Julian Schutting erhält den alle zwei Jahre verliehenen und mit 10.000 Euro dotierten H. C. Artmann Preis 2022 der Stadt Wien.

Welch eine Paarung!

Eine ganz und gar unmögliche, so scheint es. Schutting und Artmann - unterschiedlicher könnten zwei Autoren nicht sein.

Würde man gefragt nach der Spannweite deutschsprachiger Lyrik nach 1945, könnte man, sobald die Spreu vom Weizen getrennt ist, sagen: H. C. Artmann ist das Alpha, Julian Schutting das Omega. Oder umgekehrt.

Doch so sind Preise nun einmal: Benannt nach einem hervorragenden Vertreter der Disziplin, für die sie zuerkannt werden, doch ohne stilistische Ähnlichkeiten zu suggerieren.

Niemand weiß das besser als Schutting selbst: "Artmann war ein wirklicher Dichter. Aber ästhetisch war er ein genauer Gegenpol zu dem, was ich mache", sagt er.

Intellekt und Musik

Julian Schutting also: bald 85 Jahre alt, geboren nämlich am 25. Oktober 1937 in Amstetten als Jutta Schutting, fotografische Ausbildung an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien, Studium der Geschichte und Germanistik, Promotion über ein rechtshistorisches Thema, Deutschlehrerin an der Höheren Technischen Lehranstalt in Wien, Durchbruch 1973 mit dem Gedichtband "in der Sprache der Inseln" (damals konnte man mit Lyrik noch Aufmerksamkeit auf sich ziehen), Geschlechtsangleichung 1989: "Ich werde ein bisschen mehr der Mann, der ich schon immer gewesen bin", sagt Schutting darüber, der sich jetzt den Vornamen Julian zulegt: "Judas kam nicht in Frage, weil Verräter an den Frauen bin ich nicht. Was blieb denn da noch. Julius Meinl? Man sieht an dem Namen Julian, was war."

Der Namenspatron des Preises war ein Fabulierer, ein Poet, ein Wortartist: H. C. Artmanns Lyrik ist sinnlich, wuchernd, sie denkt den Surrealismus weiter, treibt Maskenspiele mit Wiener Dialekt und Worterfindungen, mit Kinderreimen und barocken Formen, mit Balladen und Haikus, mit persischer und gälischer Dichtung, fabuliert in der Lyrik, dichtet in seiner Prosa. Was Artmann in Worte fasst, wird Sprachklang, ist Samenkorn für Bilderwelten im Kopf des Lesers.

Julian Schutting auf der anderen Seite: Intellektuell, diszipliniert. Er spricht sich selbst die Fantasie ab, erklärt sich zum Rationalisten "durch und durch". Schutting verdichtet Gedanken. Sogar die "Liebesgedichte" (1982) befragen die Gefühle eher, als dass sie sich ihnen hingäben. "Aufhellungen" (1990) heißt einer der stärksten Gedichtbände Schuttings - er könnte auch "Erhellungen" heißen, denn das Gedicht ist hier Denkanreiz, hat nichts Raunendes, vermeidet die Sinnlichkeit zugunsten der gedanklichen Genauigkeit. Der Leser soll verstehen, nicht in Hingabe überwältigt sein.

Welch ein breit gestreutes Werk hat Schutting doch in geschaffen: an die 50 Bücher, darunter Erzählungen, Romane, Essays, Tagebücher, Texte für die Bühne, Übersetzungen. Und immer wieder, und mit allem Nachdruck, Gedichte. Kaum ein bedeutender deutschsprachiger Autor der Gegenwart, der sich in diesem Umfang in Lyrik ausdrückt. Vielleicht hängt es mit dieser musiknächsten aller Dichtungsformen zusammen, dass Schutting seine Werke immer wieder mit Musik in Zusammenhang bringt, etwa in den "Betrachtungen", so Schutting über sein Buch "Metamorphosen auf Widerruf. Über Musik", die um Oper und sinnliche Wahrnehmung kreisen - und mit einem Mal ist da, ja, gewiss, immer noch Intellekt, aber auch die Leidenschaft, die einen großartigen Autor dann eben doch zum Dichter macht und schließlich die angeblich intellektuellen Gedichte auf ganz neue Weise wahrnehmen lässt.

So wird denn auch letzten Endes der H. C. Artmann Preis ganz zu Recht zuerkannt, dem Julian Schutting.