Aufmüpfig!

Und dass da jetzt keiner kommt und behauptet, Aufmüpfigkeit sei eine Einstellung, rote Haare aber eine Sache der Natur.

Na und?

Sind sie halt von Natur aus aufmüpfig, die Rothaarigen!

Zum Beispiel damals, in der Volksschule, der Volksschule der Erzdiözese Wien auf dem Judenplatz: Da war die Karin die Klassenrothaarige. Wenn man in Turnen "Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann" gespielt hat (das war so etwa 1969, da durfte man das noch), dann hat sich die Karin immer als Erste für den Schwarzen Mann gemeldet.

Rote Haare - aufmüpfig eben!

Wenn jetzt am 26. Mai der Welttag der Rothaarigen stattfindet, ist das so quasi ein Revoluzzertag. Nichts für konservative Gemüter.

Deutsche Sprichwörter treffen die Sachverhalte haarscharf, wie sonst, so hier: Erlenholz und rotes Haar, / sind aus gutem Grunde rar.

Weil Rot die Farbe des Höllenfeuers ist. Das ist doch logisch: Wer in der Hölle schmoren wird, den zeichnet der Teufel schon im Leben. Ergo haben Hexen rote Haare. Und der Umkehrschluss ist weniger als eine Haaresbreite entfernt: Wer rote Haare hat, ist eine Hex’. Oder ein Zauberer.

Jedenfalls eine höllennahe Person.

Alle sind Pippi

Die Renaissance-Maler haben schon mit Bedacht die Haarfarbe der Eva gewählt - erstens wegen der Teufelsnähe (aufmüpfig gegen Gott selbst, die Eva), zweitens wegen der verführerischen Ausstrahlung, was ja quasi auf dasselbe hinauskommt. Schließlich zieht ein Frauenhaar stärker als ein Glockenseil. (Oh, welche Freude diese Sprichwörter doch sind, wie viel Wahrheit liegt in ihnen!)

Auch Astrid Lindgren hat gewusst, wie sie ihrer Pippi Langstrumpf, dieser Inkarnation der Aufmüpfigkeit, die Haare färbt. Also: Blond ist sie nicht, die Pippi.

Wissenschaftliches über rote Haare? Man braucht es nicht an den Haaren herbeizuziehen: Eine genetische Veränderung am Chromosom 16 steckt dahinter.

Die Natur hat folgende Haarfärbetechnik entwickelt - vereinfacht spielt sich das so ab: Eumelanin und Phäomelanin sind zwei Pigmente des Menschen, die in dafür spezialisierten Hautzellen, den Melanozyten, hergestellt werden. Eumelanin sorgt für dunkle Farben. Phäomelanin ist für orangerote Farben zuständig. Es macht rote Haare rot. Das Chromosom 16 nun liefert die genetische Information für den Melanocortin-1-Rezeptor. Ist dieser Hormonrezeptor aktiv, bringt er die Melanozyten dazu, viel Eumelanin und wenig Phäomelanin zu produzieren. Das Ergebnis sind braune oder schwarze Haare, dunkle Haut und Augen. Mutationen können nun die Funktion des Melanocortin-1-Rezeptors stolpern lassen. Die Melanozyten produzieren dann weniger dunkles und mehr rotes Pigment.

Der Melanocortin-1-Rezeptor abgekürzt heißt MC1R - und das ist auch der Titel eines Magazins für Rothaarige, das seit 2013 in Hamburg erscheint, und zwar in Englisch, weil sich der Herausgeber und Chefredakteur Tristan Rodgers auf den internationalen Markt ausgerichtet hat, und das mit Erfolg.

Chromosom - das klingt nach Vererbung. Und tatsächlich gibt es Regionen mit besonders vielen Rothaarigen: Weltweit die meisten verzeichnet Schottland. Rund 13 Prozent der Schotten sollen rote Haare haben. Irland und Wales mit etwa 10 Prozent rothaariger Bevölkerung liegen ebenfalls ziemlich weit vorne.

Ein Stigma

Und wenn man schon bei den ernsteren Themen rund ums rote Haar ist: In früheren Jahrhunderten war’s kein Vergnügen, rothaarig zu sein. Man war mit roten Haaren tatsächlich stigmatisiert: Im besseren Fall nur als Außenseiter, im schlechteren konnte es der erste Schritt auf dem Weg zum Scheiterhaufen sein.

Daran änderten auch die bedeutenden Rothaarigen der Geschichte nichts: weder Erik der Rote, der Wikinger, der in Grönland erste Siedlungen errichtete und mehr Menschen nach Island brachte, noch Kaiser Friedrich Barbarossa (italienisch für "Rotbart"), der sich - aufmüpfig! - mit dem Papsttum anlegte. Im deutschen Sprachraum wird er idealisiert, die Italiener freilich lassen kein gutes Haar an ihm, da er ihr Land in Feldzügen verheerte.

Wie sehr Rothaarige stigmatisiert waren, lässt Johann Nepomuk Nestroy in seinem Stück "Der Talisman" spüren, das auf dem Vaudeville "Bonaventure" eines gewissen Charles Désiré Dupeuty basiert. Im dritten Akt sagt Nestroys Titus Feuerfuchs: "Ich weiß, Herr Vetter, die roten Haar’ missfallen Ihnen, sie missfallen fast allgemein. Warum aber? Weil der Anblick zu ungewöhnlich is; wann’s recht viel’ gäbet, käm’ die Sach’ in Schwung, und dass wir zu dieser Vervielfältigung das unsrige beitragen werden, da kann sich der Herr Vetter verlassen drauf."

Karriere mit Rot

Gerade noch die Kurve in die Posse, die es ja sein soll, geschafft. Aber ein Schuss Bitterkeit bleibt: "...die roten Haar’ missfallen Ihnen, sie missfallen fast allgemein. Warum aber?"

Ja, warum?

Zur Nestroy-Zeit musste man schließlich schon verdammt aufklärungsresistent sein, um noch an Hexen, Zauberer und dergleichen rothaarige Teufelsgeschöpfe zu glauben.

Aber Nestroy, dieser großartige Seismograph menschlicher Befindlichkeiten, hat im "Talisman" viel verstanden über Diskriminierung aufgrund von Äußerlichkeiten. Die roten Haare des 19. Jahrhunderts sind die dunkle Hautfarbe von heute und abweichende physische Erscheinungsbilder.

Dass Rothaarige freilich auch andere Karrieren machen konnten als nur die im Umfeld von Hölle und Teufel, zeigen allerhand Beispiele der Geschichte, eines immerhin aus Österreich: Bruno Kreisky, aufmüpfig gegen die Wahrer der verstockten Gesellschaftsordnung, war rothaarig. Naturgemäß. (Welche Haarfarbe hatte eigentlich Thomas Bernhard?)

So dürfte Elisabeth I. von England rothaarig gewesen sein - ganz wie ihre Vorgängerin Maria Tudor, auch Bloody Mary genannt; aufmüpfig katholisch gegen den Staatsprotestantismus die eine, die andere aufmüpfig gegen die spanische Vorherrschaft auf See. Apropos aufmüpfig: Sarah Ferguson, vulgo Fergie - aufmüpfig gegen das englische Königshaus und gegen die Türkei, als sie die Missstände in dortigen Waisenhäusern publik machte. Prinz Harry ist auch rothaarig. Sollte da die Erklärung für alles sein? Shocking wäre das, und zwar totally.

Eine Königin, so tot wie rot

Wenngleich nicht ganz so totally shocking wie die Sache mit der schönen rothaarigen Ines de Castro, der Ehefrau Dom Pedros. Da sie nicht standesgemäß war (einfach aufmüpfig, einfach so mir-nichts-dir-nichts ins Königshaus einzuheiraten), befahl König Afonso IV. 1355 ihre Hinrichtung in Coimbra - nicht einmal wegen Hexerei, nur wegen Hochverrats. Kaum war Dom Pedro selbst König, ließ er Ines exhumieren, den Leichnam auf den Thron setzen und zwang die Adeligen, ihr mittels Handkuss die Ehre als Königin zu erweisen. Der Brite James MacMillan hat daraus eine Oper gemacht. Seine Haarfarbe ist. . . - eh klar.

Und das ist nichts, rein gar nichts, gegen die Rothaarigen in der Literatur: Pippi Langstrumpf, bekennende Mathematik-Anarchistin; die Rote Zora, Bandenmanagerin; Ronja, aufmüpfig gegen den Berufswunsch des eigenen Vaters, nur weil er Räuber ist; Claire Zachanassian, sogar als alte Dame noch aufmüpfig gegen ihren schönen Heimatort, das lauschige Güllen. Der Pumuckl und das Sams, beide rotzfrech, haben wahrscheinlich ebenfalls rote Haare auf den Zähnen.

Die Haare stehen einem zu Berge angesichts all dieser Aufmüpfigkeit.

Und was gerade noch, also, so im 19. Jahrhundert, ein äußeres Zeichen für ein gewisses Außenseitertum war, ist, speziell für Frauen, zum Signal geworden: Rote Haare signalisieren jetzt Aufmüpfigkeit gegen männliche Dominanz. Rote Haare, rötliche Haare, natur oder friseurgezeugt, ganz egal: Frau zeigt, dass sie ihre Frau steht, im Jetzt, im Hier, und sich nicht mehr darum schert, was gestern irgendwo auf der Welt war. Und wenn man(n) ein Haar in der Suppe findet, ist’s auch egal, soll er graue Haare darob kriegen, seine Sache.

Dass da zu guter Letzt’ keiner irgendwelchen Haarspaltereien beginnt und alles zum Zufall erklärt. Der letzte Beweis ist der beste: Der Rothaarigste von allen war, ist und bleibt Alf, Melmacianer und Katzenliebhaber (am besten getoastet). Und wie war er?

Bitte im Chor - eins, zwei, drei: aufmüpfig!