Dem Schönberg hat seine Frau sauber Hörner aufgesetzt! Und nicht nur das: Ausgerechnet mit dem Maler hat sie ihn betrogen, bei dem der Schönberg seine eigene Kunst perfektionieren hat wollen. Und dann hat es Krach gegeben wie in einem Stück von Strindberg, danach hat sich der Maler, der Richard Gerstl, aufgehängt. So nebenbei, neben dem Krach machen und ertragen, hat der Schönberg auch noch komponiert.

Das hat auch die lesbische Suffragette Ethel Smyth gemacht, also komponiert, und ganz aufgeregt war sie, wie sie mit dem Claude Debussy zusammengetroffen ist. Der Claude Debussy war, wenn er nicht gerade mit der Ethel Smyth diniert hat, ein bettlägeriger Kranker, und auch er hat komponiert.

Na so was! - In dieser Geschichte sind doch wirklich alle diese Neurotiker, Schürzenjäger, Selbstüberschätzer, Selbstunterschätzer, Familienmenschen, Familienzerstörer, Intriganten und weiß der Teufel, was noch die an Hauptberufen hatten, Nebenberufskomponisten.

Das Unterhaltungssachbuch

Volker Hagedorn, Autor und Musiker, hat in "Bachs Welt" eine glänzende Familiengeschichte über den Clan verfasst, dem Johann Sebastian Bach angehörte, und, noch besser, er hat im Buch "Der Klang von Paris" die französische Hauptstadt als Komponisten-Metropole inszeniert. Dieses Buch ist ein Meisterwerk. Sein neues Buch, "Flammen: Eine europäische Musikerzählung 1900 - 1918", ist keines. Das hat mehrere Gründe, die alle Teil derselben Ursache sind: der Erzählfreude des Autors.

Und erzählen kann er, der Volker Hagedorn. Geschrieben ist das glänzend. Die 348 Seiten Text lesen sich weg wie ein Unterhaltungsroman. Jeder Simenon-Krimi stellt höhere Ansprüche an den Leser. Insgeheim fragt man sich, ob Hagedorn das Genre des Unterhaltungssachbuchs erfunden hat.

Hagedorn wählt diesen erzählerischen Zugang mit Absicht. Das verrät schon der Untertitel "Eine europäische Musikerzählung".

In der Natur von Erzählungen aber liegt es, dass sie interessanter Charaktere bedürfen, die in außerordentliche und dadurch erzählenswerte Situationen geraten. Der Normalcharakter beim Zähneputzen gibt nur Stoff für einen der Nabelschau-Romane der deutschsprachigen Literatur ab.

Komponisten sind in der Regel keine so wahnsinnig spannenden Romanfiguren, wenn sie nicht gerade ihre Frau samt deren Liebhaber umbrachten, wie seinerzeit Carlo Gesualdo, oder zumindest wahnsinnig wurden wie Hans Rott.

Soll sich nun eine Erzählung ausgerechnet um Komponisten drehen, muss der Autor zwangsläufig die Protagonisten herauspicken, über die es etwas zu erzählen gibt - nur sind das halt nicht zwangsläufig auch die musikalisch bedeutendsten. So erwählt Hagedorn also Ethel Smyth als Hauptgestalt seines Buchs. Als Leser kommt man da freilich kaum um die Frage herum, was die Fixierung auf eine mittelmäßige englische Komponistin soll.

Doch das ist eben das Resultat dieser verflixten Erzähllust: Hagedorn will als Hauptgestalt eine Frau haben, und die musikalisch weit bedeutendere Lili Boulanger, deren Lebensdaten (1893-1918) obendrein nahezu deckungsgleich sind mit der im Buch geschilderten Epoche, gibt rein biografisch nur die Episoden-Nebenfigur her, als die Hagedorn sie in Szene setzt. Frauenrechte samt Inhaftierung haben halt einen höheren Unterhaltungswert als ein Dahinsiechen an Morbus Crohn, und wenn Boulangers "Psaume 24" musikalisch noch so turmhoch über Smyth’ "The Prison" steht.

Was will das Buch?

Demgemäß verfährt Hagedorn mit den anderen Komponisten: Fast immer schreibt er auf die Pikanterie hin, auf den Skandal, auf die Beziehungs- oder Ehekrise und, naturgemäß, auf eine Begegnung mit Ethel Smyth. Er erfindet Dialoge (oder nimmt sie aus Briefen), hat Unmengen Fachliteratur gewälzt, beleuchtet Nischen (wer kennt schon die futuristische Oper "Der Sieg über die Sonne" - schade, dass Hagedorn den Namen des Komponisten Michail Matjuschin unterschlägt), annotiert akribisch seine Quellen.

Nur schlau wird man aus dem Buch nicht: Die Musik selbst ist als Hauptdarstellerin behauptet, bleibt aber ungreifbar. Schönberg könnte wie Satie klingen, Debussy wie Mahler. Oder will Hagedorn mehr dem Lebensgefühl von Komponisten nachspüren als ihrer Musik? Legitim wäre auch das.

Vielleicht besteht das ganze Problem nur im Titel und das Buch hätte besser heißen sollen: "Aufgeregt - ein Ethel-Smyth-Roman".