Es ist ein ungewöhnlich schmales Bändchen, und es kommt mit ungewöhnlich großer Wucht daher: Was sich hinter dem Titel "Büffelhaut und Kreatur" verbirgt, ist ein wahrhaft bedeutendes Stück Rezeptionsgeschichte von Rosa Luxemburgs berühmtem "Büffelbrief", den sie im Dezember 1917 an Sonja Liebknecht, Karl Liebknechts Frau, schrieb.

Diesen Brief trug Karl Kraus - Schriftsteller, Satiriker, über 37 Jahre Herausgeber der "Fackel" - ganze zehn Mal öffentlich vor. Als er 1920 damit begann, auf Vorträgen in Berlin, Dresden, Prag, Wien und Karlsbad, war die Verfasserin schon über ein Jahr tot: Am 15. Jänner 1919 war die Sozialistin und Arbeiterführerin, 48 Jahre alt, von Freikorpssoldaten in Berlin gehetzt, misshandelt und erschlagen worden; ihre Leiche wurde im Landwehrkanal versenkt. Vielleicht war es der Gegensatz zwischen der Brutalität dieser Tat und der Menschenfreundlichkeit von Rosa Luxemburg selbst, unter deren Eindruck Karl Kraus die Dringlichkeit verspürte, an die engagierte Pazifistin zu erinnern.

Grausame Szene

Luxemburg hatte den Brief am Heiligen Abend 1917 geschrieben. "Es ist mein drittes Weihnachten im Kittchen", schrieb sie an "Sonitschka" Liebknecht, "aber nehmen Sie es ja nicht tragisch. Ich bin so ruhig und heiter wie immer." Woher dieses Grundgefühl der Freude käme, könne sie selbst nicht ganz begreifen. "Ich glaube, das Geheimnis ist nichts anderes als das Leben selbst; die tiefe nächtliche Finsternis ist so schön und weich wie Samt, wenn man nur richtig schaut. Und in dem Knirschen des feuchten Sandes unter den langsamen, schweren Schritten der Schildwache singt auch ein kleines schönes Lied vom Leben - wenn man nur richtig zu hören weiß."

- © Wallstein
© Wallstein

Der scharfe Kontrast zwischen dem so gewürdigten Leben einerseits und menschenmöglicher Gewalt andererseits war Luxemburg nicht fremd, im Gegenteil. Im selben Brief schildert sie der Freundin einen "scharfen Schmerz", den sie auf dem Hof des Breslauer Frauengefängnisses erlebt habe. Als zwei als Lasttiere benutzte Büffel, vor einen schwer beladenen Karren gespannt, die Schwelle zum Hof nicht gleich schafften, habe ein Soldat so erbarmungslos mit der Peitsche auf die Büffel eingedroschen, dass die Aufseherin ihn zu bremsen versuchte. Was nicht gelang.

"Die Tiere standen dann beim Abladen ganz still erschöpft, und eines, das, welches blutete, schaute dabei vor sich hin mit einem Ausdruck in dem schwarzen Gesicht und den sanften schwarzen Augen wie ein verweintes Kind. Es war direkt der Ausdruck eines Kindes, das hart bestraft worden ist und nicht weiß, wofür, weshalb, nicht weiß, wie es der Qual und der rohen Gewalt entgehen soll (...) der Soldat aber steckte beide Hände in die Hosentaschen, spazierte mit großen Schritten über den Hof, lächelte und pfiff einen Gassenhauer. Und der ganze herrliche Krieg zog an mir vorbei."

Als Karl Kraus Luxemburgs Brief in der "Fackel" abdruckte, erhielt er im August 1920 die anonyme Zuschrift einer - wie sich rekonstruieren ließ - adligen Innsbruckerin. Ida von Lill-Rastern von Lilienbach hat für Luxemburgs Haltung des Mitgefühls nur Häme: "Es gibt eben viele hysterische Frauen, die sich gern in Alles hineinmischen u. immer Einen gegen den Anderen hetzen möchten (...) sie stiften viel Unheil in der Welt, so dass man nicht zu sehr erstaunt sein darf, wenn eine solche, die so oft Gewalt gepredigt hat, auch ein gewaltsames Ende nimmt."

Karl Kraus (1874-1936). 
- © Public domain / via Wikimedia Commons / Urheber unbekannt

Karl Kraus (1874-1936).

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Gegen diese "Bestie" zückte Kraus das scharfe Schwert seiner Wut. Neben Luxemburgs Brief müsse auch dieser Brief, so Kraus in einer Vorlesung im Oktober 1920, in Lesebüchern für kommende Generationen abgedruckt werden, "um der Jugend nicht allein Ehrfurcht vor der Erhabenheit der menschlichen Natur beizubringen, sondern auch Abscheu vor ihrer Niedrigkeit und an dem handgreiflichsten Beispiel ein Gruseln vor der unausrottbaren Geistesart deutscher Fortpflanzerinnen, die uns das Leben bis zur todsichern Aussicht auf neue Kriege verhunzen wollen und die dem Satan einen Treueid geschworen zu haben scheinen, eben das was sie anno 1914 aus Heldentodgeilheit nicht verhindert haben, immer wieder geschehen zu lassen."

Leben versus Tod, Menschenfreundlichkeit versus "Heldentodgeilheit": "Büffelhaut und Kreatur" markiert diesen Ablauf, der sich zwischen 1917 und 1920 über wenige Texte vom Frauengefängnis Breslau über Dresden, Berlin, Prag, Innsbruck bis zum Wien der "Fackel" entspann, als ein Geschehen von solcher Bedeutsamkeit, dass man ihm ein eigenes Büchlein widmet.

Haltung zum Leben

Rosa Luxemburgs (1871-1919). 
- © akg-images / picturedesk.com

Rosa Luxemburgs (1871-1919).

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Was für eine großartige und angemessene Idee! Denn nicht nur handelt es sich um Texte der Weltliteratur, die völlig zu Recht aus den Zusammenhängen der Luxemburg-Briefe und der "Fackel"-Texte herausgegriffen und auf eigene Füße gestellt werden. In diesem Zusammenhang von Rezeption, Reaktion und Gegenreaktion bildet sich exemplarisch eine Diskussion um Existenzielles ab, um Haltungen gegenüber dem Leben. Denn wo fängt Verrohung an? Wohin führt sie? Wie gehen Tierquälerei und Menschenverachtung zusammen?

Dass die Rezeption des "Büffelbriefs" mit Kraus nicht endete, sondern über Walter Benjamin bis zu einem Gedicht von Paul Celan weitergeht, berichtet das Nachwort von Friedrich Pfäfflin. Vor allem aber wirft der Band ein prägnantes Licht auf die mutigen Geister Rosa Luxemburg und Karl Kraus - und auf die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, als vier Jahre grausamster Materialschlacht und Menschenvernichtung die Haltungen zu Krieg und Gewalt nicht nur in pazifistischer Richtung zugespitzt hatten.