Die russische Lyrik wird dem gewöhnlichen mitteleuropäischen Leser, sagt man, immer verschlossen bleiben, weil sie sich nicht so richtig übersetzen lässt. Man kann natürlich angeben, was die Wörter bedeuten, aber die Magie dieser Literatur entzieht sich im Grunde. Ich habe zweimal in meinem Leben einen Anlauf unternommen, Russisch zu lernen, um der Sache wenigstens, wenn schon nicht auf den Grund, so doch ein bisschen näher zu kommen. Doch als uns (beim zweiten Versuch) die Lehrerin nach zwei oder drei Jahren eine Micky-Maus-Geschichte mitbrachte, in der Annahme, wir wären für solch einfache Alltagssprache nun gerüstet - scheiterten wir allesamt daran. Dann gab ich es auf.

Nun ist mir ein Buch begegnet, in dem ich gewissermaßen um die Ecke etwas vom Flair dieser Poesie und der dazugehörigen Poeten mitbekommen habe. Es handelt sich um den Briefwechsel zwischen zwei der bedeutendsten russischen Lyriker im 20. Jahrhundert: Boris Pasternak und Marina Zwetajewa ("Briefwechsel 1922-1936". Hrsg. und übers. von Marie-Luise Bott, Wallstein Verlag, Göttingen 2021, 802 Seiten). In der Art und Weise, wie die beiden über ihr eigenes Dichten und das des anderen, zudem über die unmittelbaren Kollegen (Majakowski, Blok, Mandelstam ...) und verehrte Große aus dem nicht benachbarten Ausland (Rilke spielt eine besondere Rolle) schreiben, wird einem das alles vielleicht ein wenig begreifbarer. Da ist eine wilde Mischung aus Leidenschaft und Verzweiflung, geistiger Schärfe und märchenhafter Blumigkeit, Hochmut und Bescheidenheit. Man liebt einander aus der Ferne - ist es doch mehr als kollegiale Hochschätzung? Was ist es denn wirklich? Die jeweiligen Ehegesponse bleiben ein heikles Thema und spielen in diesen Briefen nur am Rand eine Rolle.

- © Wallstein
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Darüber hinaus bietet der Band ein interessantes Panorama der damaligen literarischen Szenerie, dazu Einblicke in die Lebensumstände der beiden Protagonisten. Diese Umstände sind mehr als prekär: Anfangs der 1920er Jahre ist Zwetajewa emigriert, und Pasternak versucht in Moskau, über die Runden zu kommen. Beide haben sich bereits einen gewissen Ruf erarbeitet, was jedoch insbesondere bei der Emigrierten finanziell gar nichts bringt. Sie ist von milden Gaben einzelner Gönner abhängig. Überraschender- und abstruser Weise erhält sie einige Jahre lang (wie andere Exilrussen) ein Stipendium der Tschechoslowakischen Republik. So hoffte man damals, die russische Intelligenz, die in größerer Zahl darauf verzichtet hatte, sich an der Einrichtung des Paradieses der Werktätigen zu beteiligen, an die Moldau zu locken.

Pasternak tut sich mit der anfangs begrüßten kommunistischen Macht immer schwerer, auch einen Prominenten wie ihn bedrücken Meinungsterror und Bespitzelung, bei jedem Brief und auch sonst muss man mehr und mehr aufpassen, was man schreibt; aus dem Ausland geschickte Bücher werden ohne viel Federlesens beschlagnahmt. In den Dreißiger Jahren beenden Meinungsterror, Denunziation, wahllose Verhaftungen und Hinrichtungen so ziemlich alles, was es bis dahin noch an Geistesleben in Russland gegeben hat.

Zwetajewa quält, neben den übrigen Misslichkeiten einer Emigrantenexistenz, auch das Heimweh: "Dem Pferd der Emigration schmeckt mein Futter nicht." Die Geschichte geht auch gar nicht gut aus. 1939 kehrt sie in die Sowjetunion zurück. Vom literarischen Leben ausgeschlossen, lebt sie in furchtbarem Elend, wird zuletzt kriegsbedingt in die Tatarische Sowjetrepublik evakuiert und setzt 1941 ihrem Leben ein Ende. Zusammenfassend stellt Wikipedia fest: "Weder Stalin noch das kommunistische Regime insgesamt standen ihrer Arbeit wohlwollend gegenüber." So kann man es auch ausdrücken.

Großes Lob gebührt wieder einmal dem Wallstein Verlag, der sich nicht scheut, solche doch ziemlich sperrigen Projekte anzugehen und erfolgreich zu betreuen.