Selbstbestimmung und Unterdrückung, Stottern und Mobbing, Freundschaft und Vertrauen. Davon handelt Sam Thompsons neuer Jugendroman, für den er ein altes Thema als Grundlage nimmt: "Der Junge, der mit den Wölfen spricht" handelt davon, wie ein freies Volk von einer Zivilisation unterdrückt wird. Und zwar auf denkbar einfache, perfide Weise. In diesem Fall sind es die Wölfe, die einst als wahre Herren durch den WALD (das Wort in Großbuchstaben steht bei Thompson für die Natur an sich, für einen allumfassenden Wald, der schier überall existieren kann, auch mitten in einer menschlichen Stadt; eben überall dort, wo Natur ist) streiften, oder besser gesagt: als ihre eigenen Herren, die niemandem Rechenschaft schuldig waren, die auf niemanden hören mussten - bis die Füchse ihnen Namen gaben und sie damit unter ihr Joch zwängten. Und zwar ganz ohne Gewalt, einfach durch die normative Kraft des Faktischen. Weil den Wölfen - und noch anderen Tieren, die den Füchsen ab nun als Sklaven dienten - eingetrichtert wurde, dass dieses neue Herrschaftsverhältnis einfach naturgegeben sei.

- © Aus: Sam Thompson: "Der Junge, der mit den Wölfen spricht" (Thienemann)
© Aus: Sam Thompson: "Der Junge, der mit den Wölfen spricht" (Thienemann)

Damit pervertiert Thompson ein bisschen Antoine de Saint-Exupérys Konzept des Zähmens, das dieser - ebenfalls mit einem Fuchs, aber eben in die andere Richtung - im "Kleinen Prinzen" eingebaut hat. Während es dort positiv konnotiert ist und die Basis für die Zähmung Vertrautheit bildet, ist es bei Thompson genau umgekehrt. Die Wölfe, die irgendwann doch aus ihrer Unterdrückung ausbrechen, vertrauen niemandem mehr, jedenfalls keinem Fuchs. Nur einem vertrauen sie, und zwar ausgerechnet einem Menschen: Silas, ein Kind, das von den anderen gemobbt wird und keine Freunde hat - bis plötzlich ein Wolf bei ihm auftaucht und ihn in einen Konflikt hineinzieht, der größer ist, als Silas (und mit ihm vielleicht auch mancher junge Leser) zu fassen vermag. Denn der Bub steht plötzlich zwischen den Fronten. Er will den Wölfen helfen und ihre Jungen vor der erneuten Versklavung durch die Füchse retten. Aber gleichzeitig hat er so eine Heidenangst vor den Füchsen und lässt sich von ihnen einlullen, dass er genau dabei versagt. Und sein Versagen durch noch mehr Mut nachher wieder ausgleichen muss. Und vor allem muss er das Vertrauen der Wölfe wiedergewinnen.

Aber er ist dabei nicht alleine, ihm stehen neben dem Wolfspaar auch noch ein Kater, eine Krähe, ein Bär und ein abtrünniger Fuchs zur Seite. Wobei nicht jeder mit offenen Karten spielt. Und manches falsche Spiel im Grunde auch wieder notwendig ist, um die Geschichte voranzutreiben. Erschwerend kommt hinzu, dass es Silas immer wieder die Sprache verschlägt, und zwar wortwörtlich und immer im falschen Moment. Wenn er eigentlich laut losbrüllen oder zumindest sprechen müsste, versagt ihm die Stimme. Denkbar schlechte Voraussetzungen also für eine Rettungsmission in heilloser Unterzahl, vor allem wenn es mit Isegrimm ausgerechnet gegen Reineke Fuchs geht, dem man ja besondere Schlauheit und Raffinesse nachsagt. Es ist ein großer Roman, den Thompson hier erzählt, mit einigen brutalen Szenen, die eine Altersangabe ab 11 Jahren angemessen erscheinen lassen. Auch, weil jüngere Leser zwar der Handlung gut folgen können, aber das, was dahintersteht, wahrscheinlich gar nicht richtig wahrnehmen.