Mitunter konnte man es seit seinem endgültigen Durchbruch mit dem im Jahr 2018 mit dem Österreichischen Buchpreis ausgezeichneten Sterbehilferoman "Königin der Berge" oder zuletzt dem sozialdemokratisch geprägten Familienroman "Wir bleiben noch" (2021) beinahe vergessen, aber: Dieser Mann kommt eigentlich von der kurzen Form.

Der 1971 in Kärnten geborene und längst in Wien ansässige Autor Daniel Wisser hat seine diesbezügliche Kernkompetenz als Gründungsmitglied des Ersten Wiener Heimorgelorchesters mit humorig-absurden Songs oder Alben wie - sic! - "Mit den dritten Fall", "Widerstand ist Ohm" oder "Die Letten werden die Esten sein" bereits hinreichend dargelegt. Aber auch Kurz- und Kürzestprosa in Buchform ("Kein Wort für Blau", 2016) oder die nicht zuletzt politisch bestimmten Kommentare des Autors auf dem (ja!) Kurznachrichtendienst Twitter künden von einer Vorliebe für das Knappe, Präzise - und das sehr gerne Prägnante.

Daniel Wissers jüngster Erzählband "Die erfundene Frau" ist vor diesem Hintergrund als Rückkehr zu den Wurzeln zu verstehen. Wobei der Autor im Rahmen der zumeist nur sechs, sieben Seiten langen Kurzgeschichten zumindest ein stilistisches Element auf die Spitze treibt. Man darf sich diese von einer Reihe an Beziehungen und ihren täglichen Tiefpunkten erzählenden Texte als schmuck- und schnörkellos und dahingehend erstaunlich uneitel vorstellen. "Zurück zu Hause ging Karl wieder arbeiten. Ilona saß den ganzen Tag auf dem Sofa. Wenn Karl später kam als sonst, sagte sie: ,Hast du noch deine Freundin getroffen?‘ Karl antwortete nicht." So klingt es etwa, wenn die titelgebende Frau, die es nicht gibt, eigens erschaffen wird, um eine unterstellte Affäre zumindest im Ansatz real werden zu lassen.

Allerdings gelingt dem Autor dabei ein Kunststück. Verkehrslärm und diffuse Geräusche aus diversen Richtungen sind uns egal. Dafür nervt es im Regelfall dann doch ganz gewaltig, dem Privatleben unserer Nachbarn ausgeliefert zu sein. Wir fühlen uns davon unangenehm berührt - und es interessiert uns nicht. So nahe Daniel Wisser in lakonischem Erzählton aber an die Intimsphäre seiner Figuren heranführt - die 22 Kapitel sind nach Frauen benannt, von der in erster Linie um Kleingeld betrogenen Roswitha über Frau Ilse mit dem toten Hund im Schwarzen Kameel bis hin zur strawanzenden Milli oder Christiane, der beim Nacktbaden als surreale Ausnahme unter den Texten Mozarts Witwe Constanze erscheint: Bei dieser in ihren Sog ziehenden Lektüre wird man gerne zum Voyeur. Und man denkt die durchaus mit Fragezeichen und offenen Enden versehenen Geschichten auch später noch insgeheim fort.

Wie es mit Antonia weitergeht, die Sex auf dem Küchentisch hat (und einen Exfreund mit Wohnungsschlüssel), ob Andrea der Mäuseplage und ihrem Prosecco-Problem Herrin wird oder ob sich Benno, die eigentlich Angela heißt, doch noch als lesbisch outet, wäre etwa zu klären. Ganz davon abgesehen stellt sich natürlich die Frage, warum Daniel Wisser die klassische Form heute bevorzugt und die Experimente von seinerzeit Geschichte sein lässt. Auch wenn zumindest der eine oder andere Wortwitz beweist, dass ihm der Schalk doch noch im Nacken sitzt. "Tatjana musste kurz lachen: Die Wörter Excel-Listen und Ex-Cellisten wurden gleich geschrieben, nur der Bindestrich war an einer anderen Stelle."

Als sympathische Bettlektüre vom Nachttisch gibt uns der Erzählband jedenfalls mehr, als er von uns fordert. Alexa und Siri kommen nicht vor - und abgehört wird man von einer Frau, die erfunden ist, zum Glück auch nicht.