"Bevor man stirbt", so riet 1988 der ostdeutsche Dramatiker Heiner Müller, "sollte man New York gesehen haben, einen der großen Irrtümer der Menschheit." Zu dieser, den geläufigen Verklärungen des Big Apple widersprechenden Einschätzung gelangte Müller angesichts des allseits sichtbaren sozialen Elends in der Mustermetropole des Kapitalismus.

Rund eine Dekade nach Müller, zur Jahrtausendwende, reiste der westdeutsche Dichter und Prosaautor Alban Nikolai Herbst in die Stadt am Hudson und verwandelte diesen Besuch in einen bemerkenswerten Roman. "In New York" wirkt auf den ersten Blick wie ein literarischer Krimi, der vordergründig auch als Stadtführer taugen würde: Nicht nur kommen solche bekannten Orte wie die Grand Central Station, das Apollo Theater oder der Bryant Park vor, sondern ebenso das ganze Arsenal an New-York-Versatzstücken wie heruntergekommene Hotels, Mord und Totschlag oder Stripclubs, deren Tänzerinnen freilich ein großes Herz besitzen.

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Wie sehr Herbst die Klischees zugleich unterläuft, zeigt bereits einer seiner liebsten, postmodernen Destabilisierungstricks: Der autofiktionale Ich-Erzähler, der später die Identität eines Georg Meissen annimmt, trifft immer wieder auf die von ihm erfundene Romanfigur des Rechtsanwalts Wilfried Talisker, der einen mysteriösen, aber offenkundig kriminellen Auftrag ausführen soll. Herbst geht es mit seinem Roman aber eigentlich darum, die Gegen- und Unterwelt zum allseits bekannten New York zu schildern: das marginalisierte Heer der Obdachlosen, die unbeachtet an den Straßenecken existieren und in konventionellen New-York-Darstellungen allenfalls als Staffage für Sozialromantik dienen.

Herbst ist da ungleich radikaler und poetisiert die Metropole, indem er seine Protagonisten die den Blicken weitgehend entzogene "Netherworld" unterhalb des "urbanen Brodelgebildes" kolonisieren lässt. So wie im unterirdischen Wiener Kanalgewirr von "Der dritte Mann", so erfindet Herbst die "neue Welt" des subterranen "Under Manhattan" als verdrängtes, verleugnetes Spiegelbild des oberirdischen Stadtteils.

Während dieser in den 1980er Jahren immer mehr durch die Säuberungs- und Sauberkeitskampagnen des Bürgermeisters Rudy Giuliani von allem bereinigt wird, was des Yuppies Augen beleidigt, sammelt sich im Untergrund - wortwörtlich - die Subkultur, oder genauer gesagt: das aus Obdachlosen bestehende Pluto Symphony Orchestra, das in einer fulminanten Romanpassage ein Klavierkonzert in C-Moll zur Aufführung bringt, während niemand Geringerer als der in Wien geborene Trompeter Mike Mantler, Cream-Bassist Jack Bruce und Pink-Floyd-Drummer Nick Mason als Trio das fulminante Vorprogramm bilden.

Das Konzert in der unterirdischen "New Carnegie" ist, in mancher Hinsicht, der Höhepunkt des Buchs: eine Beschwörung der alles transzendierenden Macht der Musik durch die Magie der Prosa von Alban Nikolai Herbst. Sein verästelungsreicher Roman aber bietet noch ungleich mehr, so etwa ein faszinierendes intermediales Zusammenspiel des Textes mit den zahlreichen darin einmontierten Farbfotografien, die Herbst bei seinem New-York-Aufenthalt aufgenommen hat, wodurch eine realitätsverpflichtete Ebene in den Text eingezogen wird.

Diese Fotos fehlten übrigens in der Originalausgabe aus dem Jahr 2000. Die Neufassung des Romans, die im Wiener Arco Verlag erschienen ist, wurde zudem neu lektoriert und bietet insofern doppelten, wenn nicht dreifachen Lesegenuss.