Georg Hollaus ist ein ziemlich frustrierter Wissenschaftsredakteur einer mittelgroßen Wiener Zeitung, "die jeden Tag aufs Neue an ihrem Anspruch scheitert, der österreichische Guardian zu werden". Unfähig, sich mit der redaktionellen Unterwerfung unter den Fetisch Marketing und seine begleitenden begrifflichen Missgeburten "Synergieeffekte", "Zielgruppe" oder "Corporate Identity" abzufinden, träumt er von einem Buch über das sogenannte Tunguska-Ereignis: eine gigantische Explosion vermutlich eines Asteroiden in mehreren Kilometern Höhe über der sibirischen Wildnis im Juni 1908, die riesige Schäden im Wald und noch an 60 Kilometer entfernten Häusern anrichtete und deren Druckwelle mehrere Male um die Welt ging.

Statt jedoch endlich sein Werk auf den Weg zu bringen, landet Hollaus in einem anderen Mysterium, das ebenfalls mit den Kräften der Physik zu tun hat: Er soll gemeinsam mit der Anwältin Eva Mattusch Beweise für die Unschuld der Physikerin Jelena Karpova, die des Mordes an ihrem narzisstischen Kollegen Jan Koller angeklagt ist, erbringen.

Im Forschungsbetrieb

Das Problem ist: Jelena hat die Tat bereits gestanden und verwehrt sich aggressiv gegen jegliche Zweifel an ihrer Schuld. Dabei hat sie sich bei ihrem Geständnis in Widersprüche verstrickt: Sie will Koller in der Nacht vor einem großen Kongress von hinten ins Herz gestochen haben, doch steckte die Tatwaffe - ein Brieföffner - in der Halsschlagader des Opfers.

Da Jelena und Koller beide am CERN, der Europäischen Organisation für Kernforschung, gearbeitet haben, fahren die Anwältin und der Journalist nach Genf, um bei hochrangigen Physikern mögliche Tatmotive in Erfahrung zu bringen. Die Recherchen offenbaren ein dichtes Geflecht diffiziler Theorien, persönlicher Eitelkeiten und Eifersucht - und erbringen denkbar widersprüchliche Aussagen über die Beziehung zwischen der angeblichen Mörderin und ihrem Opfer. Mit nichts als Hypothesen und Spekulationen fährt das ungleiche Duo nach Linz zurück, wo Eva das Gericht von der Unschuld ihrer Mandantin überzeugen soll.

- © Otto Müller Verlag
© Otto Müller Verlag

Mehr soll von der Fabel - auch aus Respekt vor der ihr immanenten Spannung - nicht verraten werden. Die Handlung ist, wie in allen Büchern Wilfried Steiners, das eine, Naheliegende - ihr historischer Kontext das andere, gewissermaßen größere Ganze. In "Schöne Ungeheuer" verwebt Steiner, künstlerischer Leiter des Linzer Kulturveranstaltungszentrums Posthof und längst anerkannter, für seinen bedrückenden Roman "Der Trost der Rache" sogar preisgekrönter Autor, eine Kriminalgeschichte aus einem hochentwickelten und -kompetitiven naturwissenschaftlichen Milieu mit grundsätzlichen Fragen der menschlichen Ethik: Wann - oder: ab wann - ist der Mensch ein Mensch? Darf sich der Mensch selbst ermächtigen, menschliche oder menschenähnliche Existenz zu erschaffen (und auch wieder zu vernichten), und wie weit darf er dabei gehen?

Das Bindeglied ist der Schauplatz Genf: Hier, wo im CERN Wissenschafter an nichts Geringerem als der Ergründung des Universums arbeiten, schrieb Mary Shelley vor rund 200 Jahren den Roman "Frankenstein oder der moderne Prometheus", in dem ein Wissenschafter - mit fatalen Folgen - einen künstlichen Menschen kreiert. Weltbeherrschungsanmaßungen schwingen in beiden Fällen mit.

Physik & Romantik

Dass das schöne Konstrukt dramaturgisch auf etwas wackeligen Beinen steht - seine am Ende des Buches offenbarte Quintessenz erweist sich als ziemlich dünn -, ist angesichts seiner Komplexität als verzeihlicher Makel zu verbuchen. Der Roman macht Spaß und weiß umfassende (Er-)Kenntnisse der Physik und der britischen Romantik des frühen 19. Jahrhunderts vital, anschaulich und unterhaltsam aufzubereiten.

Nur blitzt gelegentlich der Anschein auf, als bremse sich der Autor in aller Gedankentiefe und verbalen Gewitztheit gerne einmal selbst aus. Das zeigt sich etwa, wenn Steiner seinen Protagonisten gleichermaßen virtuos wie seltsam substanzlos über das Phänomen des Hobbys räsonieren lässt: "Hobby. Dieses Wort bremst die wilde Jagd, der sich der richtungslose Forscher hingibt, erinnert ihn daran, dass er niemals im Palast des Wissens ankommen wird, verwandelt die Kutsche in einen Kürbis, reißt den Reiter aus dem Sattel und zeigt ihm, dass sein Pferd nur aus Holz ist."