Eine Hofmühle im Mühlviertel bildet den Ausgangspunkt von Judith W. Taschlers Dreigenerationen-Roman "Über Carl reden wir morgen", dessen weit verzweigte Erzählstränge sich zwischen dem frühen 19. und dem 20. Jahrhundert erstrecken. Die Mühle gehört der Familie Brugger, die sich mit Fleiß und Zähigkeit ihre Existenz aufbaut und ab der zweiten Generation auch ein kleines Kaufhaus betreibt. Heftige Anfeindungen eines konkurrierenden Großbauern und Dorfpatriarchen bleiben nicht aus, noch dazu, da es zwischen den beiden Familien prekäre verwandtschaftliche Verstrickungen gibt.

Vertauschte Rollen

Aber auch innerhalb der Familien selbst entstehen Meinungsverschiedenheiten, wobei vor allem die Zwillinge Carl und Eugen Brugger als dritte Generation stellvertretend für verschiedene Auffassungen von Pflichterfüllung und individueller Glückssuche stehen. Der vorsichtige und nachdenkliche Carl fühlt sich sehr an die Heimat gebunden, misstraut aber dem fadenscheinigen "Glück", das ihm im Dorf und von den Eltern vorgelebt wird:

"Er konnte nicht nachprüfen, ob sie als frisch verliebte Menschen glücklich gewesen waren, er konnte ihnen nur glauben, wenn sie es ihm erzählten, aber das, was von ihrem Glück geblieben war, empfand er als bitter und erbärmlich. Seine Mutter sah mit ihren geistesabwesenden Augen durch seinen Vater hindurch, und dieser ging mit ihr um, als wäre sie ein rohes Ei, das auf keinen Fall zerbrechen durfte. Seine Tante Fini wurde von ihrem Mann Vinzenz gar nicht angesehen, er redete auch nicht mit ihr, jahrelang nicht, um nicht zu sagen jahrzehntelang. Bevor er aufhörte, mit ihr zu reden, beschimpfte er sie als ausgedörrt und nutzlos..."

Carl möchte die Familiengründung bedachter angehen, aber daran ist vorläufig ohnedies nicht zu denken, da die Weltgeschichte mächtig in die Vorstellungen und Lebenspläne hineingrätscht. Er muss als Soldat im Ersten Weltkrieg kämpfen. Der leichtlebigere Eugen wandert schon ein paar Jahre vorher nach Amerika aus, arbeitet dort zuerst ebenfalls in einer Mühle und baut dann erfolgreich mit einem Kompagnon ein Sägewerk mit Holzhandel auf.

Als er zurückkehrt, um die Eltern eine Zeitlang zu unterstützen, trifft er zu Hause auf seinen totgeglaubten Zwillingsbruder Carl, der in den letzten Kriegstagen desertiert ist. Wegen dieser folgenschweren Entscheidung kann der ansonsten sehr pflichtbewusste Carl sein früheres Leben nicht mehr aufnehmen - eine Konstellation, die Judith Taschler im letzten Teil des Romans zu einem grotesken Spiel mit vertauschten Rollen inspiriert, das ihr merklich Schreibfreude bereitet.

Vermutlich hat die Autorin damit bereits das Ausgangs-Szenario für einen zweiten Teil der Familiensaga angelegt, denn sie hat angekündigt, über eine Fortsetzung nachzudenken. Ein stimmiges Unterfangen, denn bei Generationenromanen mit gut recherchiertem historischem Hintergrund ist Taschler in ihrem Element. Während die Leser noch nach Orientierung im Verwandtschaftsgeflecht suchen (ein beigelegter kleiner Folder hilft beim Überblick), eilt die Autorin beim vorliegenden Roman in munterem Erzählfluss von Episode zu Episode. Dramaturgisch geschickt lässt sie so manches Kapitel im Ungewissen enden, um den Erzählfaden in einem anderen Teil des vielschichtigen Familiensystems weiterzuspinnen, sodass sich viele Lücken der Zeitensprünge letztlich einsichtig schließen - oder auch nicht.

Denn auch das Austricksen des Absehbaren gehört zu Taschlers erzählerischem Können. Manche literarischen Wendungen sind so unerwartet wie die schicksalshaften Wendungen des Lebens, so wie auch die beschriebenen Charaktere Brüche aufweisen, die man ihnen in vielen Fällen nicht zutraut. Das ist höchstens dann irritierend, wenn diese aus einer zu großen Distanz der Autorin zu ihren Protagonisten entspringen oder dabei die literarische Absicht zu offensichtlich ist.

Anschaulich erzählt

Die Brüche sind jedoch sehr reizvoll und überzeugend eingesetzt, wenn sie Menschen in ihrer Zerrissenheit zeigen. Eher wird die Lesefreude bei diesem Buch durch Wiederholungen eingebremst, die den Erzählfluss stellenweise langatmig werden lassen, obwohl bzw. weil manche Episoden hauptsächlich zum Zweck des Perspektivenwechsels neuerlich erzählt werden. Aber da Judith Taschler auch in den zusammenfassenden Erzählpassagen nie in eine reine Inhaltsangabe abgleitet, sondern immer eine anschaulich erzählte Szene parat hält, findet man schnell wieder in die komplexe Familiengeschichte hinein, die gleichzeitig auch das vielschichtige Porträt eines Mühlviertler Dorfes im Wandel der Zeit ist.