte zwischen bärenstarken Hünen, die ihm brüderlich begegnen. Bruder im Geiste ist er: der Vergeistigte, der Poet, der Intellektuelle, der auf den Abbildungen die Nähe von Pranken und Tatzen sucht, die seine schmächtige Hand drücken und schütteln. Die Fotos aus den späten 1990er- und den 2000er-Jahren rufen nicht nur Hobbypsychologen zur Vermutung auf, hier kompensiere einer das fehlende Männliche seiner Statur.

Mann genug ist Handke selbstredend für viele serbische Nationalisten, vor allem aber auch für einfache Bürgerinnen und Bürger Serbiens. Denn Handke ist in deren Sicht der einzige prominente Aufrechte aus dem Westen, der sich gegen das Narrativ des Westens stellt, Serbien sei in den zwei Balkankriegen eine Täternation gewesen. Dass man eine wesentliche Verantwortung an Kriegsverbrechen trage, mag vielleicht partiell auch die Meinung liberaler Belgrader Schichten sein, die das Land in Richtung Europa und Union bewegen wollen. Bei der Mehrheit der serbischen Bevölkerung ist dieses Urteil, das auf Beweisen fußt, nicht durchzusetzen.

Nobelpreisträger Handke, Sohn eines deutschen Nazi-Soldaten und einer slowenischen Mutter, badet seit Jahren im sumpfigen Teich eines in seinem Verwesen gestoppten, nun untoten Nationalismus, der sich das Mäntelchen des selbstherrlichen Patriotismus umgehängt - wehende Fahnen, rote und goldene Orden und das laute Wehklagen, vom Westen und seiner Siegerjustiz gedemütigt worden zu sein. Das Lied der Amselfeldschlacht von 1389. Gleiche Melodie, neuer Text.

Clemens Ruthner, der vor ein paar Monaten eine hier ausführlich besprochene, akademisch begleitete Neuauflage des pornografischen Dirnenromans Josefine Mutzenbacher als Herausgeber verantwortete, kehrt nach nur kurzer verlegerischer Pause als Mitinitiator des Sammelbandes "Peter Handkes Jugoslawienkomplex" (Königshausen & Neumann) auf die akademisch-literarische Bühne zurück. Ruthner (57), ein Wiener Gemeindebaukind, der am Trinity-College in Dublin German & European Studies unterrichtet, ist profunder Kenner des Balkans und der Geschichte Bosniens unter den Habsburgern. Zudem unterrichtete er vier Jahre an der Universität in Sarajevo - prägende Jahre, wie er sagt. Gemeinsam mit Vahidin Preljevic, Professor für Germanistik an ebendieser Universität, hat er über Jahre an dem Projekt gearbeitet, Handkes für viele oft unerklärliche Balkan-Besessenheit aufzuarbeiten, die nur eine Sicht der blutigen Verwerfungen zu kennen scheint - die serbische. Ruthners altes Handke-Projekt bekam 2019, durch die Verleihung des Literaturnobelpreises an Handke neuen Schwung. Der Publizist wollte Pro-Handke- und Contra-Handke-Stimmen einsammeln und die Diskussion auf eine akademische Ebene heben, anstatt diese auf ewig der Journaille zu überlassen.

Doch er hatte seine Rechnung ohne die "Handke-Kirche", wie Ruthner Handkes Verteidiger nennt, gemacht. Einer der wenigen, die Handke in der Diskussion unterstützen, der deutsche Autor und Publizist Lothar Struck, hat seinen Text für Ruthners Buch vor dem Druck zurückgezogen. Ruthner bedauert dies, denn Strucks Aufsatz stellte für ihn einen gelungenen, der Diskurskultur förderlichen Beitrag dar. Doch war mit Struck nicht weiter zu reden.

Anfeindungen aus der Literatur

Die Anfeindungen gegen das Projekt, hauptsächlich aus dem Literaturhaus Wien kommend, haben Ruthner dann müde gemacht. Resigniert sagt er, dass es ihm nicht gelungen sei, beide Seiten in das Werk gleichberechtigt einzubinden. Dass es dennoch ein auf vielen Seiten erhellendes, spannendes und gelungenes Buch geworden ist, liegt auch an der Sprachmacht der Handke-Kritiker wie Slavoj Žižek ("Did The Nobel Committee Honor An Apologist For Genocide?"), Alida Bremer ("Der Dichter auf dem Irrweg. Handke im Kontext"), Helen Finch ("On Teaching Handke. Canon and Curriculum in the Wake of the Nobel Prize"), Barbi Markovic ("Srebrenica"), Wolfgang Müller-Funk ("Kreiselndes Erzählen. Handkes ‚Die morawische Nacht‘ - eine Ästhetik des Ressentiments"), Gerrit Althüser ("Serbische Indianer? Eine Metapher zwischen mythopoetischer Distinktion, intertextueller Reflexion und Realitätsverzerrung"), Theodore Fiedler ("Der Schriftsteller und die Journalisten. Handkes Umgang mit den ‚Fernfuchtlern‘ der postjugoslawischen Kriege"), Ricardo Concetti ("Märchenland oder Morgenland? Anmerkungen zum Orientalismus in den Jugoslawien-Texten Peter Handkes") oder Mira Miladinović Zalaznik ("Der Gang durch Slowenien. Peter Handkes und Drago Jančars Auseinandersetzung mit dem beginnenden Zerfall Jugoslawiens").

Poesie oder Fake News?

Da nun fast alle Texte unter seiner und Preljevics Herausgeberschaft Handke-kritische Texte sind, ist es kurioserweise nun Ruthners Aufgabe, die Argumente, der im Buch nicht veröffentlichenden "Handke-Kirche" aufzuführen. Ruthner erklärt, dass die Verteidiger Handkes stets auf Neue betonen würden, dass des Schriftstellers Werk Poesie sei und Poesie nicht gleich Politik sei - eine Poetisierung der Geschichtsschreibung sozusagen, ein Herbeischreiben einer Gegenwelt, die nichts mit Fakten und Realität zu tun hat. Dabei, so Ruthner, hat Handke selber immer wieder betont, dass er das meine, was er da schreibe; dass seine Texte zu Jugoslawien und Serbien wahrhaftige Texte sind, die man so lesen muss, wie sie von ihm geschrieben wurden.

Besonders beunruhigend findet Ruthner, dass Handke zuletzt mehr und mehr auf Fake-News reflektierte, dass seine Zweifel an Verbrechen und deren Täterschaft ihn zum Trompeter eines unappetitlichen, auf Blut und Boden fixierten, völkischen Nationalismus machten. Handke, so Ruthner, habe Monate gebraucht, den Genozid von Srebrenica als tatsächlich Stattgefundenes zu kommentieren. Das liegt vor allem daran, so Ruthner weiter, dass Handke sich die letzten Jahre nur von einem intellektuellen Milieu informieren ließ, das von serbische Soldateska verübte Kriegsverbrechen entweder relativierte oder eruptiv mitunter sogar guthieß.

Ultimative Bedrohung

Der böse, arrogante Westen, dessen Moraldiktat mit seiner Militärmacht Hand in Hand geht und dessen brutal neoliberaler, hegemonialer Kapitalismus die kulturellen Eigenheiten von Ländern, Regionen und Ethnien sogar bis hin zu den Geschlechteridentitäten abschaffen will; diesen Westen erkennt nicht nur Handke, erkennt man nicht nur in Serbien, sondern auch in Russland als ultimative Bedrohung von Volk und dem dem Volk innewohnenden Tradierten an - jenes Russland, das heute bereit ist, Krieg zu führen, um den Vormarsch einer dynamisch-aggressiven, gesellschaftlichen und kapitalistischen Moderne zu stoppen.

Das Seltsame und doch Wahrhaftige: Viele Linke können dieser zwischen den Polen des Extremismus changierenden Sicht etwas abgewinnen. Doch verkörpern die Gegner des Westens nicht die Freiheit der freien Welt. Da zerreißt es, einmal mehr, die Linke in zwei Teile. Und nicht nur den Dichter aus Kärnten, der sich einen romantischen, pseudolinken Balkan dichtet, ein Land, das so frei und rein nur in seinem Kopf lebt.