Dieser Roman ist übel, er ist böse und er ist eben auch die verdammte Wahrheit: Sibylle Bergs "RCE. #RemoteCodeExecution". Auf siebenhundert Seiten hämmern geballter Zynismus und Wut über die heutige Welt auf uns ein. Und doch erweist sich der Text als ungemein unterhaltsam, weil seine Ironie all die Schönredereien über einen abgründigen Raubtierkapitalismus entlarvt.

Nachdem die Mittelschicht zur Gänze erodierte, sind in der Story nur noch wenige Megareiche und viele Arme übrig. Letztere verdingen sich mit mehreren Jobs bei Lieferdiensten für ein menschenunwürdiges Gehalt. Als Dank haben sie nicht einmal mehr Zugang zu Badewannen. Sie "waren verschwunden, zusammen mit der Krankenversicherung, dem Arbeitslosengeld (...). Inzwischen standen die Leute frierend unter kaltem Wasser - oder hatten Waschbecken. Unbehaglich, aber gut fürs Klima." Na dann "Prost", wie der Erzähler oftmals in der Geschichte sagt.

Exklusiver Reichtum

Um sich von diesem erbärmlichen Dasein abzulenken, bietet immerhin die Glotze noch Erheiterndes. Da Mieten nicht mehr bezahlt werden können, kämpfen im Reality-TV etwa Männer um Wohnungen. Prost nochmals! Depressive Stimmung herrscht also auf den Straßen der schönen, neuen Welt vor: "Jedes Gesicht sagte: ‚Ich habe aufgegeben, nehmt mich, entbeint mich‘."

Aber nein, so weit muss es nicht kommen. Es gibt ja auch noch Sonnenseiten, auf denen sich zumindest die Besserverdienenden bräunen lassen und sich auf Jachten und Privatinseln langweilen. Haben sie ihre Kapitalberge nicht durch Steuerflucht und Cum-Ex-Geschäfte angehäuft, gewinnen sie an Waffenproduktionen oder Beteiligungen an dem Investmentgiganten BlackRock. Zum Glück ist ja inzwischen alles privatisiert: Schienen, auf denen der Atommüllzug seine Kreise dreht, oder auch Haftanstalten aus dem 3D-Drucker.

- © KiWi
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Wie mit einer Überwachungskamera aus dem geheimen Schaltraum eines der großen Tech-Unternehmen lässt uns Sibylle Berg immer wieder kurz in die Biografien unterschiedlichster, meist stark klischierter Figuren wie der "Obdachlose", der "Katastrophengewinnler" oder die "Direktorin" eintauchen, bevor dann kurzerhand der Fokus zu einer neuen Figur wechselt.

Abseits dieser durchweg komischen Karikaturen gewinnen vor allem die Protagonisten Ben, Kemal, Maggy, Pavel und Rachel an Kontur. Was die Hacker nach dem ersten Band der Trilogie, "GRM. Brainfuck", nunmehr im Schilde führen, versteht sich als Anstiftung zum Umsturz. Mit ihrem geballten IT-Wissen manipulieren die jungen Erwachsenen mit Unterstützern von überall her die Systeme von Banken und Firmen, speisen Videos über Geldwäsche und Korruption in die sozialen Netzwerke ein und rufen so eine Rebellion der Zornigen gegen die dekadenten Machthaber hervor.

Zwischen den Fronten finden sich allenfalls noch die wenigen "Wohlmeinenden" wieder, die grün-alternativen Bürger, die sich an ihren Trans-Freunden, Fahrradwegen und dem Grünkohl erfreuen, "den sie dann zu Schlemmerdrinks pürierten".

Neben dem schwarzen Humor und der bissigen Sozialkritik brilliert der Roman ebenfalls durch seine Form. So entwickelt die 1962 in Weimar geborene Autorin eine überzeugende Ästhetik für die digitale Epoche. Immer wieder findet sich im Übergang von einer Figurenskizze zur nächsten der kursivierte Hinweis "zur gleichen Zeit". Dadurch verfestigt sich der Eindruck, dass in einer beschleunigten Gegenwart alle Prozesse synchron ablaufen.

Allwissende K.I.

Nur wer könnte sie alle in ein und demselben Moment überschauen? Gewiss nur eine Art göttlicher Erzähler. Passend zur Globalisierung von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft scheint sein schweifender Blick nicht an irgendwelche Grenzen gebunden zu sein. Alternativ könnte sich hinter ihm auch eine sehr effiziente Maschine, ein Algorithmus respektive eine künstliche Intelligenz verbergen. Dafür spräche zum Beispiel die skurrile Interpunktion. Sätze werden willkürlich in der Mitte von Punkten oder Kommata unterbrochen und erinnern an die modularisierte Sprechweise von Alexa, Siri oder an Ansagen auf Bahnhöfen.

Allein diese Assoziationen zur nebulösen Erzählinstanz zeugen von der durchweg raffinierten Komposition dieses Werks. Mit Wucht, schonungsloser Anklage und zornigen Anschlägen auf einer glühenden Tastatur legt Berg ein Gesellschaftspanorama vor, das weder an Groteske noch an Schauerlichkeit zu überbieten ist. Ob der dritte Band mehr Hoffnung zulässt? Nach der Revolution ist ja bekanntlich vor der Revolution. Also, wohl bekomm’s!