Wenn ein Autor in einem politischen Text dauernd Rufzeichen verwendet, dann deutet das in aller Regel entweder auf eine mangelnde Fähigkeit, sachlich und klar zu formulieren hin, oder aber auf einen enormen Überschwang der Gefühle, dem sich Verstand und Vernunft unterzuordnen haben. Beides ziert einen Text in aller Regel eher nicht. Ganz im Gegenteil.

Warum es die deutsche Politologin und Aktivistin Ulrike Guérot schafft, in ihrem neuen Buch "Wer schweigt, stimmt zu" auf schlanken 140 Seiten gezählte 73 Ausrufungszeichen unterzubringen, wird wohl auf immer ihr Geheimnis bleiben - sie dürfte damit jedenfalls den Jahrhundertrekord in der Disziplin "Unnötige Rufzeichen pro Buchseite" aufgestellt haben.

Liest man den Text dennoch, drängt sich freilich der Eindruck auf, die Autorin glaubt, diesen Tsunami an "!" zu brauchen, weil sie sich insgeheim der großen Schwäche ihrer Hervorbringung bewusst ist und nun glaubt, ihre Argumente würden besser, wenn sie den Leser einfach anschreit, was allerdings noch nie funktioniert hat.

In der Corona-Krise, so die These von Frau Guérot, haben die Regierungen die Demokratie nahezu liquidiert, Menschenrechte mit den Füßen getreten (nicht etwa in China, sondern in Deutschland oder Österreich), und die Medien haben sich zu willigen Erfüllungsgehilfen dieser düsteren Machinationen gemacht. Es ist also jenes Narrativ, das bekannte Virologinnen wie Nina Proll oder die FPÖ-Wutpolitikerin Dagmar Belakowitsch seit Beginn der Pandemie mit äußerster Inbrunst vortragen.

Wer hat gleichgeschaltet?

Allerdings ist der Versuch der Autorin, dies irgendwie zu belegen, zu einem veritablen intellektuellen Auffahrunfall geraten, wie die meisten anderen vergleichbaren Schriften dieses boomenden Genres.

Das beginnt schon mit der raunenden Verharmlosung einer Pandemie, die allein in Europa nach Angaben der WHO bisher zwei Millionen Tote gefordert hat. Dem setzt die Autorin entgegen, in ihrem eher großen sozialen Umfeld habe es zwar viele Ansteckungen und auch einige schwere Erkrankungen gegeben, aber nur einen einzigen Fall, der auf die Intensivstation musste - und der sei stark übergewichtig gewesen. Da liegt wohl ein Medizin-Nobelpreis in der Luft.

Ganz in der Tonalität jener Demos gegen die Corona-Maßnahmen, deren Teilnehmer neuerdings Putin-Bilder und russische Fahnen wie Devotionalien vorzeigen und gegen die Diktatur anschreien - die hiesige, nicht die in Moskau -, beklagt Frau Guérot "eine herrschende Meinung zu Corona wurde installiert". Leider verrät sie uns nicht, wer diese Meinung mit welchen Methoden installiert hat.

Sicher ist sie, trotz dieser kleinen Erkenntnislücken, dass wir es hier mit einer "Gleichschaltung" - sie nennt es tatsächlich so - der Medien zu tun haben. Ohne Frau Guérot unangemessen nahetreten zu wollen - aber das klingt schon stark nach einer Gefühlslage, die stark von einer imaginierten Verfolgung dominiert wird. Ausgelöst möglicherweise durch das unfassbare Leid, das die Autorin während der Pandemie erleiden musste: "Vor kurzem wollte ich Brot kaufen und stand draußen mit Abstand und Maske. Trotzdem bat mich eine Frau, noch ein wenig weiter zurückzugehen. Vor einer Drogerie war eine Kundin am Eingang, die gerade herauskam, empört, dass ich nicht gleich zwei Meter wegspringe", offenbarte sie der "Welt" jüngst ihre pandemiebezogenen Erweckungserlebnisse.

"Eine ganze Gesellschaft befindet sich in einem nie gekannten Erregungszustand, eine Demo jagt die andere", diagnostiziert sie angesichts dieser Schrecknisse in Drogerie und Bäckerladen, "mir wird mulmig, wenn ich beobachte, wie sehr wir (...) die Freiheit schon verspielt haben, gefangen in einem Bann der Gegenwart..."

Zum Glück schien Guérot diesen "Bann der Gegenwart", den "offizielle Medien" irgendwie "installiert" haben, "gleichgeschaltet", wie sie halt sind, durchaus mit Humor zu ertragen. "Wir wuschen uns drei Minuten die Hände und sangen dazu Alle meine Entchen", gewährt sie uns einen Blick in ihre Hygienegewohnheiten.

Leider ist Frau Guérots Buch kein Beitrag zur Aufarbeitung jener zahlreichen Fehler, die von den Regierungen und Medien im Zuge der Pandemie ja tatsächlich begangen worden sind, sondern mehr oder weniger das, was man nicht zu Unrecht gemeinhin als Geschwurbel bezeichnet. Was der Autorin jedenfalls rein pekuniär nicht eben schaden wird, das Büchlein schaffte es schnell auf die "Spiegel"-Bestsellerliste.