"Es war, als würde ich beim Blick in den beschlagenen Badezimmerspiegel erkennen, dass plötzlich jemand hinter mir steht. Wenn in unserem Rücken etwas Unerwartetes sichtbar wird, ist das beunruhigend. Genauso ist es mit den Dingen, die hinter uns liegen. Wir wollen nicht, dass aus dem Nebel der Vergangenheit etwas auftaucht, das uns dazu zwingt, uns umzudrehen. Wir wollen nicht rückblickend alles revidieren müssen. Lieber verteidigen wir unsere Vergangenheit."

So reflektiert die Schriftstellerin und Ich-Erzählerin in Julia Schochs Roman eine Wende in ihrem Leben, ausgelöst durch eine unerwartete Begegnung, einen Vorfall, der zuerst noch nicht den Stellenwert eines umwälzenden Ereignisses hat. "Das Vorkommnis", wie es im Romantitel benannt wird, entfaltet seine irritierende Wirkung erst mit der Zeit, wobei es durchaus mit einem schockhaften Moment beginnt: Nach einer Lesung, beim Signieren eines Buches, wird die Ich-Erzählerin von einer Frau angesprochen, die behauptet, ihre Halbschwester zu sein: "Wir haben übrigens denselben Vater."

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Ein Familiengeheimnis? Nicht unbedingt. Eher eine unter der Decke gehaltene Episode aus dem Vorleben des Vaters, als er noch nicht mit der Mutter der Ich-Erzählerin verheiratet war. Zudem war das Kind, für das er die Vaterschaft übernommen hatte, von der Mutter einige Wochen nach der Geburt zur Adoption freigegeben worden. Die Familie wusste davon, hielt die Sache aber für abgeschlossen.

Aber nun hat sich die Halbschwester gezeigt, hat ein Gesicht bekommen, und obwohl es vorerst keine weiteren Kontakte zu ihr gibt, misslingt das Bemühen der Ich-Erzählerin, die Begegnung als für ihr Leben nicht weiter bedeutsam abzutun. Das Vorkommnis löst in ihr große Verunsicherung aus und beinahe widerstrebend durchforstet sie die Vergangenheit nach Indizien und Gefühlen, wird hellhöriger für Randbemerkungen, durchlässiger für alle Arten von Berichtigungen bezüglich ihrer eigenen Erinnerungen an die Kindheit in der DDR, sie misstraut den zu Erzählungen geronnenen Familiengeschichten und betrachtet viele Dinge in neuem Licht - auch sich selbst in ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter von zwei Kindern.

Julia Schoch beschreibt diese Entwicklung zurückhaltend, in oft lakonischem Ton, aber dennoch mit großer Eindringlichkeit, sodass sich bei den vielen, zum Teil nebensächlich scheinenden Alltagsschilderungen eine spannende Parallel-Entwicklung ergibt: Wie das Vorkommnis auf die Ich-Erzählerin erst nach und nach seine mächtige Wirkung entfaltet, entwickelt auch die Erzählung erst nach und nach ihre Intensität, der man sich nur schwer entziehen kann, obwohl oder gerade weil Julia Schoch keine voyeuristisch relevanten Tatbestände ans Licht zerrt. Was sich im Kopf der Protagonistin abspielt, ist spektakulär genug.

Die 1974 in Bad Saarow in der DDR geborene Julia Schoch gilt als Virtuosin des "Erinnerungserzählens". Egal, ob man das als eigene literarische Kategorie bewerten mag - sprachliche und erzählerische Virtuosität stellt die Autorin jedenfalls auch mit diesem Roman eindrücklich unter Beweis. Und es ist noch mehr zu erwarten: "Das Vorkommnis" ist der erste Teil einer geplanten Trilogie zur "Biographie einer Frau".