Eines Tages entfernt sich Margaret, die achtjährige Tochter der religiös dogmatischen Eltern Elinor und Kenneth Marsh, gefährlich weit vom heimischen Gelände und trifft auf einem geheimnisvollen Anwesen auf einen geheimnisvollen Maler, der ihr zuhört, wie ihr sonst nie Menschen zuhören. Dass er merkwürdig wirr daherredet und ihr dreimal sagt, dass er Mr. Drinkwater heißt, schmälert Margarets tiefen Eindruck nicht.

Wer ist dieses Kind - vorlaut, frühreif, frech, ruppig, sensibel, lebhaft, und jeweils haarscharf den Nagel auf den Kopf treffend -, wenn sie die Bemühungen ihrer Eltern, sie nicht unter der Ankunft des gerade geborenen Bruders leiden zu lassen, mit Wutanfällen beantwortet?

Jane Gardams umwerfend witziger Roman ist keineswegs ein spätes Meisterwerk, in dem sich die 93-jährige Autorin mit duldsamen jungen Eltern und äußerst selbstbewussten Kindern von heute beschäftigt. "God on the Rocks", auf Deutsch "Mädchen auf den Felsen", ist der 1978 erschienene Romanerstling der längst auch bei uns bekannten und gerühmten Grand Old Lady der britischen Literatur - und er handelt, weit jenseits pädagogischer Moden, vom untrüglichen Wissen, das sensible Kinder aller Zeiten über die sorgsam verschwiegenen Abgründe und Verdrängungen im Leben ihrer Eltern haben.

Margarets auf die Rettung verlorener Seelen spezialisierter Vater hat sich Lydia vorgeknöpft, seit neuestem Margarets Kindermädchen, deren furchtlose Direktheit Marshs angestrengte Missionsbemühungen allerdings zum Teufel jagt. Und auch Margaret selbst kann zwar auf des Vaters Kontrollfragen sofort die entsprechenden Bibelstellen zitieren, aber etwas Wesentliches in ihr beugt sich dem frömmlerischen Getue der "Primal Saints" nicht, verweigert sich der im Namen des Glaubens verordneten Unlebendigkeit, und schaut immer tiefer, als ihr erlaubt wird. Und durch Lydia, die einen frischen Wind in die dogmatisch enge Familienwelt trägt, wird ihr bewusst, dass den Vater eigentlich nur interessiert, dass sie funktioniert.

Was aber ist es, was Margaret im Gesicht ihrer Mutter aufbrechen sieht, als sie mit ihr die einstmals herrschaftlichen Geschwister Charles und Binkie besuchen geht, die nach längerer Abwesenheit in die Nachbarschaft zurückgekehrt sind? Welches Geheimnis lauert da? Und wieso sieht sie die sorgsam manikürten Hände ihres moralisch so gestrengen Vaters plötzlich über den Rücken des Kindermädchens Lydia streichen?

Schneller als irgendwer schauen kann, kommt der Moment, in dem alle unter Putzwahn oder Lethargie, unter Konvention oder Missionseifer verborgenen und in braven Tea Partys versteckten Wahrheiten gleichzeitig sich Bahn brechen. Und wie so oft ist es das Kind, das die Stunde der Wahrheit unbewusst herbeiführt. Glücklicherweise begreift dies Ellie, Margarets Mutter, gerade noch rechtzeitig: "Dieses Wunder namens Margaret - so gut und aufrichtig und keinen Grund zur Sorge gebend - ließ Ellie Tränen in die Augen steigen. Sie ist klüger als sie alle zusammen, dachte sie, sie sieht geradeaus und klar. Sie ist stark wie eine Löwin. Das Beste in meinem Leben."

Gardams Roman erzählt von der Macht eines Kindes, das mit Vitalität und untrüglichem Sensorium in die vielen Räume des Schweigens und Verschweigens drängt, in denen die Erwachsenen ihr ungelebtes Leben unter Konrolle zu halten versuchen.

Und Jane Gardam wäre nicht Jane Gardam, wenn sie in der scharfzüngig und brüllend komisch erzählten Geschichte der hinreißenden Margaret nicht ein beißendes Sittenbild einer in Klassendünkel und Bigotterie befangenen Gesellschaft verpacken würde. So cool, so lapidar, so ganz nebenbei herzzerreißend erzählt sie, wie es außer ihr nur wenige können - und sie konnte das, wie man nun weiß, auch schon in ihren Anfängen.