Jedes fünfte Kind in Österreich gilt als armutsgefährdet. Allein diese Zahl macht deutlich, wie bedeutend das Thema ist, das also weite Teile unserer Gesellschaft betrifft. Umso wichtiger sind Bücher wie jenes von Stefanie Höfler: "Feuerwanzen lügen nicht" handelt vom Lügen. Aber gelogen wird deshalb, weil sich hier jemand der Wahrheit schämt. Im konkreten Fall Mischa, der beste Freund von Nits, der von so gut wie allen bewundert wird. Weil er alles weiß, fast alles kann, naturcool ist und aussieht und damit aber nicht angibt, im Gegenteil. Mischa ist also nicht nur der perfekte Schüler, sondern auch der beste Freund, den man sich wünschen kann.

- © Aus: Stefanie Höfler: "Feuerwanzen lügen nicht" (Beltz & Gelberg 2022)
© Aus: Stefanie Höfler: "Feuerwanzen lügen nicht" (Beltz & Gelberg 2022)

Doch dann macht eine Entdeckung, die Mischa lange, sehr lange hinausgezögert hat, alles plötzlich kompliziert. Denn Nits kommt erst nach Jahren drauf, dass vieles gar nicht so ist bei Mischa und seiner ständig zappeligen kleinen Schwester Amy: Die Mutter ist gar nicht als Biologin im Urwald unterwegs, sondern hat einfach irgendwann die Familie verlassen. Der Vater pflegt zwar ein Rockstar-Image, scheitert aber regelmäßig am (Arbeits-)Leben und hat sich in seiner Verzweiflung mit Kriminellen eingelassen. Und Mischas mutterlose Familie ist so arm, dass sich die drei nicht einmal ordentliche Möbel leisten können und das Jugendamt regelmäßig auf der Matte steht. 

Ja, und wie geht Nits jetzt mit diesem Wissen um? Damit, dass er und sein großer Bruder Ole - der alle paar Monate eine neue Sportart beginnt, inklusive Vollausstattung - im Überfluss leben, während Mischa sich nicht einmal eine Badehose leisten kann? Mit der sozialen Kluft, die sich plötzlich zwischen ihnen auftut? Damit, dass Nits das Bedürfnis hat, Mischa zu helfen, aber Mischa bloß kein Mitleid und schon gar keine Almosen will? Und vor allem mit all den Lügen, die Mischa Nits in der Vergangenheit aufgetischt hat, weil er sich seiner Armut geschämt hat?

Stefanie Höfler greift hier ein großes Thema auf und bringt es so gekonnt auf den Boden, dass man bis zur letzten Seite dranbleibt. Natürlich auch, weil sie ein paar ordentliche Spannungsmomente einbaut (Stichwort: Kriminelle). Und weil sie ihrem Nits eine Eigenschaft verpasst, die für noch mehr Lesespaß sorgt: Er reimt und rappt nämlich bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit, was sich auch im Text niederschlägt. Das gesamte Paket ist absolut lesenswert und sollte eigentlich als Pfilichtlektüre in den Lehrplan aufgenommen werden. Zu Tränen rührend, zum Lachen pfiffig und zum Mitfiebern spannend ist ihre Erzählung über den Wert der Freundschaft und die Frage, wie man mit Armut mitten in der eigenen Umgebung umgehen kann.