Am 7. September 2008 wurde Wendelin Schmidt-Dengler von einer Lungenembolie abrupt aus dem Leben gerissen. Zu den vielen, die um ihn trauerten, gehörten auch Spieler und Fans des SK Rapid Wien, die am 19. September vor einem Spiel eine Gedenkminute für den Germanisten und bekennenden Fußballfan einlegten. Wie ein spätes Echo auf diese Ehrung liest sich der Titel einer Podiumsdiskussion, die am 18. Mai vom "Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek" veranstaltet wird, um den bevorstehenden runden Geburtstag des Verstorbenen zu würdigen: "Hamlet, Happel, Hanappi und Handke".

Vier Namen mit H, zwei davon gehören Fußballern. Entsteht so ein treffendes Bild von der Lebensleistung eines leidenschaftlichen Literaturwissenschafters? Nein, bei all seiner Liebe zu Rapid. Besser wäre wohl: Hamlet, Horaz, Hanappi und Handke. Außerdem: Doderer, Dostojewski, Dionysos und - weil sich kein D-Namen mehr anbietet - Thomas Bernhard. Wer das unerschöpflich lange Verzeichnis von Schmidt-Denglers Schriften auf der Website der Universität Wien durchgeht, wird viele solcher Reihen bilden können. In einer von ihnen sollte Johann Nestroy aufscheinen, in einer anderen Mozart, in einer dritten Ernst Jandl.

Literaturvermittler

Wendelin Schmidt-Dengler, geboren 1942 in Zagreb, aufgewachsen in Wien, studierte an der Wiener Universität Germanistik und Klassische Philologie. 1965 wurde er promoviert, und zwar mit einer stilkritischen Untersuchung der "Konfessionen" des heiligen Augustinus. 1974 habilitierte er sich als Germanist mit einer Studie "zur Wirkungsgeschichte antiker Mythologeme in der Goethezeit".

Der Öffentlichkeit war Schmidt-Dengler später vor allem als Vermittler von Gegenwartsliteratur geläufig. Aber er behielt zeitlebens ein waches Interesse am Latein und an der Erbschaft der Antike. Friederike Mayröcker berichtete 2008 in einem Nachruf auf den Germanisten, mit dem sie gut befreundet war: "Einmal, als er auswendig Ovid rezitierte, erzitterte der Saal."

1980 wurde Schmidt-Dengler außerordentlicher Professor in Wien, 1989 Ordinarius, und von 1996 an leitete er auch das damals neu gegründete "Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek". Neben der akademischen Tätigkeit war der Professor ein begehrter Redner, der nicht nur über sein Fachgebiet dozierte, sondern auch über kulturpolitische Probleme - und ja sicher, auch über Fußball. Er sprach mit markanter Stimme und lebhafter Gestik, temporeich (um nicht zu sagen: rapid) und witzig. Vor allem aber verfügte er über die nicht überall verbreitete Fähigkeit, komplizierte Sachverhalte verständlich darzustellen, ohne sie zu versimpeln.

Wie seine Rede, so seine Schrift. Ein gutes Beispiel für den Stil seiner Wissenschaftsprosa bieten die Einleitungssätze zu "Bruchlinien", seinen Vorlesungen über österreichische Gegenwartsliteratur: "Die Frage, ob es eine österreichische Literatur gebe, ist schon in die Jahre gekommen und daher verdientermaßen auch schäbig geworden; sie wird in bezug auf mangelnde Präzision lediglich von der Frage ‚Was sind die Besonderheiten der österreichischen Literatur?‘ übertroffen. Die Frage war früher so etwas wie ein Dauerbrenner bei Symposien, und der Reiz, den sie vermittelte, lag wesentlich in der Gereiztheit der Disputanten."

Dieser zugespitzten Beschreibung des Ist-Zustands folgt dann die Vorlesung, die sich mit genau der Frage beschäftigt, die Schmidt-Dengler zum Beginn als "schäbig" ironisiert. Er erhebt allerdings den Anspruch, sie sachgemäßer zu behandeln als die Teilnehmer allzu gereizter Streitgespräche. Dieses Bemühen um vernünftige Klärung kontroverser Probleme spricht aus vielen seiner Beiträge.

Verständlichkeit

Schmidt-Dengler war als akademischer Lehrer beliebt, seine Seminare und Vorlesungen waren meist überfüllt, groß ist die Zahl derer, die bei ihm ihre Diplomarbeiten oder Dissertationen geschrieben haben. Im Kreise würdiger Kollegen kursierte jedoch hier und da der Verdacht, einer, der sich so verständlich ausdrücke, verfehle die Höhe der wissenschaftlichen Ansprüche.

Wie viel Neid in diesem universitären Ressentiment steckt, hat der Germanist Karl Wagner 2008 in einem Nachruf auf seinen Freund Schmidt-Dengler kurz und bündig dargelegt: "Seine Schnelligkeit, für den Witz unerlässlich, hat manche, die gewohnt sind, ihre Irrtümer mit großer Pedanterie auszuarbeiten, dazu verleitet, ihn für vorschnell zu halten. In Wahrheit beherrschte er lediglich etwas, das selten ist: schnell und gut zu denken."

Am 20. Mai würde Wendelin Schmidt-Dengler 80 Jahre alt, wenn er noch am Leben wäre. Schade, dass wir nie erfahren werden, was er im hohen Alter gedacht, gesprochen und geschrieben hätte.