Boris Pahor, noch im Zeitalter der Habsburger im Jahr 1913 bei Triest geboren, wo er am 30. Mai 2022 im Alter von 108 Jahren starb, war einer der bekanntesten Vertreter der slowenischen Gegenwartsliteratur und die wichtigste literarische Stimme der slowenischen Minderheit in Italien. In seinen Romanen, Novellen und Tagebüchern entwickelt er das Bild unserer Epoche aus der Sicht des Menschen, der den italienischen Faschismus, den Zweiten Weltkrieg und das Martyrium der nationalsozialistischen Lager überstanden hat.

So wie Jean Améry, Imre Kertész, Jorge Semprún oder Primo Levi schilderte auch Pahor, wie sich die äußere und die innere Rückkehr derer vollzieht, die den Vernichtungsaktionen in Dachau, Bergen-Belsen, Mauthausen oder Auschwitz entgingen. Zugleich war er aber auch ein aufrichtiger und engagierter Chronist des Schicksals der slowenischen Volksgruppe in Italien und ein kritischer Zeuge der Destruktion, die die Slowenen in der Zeit des Faschismus erlitten haben.

Seine Werke sind das literarische Dokument der Empörung. Durch kleine Impressionen, Impulse und eindrucksvolle Szenen wird ohne Hass, vielmehr mit Verwunderung und Trauer, die historische Schande im Herzen Europas erfahrbar gemacht. In der charakteristischen Prosa "Feuer im Hafen" (veröffentlicht 2004 in deutscher Übersetzung im Novellenband "Blumen für einen Aussätzigen" im Kitab Verlag in Klagenfurt) beschreibt er zum Beispiel, was er als Siebenjähriger selbst erlebt hat, als im Jahr 1920 die chauvinistische Menge das slowenische Kulturhaus "Narodni dom" des Architekten Max Fabiani, des Schöpfers der Wiener Urania, unter wildem Gejohle der Faschisten, das an die Szenen der Judenpogrome der Nationalsozialisten erinnert, anzündete.

Auch Pahor war - so wie den anderen Slowenen in Italien - nach der slowenischen Grundschule der Gebrauch der Muttersprache unter Benito Mussolini verboten. Trotzdem begann er in slowenischer Sprache literarisch zu arbeiten und veröffentlichte die ersten Texte schon vor dem Zweiten Weltkrieg in Ljubljana im damaligen Königreich Jugoslawien. 1940 wurde er zum italienischen Militär eingezogen und nach Libyen geschickt. Nach dem Zusammenbruch des faschistischen Italien schloss er sich der Slowenischen Volksbefreiungsbewegung (OF) an, wurde aber 1944 verhaftet und in die deutschen Konzentrationslager gebracht. Nach dem Zweiten Weltkrieg studierte er an der Universität in Padua und unterrichtete dann an einem Gymnasium in Triest.

Er war Herausgeber der Triester Literaturzeitschrift "Zaliv" (Bucht), die 25 Jahre in slowenischer Sprache erschien und wegen der redaktionellen Linie - kritisch ausgerichtet gegen politische Opportunität, Chauvinismus und Totalitarismen aller Art - von besonderer Bedeutung war. Kontinuierlich verfasste er aber auch zahlreiche Romane, Novellen, Essays, Tagebücher, Artikel und Polemiken, in denen er sich für eine demokratische Gesellschaft und für die Freiheit der Kunst und Kultur einsetzte. Er kämpfte nicht nur für die Rechte der slowenischen Minderheit in Italien und in Österreich, sondern bei verschiedenen Veranstaltungen und Kongressen auch für die Rechte der europäischen und anderen Minderheiten an sich.

Das Gewissen der Nation

Er verteidigte die Ansichten Edvard Kocbeks, des bedeutenden slowenischen Schriftstellers und ehemaligen Ministers in der ersten jugoslawischen Nachkriegsregierung von Marschall Josip Broz Tito. Kocbek hatte sich als christlicher Sozialist im Krieg den Partisanen angeschlossen, bezichtigte aber die kommunistische Partei später, den Befreiungskampf für ihre Zwecke ausgenutzt und die anfängliche demokratische Struktur des Partisanenkampfes für ihre Zwecke instrumentalisiert und untergraben zu haben. Als im Verlag der Zeitschrift "Zaliv" im Jahr 1975 Kocbeks die Publikation "Zeuge unserer Zeit" erschien, in der er in einem Interview auch das Massaker an den mehr als zehntausend kriegsgefangenen slowenischen antikommunistischen katholischen Heimwehrsoldaten (Domobranci) verurteilte, fiel nicht nur Kocbek, sondern auch Pahor im ehemaligen Jugoslawien in Ungnade.

Aber auch später, in den Zeiten der Demokratie im neuen slowenischen Staat inmitten der Europäischen Union, war Pahor das Gewissen der Nation. Er kämpfte gegen die Opportunität der Politiker und gegen die Laxheit der dem Kapital und dem Konsum zu sehr verfallenen Gesellschaft in Slowenien, in Italien und in Europa insgesamt. Er setzte sich für Werte der Sprache, für Werte der Kultur und der Zivilisation ein, vor allem aber für Werte der Humanität und Toleranz, die erst das menschliche Zusammensein wertvoll machen.

Beim Lesen von Pahors mannigfaltigem Werk hat man manchmal das Gefühl, sich inmitten einer Allegorie der Geschichte aus dem Überschneiden und Aneinanderreihen der Vergangenheitsnuancen und Herrschaftsrelikte zu befinden. Dabei ist seine Heimatstadt Triest eine wichtige Metapher nicht nur für den Raum, sondern auch für die Zeit. Durch sein einzigartiges literarisches Fenster wirft dieser slowenische Autor des Küstenlandes und des Karstes den Blick auf das breite Panorama eines vielschichtigen mehrsprachigen Landstrichs und einer schicksalhaften Zeit, was beim Leser neue Perspektiven eröffnet, doch stellt er das Geschehen und das Schicksal seiner Protagonisten stets in einen größeren europäischen beziehungsweise internationalen Rahmen.

Das Trauma des Holocaust

Im breiten Bogen stehen vor dem Leser der Slowene Bojan Pertot, ein Soldat der italienischen Armee und Alter Ego des Autors in Tripolis, Bengasi und der Wüste Afrikas inmitten des Zweiten Weltkrieges im Roman "Nomaden ohne Oase" (deutsche Übersetzung beim Hermagoras Verlag, Klagenfurt 2009), der kranke ehemalige KZ-Häftling Radko aus Bergen-Belsen im Sanatorium bei Paris im Roman "Kampf mit dem Frühling" (deutsch im Verlag Klett-Cotta 1997) oder die Auseinandersetzung mit der totalitären Vergangenheit beim Anblick der ehemaligen Mussolini-Villa am Gardasee im Roman "Villa am See" (Hermagoras Verlag 2009). Das Trauma des Holocaust wird in vielen Novellen und Romanen Pahors, vor allem aber im Roman "Nekropolis" (Berlin Verlag 2001), als Pandämonium zwischen Leben und Tod aufgegriffen, doch auch in der tiefsten Finsternis sieht der Autor einen Hoffnungsschimmer in der Erneuerung des Lebens auf der Grundlage der Liebe und der Humanität.

Die Liebe ist eigentlich Pahors Hauptthema. Selbst in schlimmsten Situationen gibt es - oder sollte es geben - für jeden Menschen einen sicheren Ort in einer unsicheren, oft unmenschlichen Welt. Im Roman "Wiege der Welt" (Kitab Verlag, Klagenfurt 2009) sind das für den ehemaligen KZ-Häftling Igor Sevken, einen durch schlimme Lebenserfahrungen gekennzeichneten Menschen, neben der Zuneigung zu einer in den französischen Vogesen beheimateten Ärztin die Bucht von Duino (slowenisch: Devin) und das weite Meer vor Triest, obwohl dies oft nur als eine Wunschvorstellung und ein schöner Traum des Protagonisten erscheint.

Pahor, der wie Levi oder Jean Améry dem "Rad der furchtbaren Geschichte" entkommen ist, versuchte seine prägenden Erlebnisse auch für die nächsten Generationen erfahrbar zu machen. Er meinte, dass trotz schlimmer Erfahrungen ein sinnvolles und humanes Leben möglich sei. Man sollte die Gegenwart mitgestalten und durch diese Mitgestaltung besser machen. Die literarische Botschaft Pahors ist von einem versöhnlichen Unterton getragen. Er bejahte stets aus seiner eigener Erfahrung heraus das Leben und die menschliche Solidarität über alle Grenzen hinweg.