Der Arbeit am zweiten Buch - insbesondere dann, wenn Autorinnen oder Autoren auf ein erfolgreiches Debüt zurückblicken - wird von Fachleuten gern ein besonderer Schwierigkeitsgrad attestiert. Falls an dieser Faustregel etwas dran ist, so hat Friederike Gösweiner, die 2016 für "Traurige Freiheit" mit dem Österreichischen Buchpreis (Debüt) ausgezeichnet wurde, die Hürde klug gemeistert.

Denn für "Regenbogenweiß", ihren zweiten Roman, hat sie sich dem Zeitdruck widersetzt und zielt darin thematisch aufs Ganze: auf die Frage nämlich, wie das Neue in die Welt kommt. Und sie streut, stilistisch feinsinnig, auf der Ebene ihrer Satzgefüge dem unscheinbaren "und", diesem kleinen Wort, das Getrenntes manchmal unbedacht verbindet und in falscher Kohärenz miteinander verrechnet, eine gute Portion Sand ins Getriebe. Das Neue und Revolutionäre kommt schließlich nicht auf leisen Sohlen, sondern disruptiv - mit einem Knall. "Ein Ereignis", heißt es etwa an einer Stelle, "und die alte Ordnung war perdu."

Ratlose Familie

Doch wie weit genau darf ein Ereignis entfernt sein, um für uns Menschen noch wahrnehmbar zu sein? Wann reißt die Verbindung zu den Sternen, zur Geschichte, zum anderen unwiederbringlich ab? Ein kantisches Sapere aude durchdringt Gösweiners Erzählen, ihre Protagonistinnen und Protagonisten sind auf der Suche nach einem neuen Verständnis von Zeit und Kosmos, nach einer Revolution des Geistes. Fragen der Theoretischen Physik und Metaphysik also, die Gösweiner mit dem der allgemeinen Relativitätstheorie entlehnten Begriff des "Ereignishorizonts" zu fassen versucht.

"anschnallen festhalten hier fliegen gleich / die Löcher aus dem Käse" - so der Sound, mit dem Steffen Brenner diesen "Ereignis Horizont" in seinem gleichnamigen Zyklus dichterisch auf den Punkt brachte. Und Löcher fliegen auch gleich zu Beginn von "Regenbogenweiß" aus dem Käse. Das Romangeschehen setzt mit einem umstürzenden Ereignis ein: Vater Hermann, Quantenphysiker, will eine Bierkiste in den Kofferraum seines Wagens heben und sackt zusammen. Alle Wiederbelebungsversuche bleiben erfolglos. Das Familiengefüge zerfällt zu Mutter, Tochter, Sohn. Da den Tod niemand versteht und reden nicht hilft, kreisen die drei Hinterbliebenen getrennt voneinander um die Leere, die sie nun anstelle des Vaters und Ehemanns vorfinden.

- © Droschl
© Droschl

Das Milieu ist akademisch und stark geprägt vom Vertrauen in die Planbarkeit von Bildung, Karriere und Familie. An Probleme geht man überlegt, bevorzugt schweigend und in forschender Konzentration heran. Diese Ordnung verschwindet mit dem Vater. Sohn Bob und Tochter Filippa haben sie jedoch bereits vor Hermanns Tod als Auslaufmodell erfahren. Denn während der Vater und Mutter Marlene - "Oberstudienrätin a. D. und Witwe" - sich für einen festen, gemeinsamen Wohnort entschieden und ihre Leben an ihren nahe gelegenen Arbeitsplätzen Schule und Hochschule einrichteten, sind für Sohn und Tochter befristete universitäre Stellen, Orts- und Sprachwechsel alltägliche Praxis.

Mit den Pariser Anschlägen auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" und das Bataclan-Theater, dem Krieg in Syrien und den nach Europa kommenden Flüchtlingen - die Erzählzeit reicht vom 18. November 2014 bis zum 18. Mai 2016 - finden in "Regenbogenweiß" auch weitere aktuelle politisch-soziale Brüche ihren Niederschlag. Auf der individuellen Ebene verengt sich die Lage: Filippa, Philosophin, die in Paris an ihrer Habilitationsschrift über Hölderlins "Hyperion" arbeitet, wird im Diversity-Management-Workshop ihrer deutschen Uni gedisst, weil sie eine abweichende Meinung äußert. Bobs wissenschaftliche Laufbahn in den Niederlanden, er ist Zeitforscher und damit Außenseiter seiner Disziplin, gerät ins Stocken, weil eine andere Person ihm vorgezogen wird ("Weil ich keine Vagina habe").

Gescheiterte Pläne

Die schwer aufzulösenden damit einhergehenden Paradoxien, ein Forschungsgegenstand, dem Filippa und Bob sich im Theoretischen mit besonderem Interesse widmen, führt ihre Leben im Praktischen zunehmend in Sackgassen. Filippas geplante Schwangerschaft stellt sich nicht ein ("Mit 35 Mutter zu werden - der Traum war tot"), und Bob bleiben fürs Erste nur Kreta, die Ereignisse im Kosmos und das Marathontraining. ("Er wollte nicht der erste Kosmologe werden, der hauptberuflich Reiseleiter war. Aber wenn es so sein sollte, würde es eben so sein ... Aufgeben war keine Option.")

"Schreiben heißt", hält die Autorin und Dichterin Ruth Johanna Benrath fest, "Rütteln am Firmament / sich aus Trotz über den Rand des Universums lehnen". Gösweiner beweist sich in dieser Disziplin, indem sie Protagonistinnen und Protagonisten erschafft, die trauernd auf diesem Trotz beharren und sich so lange über den Rand ihres Universums lehnen, bis etwas Neues sichtbar wird.

Am Ende gibt es Rettung dann auch für das kleine Wort "und". Es führt, Hölderlin winkt zum Abschied, ins Offene.