Verwandlung im Sinne von menschlicher Weiterentwicklung ist eines der großen Themen des Vorarlberger Schriftstellers Wolfgang Hermann, der unter anderem mit seinem Herrn Faustini eine erfolgreiche literarische Figur geschaffen hat, die mit Empathie, Poesie und Sinn für Skurrilität aufs Leben blickt.

Auf skurrile Elemente verzichtet der Autor in seiner neuen Erzählung "Insel im Sommer", was vorrangig mit dem Thema zu tun hat: Ein Vater, dessen Sohn gestorben ist, versucht nach Jahren der Trauer und der Zurückgezogenheit wieder zurück ins Leben zu finden. Nachdem er eine erste Chance für ein neues Glück nicht ergreift, reist er nach Paris und in die Provence und besucht dort Stätten und Orte, wo er selbst als junger Mann gelebt hat und wo er später mit seinem Sohn glücklich gewesen ist.

- © Czernin
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Mit Hilfe von Freunden und der tröstlichen Schönheit der Landschaft gelingt es ihm, vergessene Erlebnisse wieder in Erinnerung zu rufen und sie in sein neues Leben und seine veränderte Persönlichkeit zu integrieren. Denn er ist längst nicht mehr der begeisterungsfähige, offene Mann, der er früher einmal war. Oder vielleicht doch? Was geschieht, wenn er Glück, Leichtigkeit und Lebensfreude wieder zulässt und offen wird für neue Begegnungen?

Bei Wolfgang Hermann lautet die Antwort: Dann stellen sich Glück, Leichtigkeit, Lebensfreude und neue Begegnungen wieder ein. Und so wird es keine bittere, sondern eine versöhnliche Reise, die den Mann von seiner einsamen Insel holt und ihn zu neuen Ufern aufbrechen lässt - etwa, indem er eine neue Liebe findet und nun bereit ist, die Chance zu ergreifen.

Die persönliche Entwicklung des Protagonisten zeigt sich auch in den Landschaftsbeschreibungen: "Langsam stieg das Licht am Kamm der Sainte-Victoire an, während in den Kuhlen, in den Büschen und Steineichen noch die Dunkelheit wohnte." Oder: "Vom Meer stieg ein Glitzern auf, das alles müde Leben aufweckte."

Wolfgang Hermanns Poesie ist bildhaft und ausdrucksstark, aber nicht immer souverän. So tritt der Protagonist häufig klischeehaft aus dem Schatten oder aus einer Nebelzone ins Licht. Dunkelheit, Stille, Welt und Wind (auch in der Kombination als "Weltwind"), werden ebenfalls zu oft bemüht.

Ein strengeres Lektorat hätte wohl auch die Dosis an "strahlendem Glück" reduziert: "Klara und Maria strahlten vor Glück, als wir uns aufmachten nach Hyères, um dort vom Port de la Tour Fondue mit der Fähre nach der Île de Porquerolles überzusetzen. Maria und Klara waren noch nie mit einem Schiff übers Meer gefahren (...) Sie strahlten beide überglücklich." Und schon ein paar Zeilen später spürt der Protagonist sein eigenes neues inneres Licht strahlen.

Davon abgesehen gelingt Wolfgang Hermann aber ein empathischer und überzeugender Einblick in die Gefühlswelt eines Menschen, der sich nach einem Neuanfang sehnt und die Lähmung und Schwere der Trauer überwindet.