Wer Witze reißt, lebt gefährlich in Diktaturen.

Um den folgenden Witz zu verstehen, muss man wissen, dass nach 1945 die Kommunistische Partei der Sowjetunion eine steigende Zahl an Aufnahmeersuchen verzeichnete und die Abkürzung der Partei auf Russisch KPSS (Kommunistitscheskaja partija Sowetskowo Sojusa) lautet. Hier also der Witz: Ein Aufnahmeansuchen wird geprüft. Der Beamte zum Antragsteller: "Was wollen Sie hier?" - "Ich will in die KP eintreten." - "Das ist lobenswert. Aber zuerst sollten Sie lernen, wie der korrekte Name der Partei lautet. Es heißt nicht einfach KP, sondern KPSS." - "Sie verstehen nicht: In der SS war ich schon, jetzt will ich nur die KP hinzufügen."

Der Witz spielt subversiv auf sowjetische Kollaborateure mit dem NS-Regime an und unterläuft das Narrativ einer von Stalin im Kampf gegen Hitler geeinten Nation. Für diesen Witz verbrachte David Kogans Vater, ein Maschinenbauingenieur in Nowosibirsk, vier Wochen im Gefängnis.

Er hatte Glück.

Der Dichter Daniil Charms starb in einem sowjetischen Straflager, in das er wegen seiner Witze und Satiren verschleppt worden war. Und er war nicht der Einzige.

Alle Machthaber mit Absolutheitsanspruch hassen Witze. Zwar ist noch keiner von ihnen durch einen Witz gestürzt oder auch nur gestolpert. Doch Lachen ist der erste Schritt zum zivilen Widerstand.

In Umberto Ecos klugem Klosterkrimi "Der Name der Rose" will der Mörder verhindern, dass jemand die Abhandlung des Aristoteles über die Komödie liest, denn das Lachen könnte die Gottesfurcht unterminieren.

Nährböden für Satiren

Umgekehrt sind absolutistisch oder diktatorisch regierte Nationen ideale Nährböden für Satiren. Je strenger das Regime, desto doppelbödiger die Satire. Notfalls muss man schließlich vor Gericht behaupten können, es sei ganz anders gemeint gewesen.

Und so schrieben sie an gegen ihre Herrscher und Herrschaftssysteme: Aristophanes, Jonathan Swift, Sebastian Brant, Miguel de Cervantes, Christian Reuter, Gustave Flaubert und Ambrose Bierce.

Doch Satire funktioniert nur, wenn man den Zusammenhang kennt. Ist er im Lauf der Zeit verloren gegangen, kann es sein, dass die Satire zum Abenteuerroman wird: Dem "Don Quixote" ist es so ergangen und dem "Gulliver". Die Komödien des Aristophanes kommen als bizarre Märchenstücke auf die Bühne, gerade einmal die "Lysistrata" hat ihre pazifistische Kraft behalten. Doch über die Seneca zugeschriebene "Apocolocynthosis" lacht heute kaum jemand: Die Verkürbissung (statt Verklärung) des Kaiser Claudius und das Treiben der römischen Winkeladvokaten sind zu weit weg, als dass sie, gebrochen durch Witz und Übertreibung, heute noch amüsant wären. In solchen Fällen ist das Lachen den Spezialisten vorbehalten. Es sei ihnen von Herzen gegönnt, sie haben sich diese Möglichkeit durch historische und philologische Studien hart erarbeitet.

Seltsam: Obwohl landläufig der englische Humor gepriesen und Franzosen und Italienern eine sanguinische Lebenseinstellung nachgesagt wird, sind es doch vor allem zwei Nationen aus dem slawischsprachigen Kulturraum, die es zu wahren Satire-Spezialisten gebracht haben. Und das hängt bei Russen und Tschechen nicht etwa mit der Unterdrückung durch den Kommunismus zusammen.

Eher ließ sie ein verbummeltes, korruptes Beamtentum gegen den Stachel löcken. In Russland beginnt das mit Nikolai Gogol ("Die Nase" und "Die toten Seelen"), setzt sich fort über Fjodor Dostojewski ("Das Krokodil") und Michail Saltykow-Schtschedrin ("Die Geschichte einer Stadt"), bis man, im Kommunismus, bei Michail Soschtschenko ("Schlaf schneller, Genosse") landet und, in der Gegenwart, bei Wiktor Schenderowitsch, der Ende 2021 auf eine Liste "ausländischer Agenten" gesetzt wurde und Russland verlassen hat.

Unbekannt ist, wer hinter dem Anti-Putin-Satire-Kanal "Darth Putin" steckt: "Wenn es wie eine Ente aussieht, wie eine Ente quakt, abstreitet, eine Ente zu sein, von dir den Beweis verlangt, dass es eine Ente ist, dich beschuldigt, selbst eine Ente zu sein, sagt, dein Hund sei eine Ente und die Katze deines Freundes sei eine Ente, und alle drei genannten Enten seien russophobe Enten, dann ist es eine Kreml-Ente", hieß es dort schon im Jahr 2018.

Dass man Satire totknuddeln kann, ist freilich der österreichische Weg, der damit nahezu eine Satire über eine Satire ist.

Naturgemäß Thomas Bernhard: vom Nestbeschmutzer zum Komödienfabrikanten. Eben wurde noch eine Fuhre Mist vor das Burgtheater gekippt, das "Heldenplatz", trotz Protesten selbst von SPÖ-Granden wie Bruno Kreisky und Helmut Zilk, uraufführte, schon wurde, ein Begräbnis später, die Sprengkraft aus seinen Texten geherzt. Vom Skandalautor zum neuen Labiche - eine Autoren-Karriere auf Österreichisch. Schließlich hat man Johann Nestroy ebenso zum Komödienautor gemacht. Wobei, geschenkt: Das Metternich-Regime, gegen das er anschrieb, funktioniert heute als Reibebaum nicht mehr.

Der niedergekuschelte Schwejk

Am schlimmsten niedergekuschelt aber hat Österreich den Schwejk. Jaroslav Hašek schrieb den Roman, der unvollendet blieb, als antimilitaristische Satire, gegen Obrigkeiten an sich und gegen die der gerade untergegangenen k.u.k. Monarchie im Besonderen. Mit seinen Anekdoten bringt Schwejk autoritäre Positionen ins Wanken und lässt an seiner stoischen Akzeptanz der Umstände Idealvorstellungen aller Art zuschanden werden. Die Nationalsozialisten verstanden gut, was es bei Schwejk geschlagen hat, und verboten das Buch.

Doch das Nach-1945-Österreich packte den Schwejk in die Watte der Nostalgie: "Als Böhmen noch bei Estreich war", böhmakelte Heinz Conrads im Chanson, und Fritz Muliar böhmakelte weiter als Schwejk mit treuherzigem Blick über "Hundal" und "gébratene Hase" nur vier Jahre, nachdem 1968 russische Panzer den "Prager Frühling" niedergewalzt hatten und Bohumil Hrabal, Pavel Kohout und Vacláv Havel nur noch in der Satire ihre Freiheit finden konnten, während Josef Nesvadba und viele andere auf Science Fiction auswichen und auf Kinderbücher.

Und wie der Westen die klugen und brillant geschriebenen Kinderbücher der Tschechen pries - und völlig vergaß, dass viele von erstklassigen Autoren stammten, die keine andere Wahl hatten, als in dieses Genre auszuweichen.

Das unerträgliche Lachen

Denn es bleibt dabei: Witz und Satire stürzen keine Potentaten. Aber sie verkleinern sie, wie es Charles Chaplin in "The Great Dictator" modellhaft mit Adolf Hitler machte. Und das erträgt keiner dieser Herrscher, die sich als gesendet von Gott oder ihrer Nation wähnen.

Also darf, kann, gar soll man auch über Wladimir Putin lachen? Dem Vernehmen nach mag der das gar nicht. Also, diesen hier hat eine junge Russin erzählt: Putin geht über den Roten Platz. Da begegnet ihm der Geist von Josef Stalin. Stalins Geist: "Stimmt es, dass du meine alte Sowjetunion wiederherstellen willst?" - "Ja." - "In diesem Fall musst du diesen drei Anweisungen folgen: Erstens musst du deine Gegner umbringen. Zweitens musst du deiner Armee erlauben, jede Scheußlichkeit zu begehen, zu der sie fähig ist. Drittens musst du den Kreml grün anstreichen." Putin denkt ein paar Augenblicke nach, dann: "Warum grün?"

Die junge Frau hat Glück. Sie lebt seit sechs Jahren in Österreich.