Wie die Biografie einer Frau schreiben, wenn sich von ihr kaum etwas erhalten hat? Bibiana Amon (1892-1966) ist solch eine Schattenfigur der Literaturgeschichte, im Sinne des Kunsthistorikers Ernst Gombrich, der in seinem Essay über das Motiv des Schattens meinte, "diese vagen Formen" würden zwar "nicht unbedingt zu Bewusstsein kommen", aber "in uns das Gefühl einer lebendigen Präsenz der Moderne" steigern.

"Die Dokumente zu Bibiana Amons ersten zwei und letzten vier Lebensjahrzehnten", merkt der Biograf, Literatur- und Editionswissenschafter Walter Schübler schon auf Seite 1 seiner "Spurensuche" an, "sind spärlich - und karg." Denn: "Nur aus den späten 1910er-, frühen 1920er-Jahren sind zwei Dutzend Briefe von ihr überliefert. Insgesamt eine Handvoll verstreuter Splitter, mehr nicht." Dabei ist Amons Leben für die Geschichte Wiens und der Literaturmoderne alles andere als uninteressant.

- © Edition Atelier
© Edition Atelier

Außerehelich geboren in Linz in ärmlichen, kleinstbürgerlichen Verhältnissen. Nach der Schule Tätigkeiten als Kinder- und als Lehrmädchen. Dann zog sie nach Wien und knüpfte dort viele Kontakte, im Café Herrenhof vor allem. War Malerin, Sängerin, Handelsschülerin, Sekretärin. Reiste mit Peter Altenberg nach Venedig, dem sie die Stadt verleidete. Es lässt sich so etwas wie eine Beziehung zu Anton Kuh inklusive rasch wieder abgebrochener Verlobung herausbuchstabieren. Waren sie einander gut, stellte Kuh die "Zehn Bibiana-Verbote" auf. Bibiana ihrerseits schickte ihm Briefe, die sie mit "Dein Schicksalerl" signierte.

Bohème-Leben, Kokainsucht, ökonomische Not. Übersiedlung nach Berlin, wo sie als Schauspielerin leidlich beschäftigt war und einen Theaterkollegen heiratete. Vier Jahre später ist eine zweite Heirat dokumentiert. 1936 ist Amon dann in Paris und führt eine Existenz als Flüchtling. Im Frühjahr 1939 erschien in einem Pariser Verlag ihr Roman "Barrières": Darin wird der Weg von Anna nachgezeichnet, die es als Teenagerin von Linz nach Wien verschlägt, wo sie verführt wird, in einem privaten Luxusbordell landet, einen jungen Maler namens Egon Schiele trifft, ein Kind bekommt und in der Literaten- und Bohème-Szene verkehrt.

Am 1. Februar 1966 starb sie in Paris. Die letzten Jahre lebte sie in einer kleinen Eigentumswohnung am Boulevard de La Tour-Maubourg im 7. Pariser Arrondissement.

Bibiana Amon war Modell für die eher robuste, maliziös gezeichnete Angelika ("Sie war bildhübsch, aber ihr Reiz zeigte tatsächlich das flache Blond und die Geziertheit eines Dienstmädchens, das einen ewigen Sonntag feiert") in Franz Werfels "Barbara oder Die Frömmigkeit" von 1929. Karl Tschuppik ließ sich von ihr für "Bibi" in seinem Roman "Ein Sohn aus gutem Hause" (1937) inspirieren.

Milan Dubrovic erinnerte sich so an sie: "Sie nahm Bildung und Wissen gierig in sich auf, verschlang alle Bücher, die man ihr empfahl, und aus dieser Halbbildung, die gewürzt war mit Unbefangenheit und Charme, produzierte sie gelegentlich kühne, provozierende Sprüche, die durch ihre Verrücktheit beeindruckten. Man war verleitet, diese aphoristischen Gebilde als geniale Erleuchtung aufzufassen."

Schübler, der Johann Nestroy, Gottfried August Bürger, Johann Heinrich Merck und Anton Kuh biografisch bearbeitete und zuletzt einen Prostitutionsskandal aus dem Wien des Jahres 1908 detailliert rekonstruierte, montiert sein Buch aus vielen Zitatblöcken und setzt lange Auszüge aus "Barrières", von ihm aus dem Französischen rückübersetzt, als Kontrast zum dünnen Faktenskelett. Allerdings hält seine Prosa einer anspruchsvolleren Lektüre nicht durchgehend stand. Launig ist das Finale, Schüblers Werkstattbericht über 15 Jahre mühseliges Suchen, Finden und Sackgassenenden.