Es passiert nicht so oft, dass Hühner die Hauptpersonen eines Romans sind. Und dann noch dazu so viele. In Deb Olin Unferths "Happy Green Family" (Verlag Klaus Wagenbach) sollen 900.000 Legehennen aus ihrem Massentierhaltungsschicksal befreit werden. Ein Gespräch über sprechende Hennen, egoistische Menschen und das Höllenszenario Texas.

"Wiener Zeitung": Sie haben eine Graphic Novel über Papageien veröffentlicht, und nun dieser Roman über die Rettung von fast einer Million Legehennen - haben Sie ein spezielles Faible für Vögel?

Deb Olin Unferth: Ja, vielleicht. Ich stehe sehr oft draußen und höre ihnen zu, wenn sie singen. Aber eigentlich habe ich ein besonderes Faible für Tiere an sich. Ihre Auslöschung und die Zerstörung des Planeten beschäftigen mich sehr. Ich bin auch Veganerin. Hühner sind mir besonders ans Herz gewachsen, weil das die meistgequälten Tiere des Planeten sind. Ich habe massenhaft über sie recherchiert, war auch in Massentierhaltungsfarmen. Hennen sind ja komisch, wenn man an sie denkt, dann denkt man eigentlich nicht an Vögel, weil sie so gut wie nicht fliegen. Sie sind immer so ein bisschen ungelenk, und sie singen auch nicht wie die anderen Vögel in der Früh. Wenn man sie aber besser kennenlernt, dann weiß man, dass sie sehr wohl singen - auf eine eigene Art. Irgend wann habe ich mich in sie verliebt.

Deb Olin Unferth. - © Nick Berard
Deb Olin Unferth. - © Nick Berard

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Hühner richtige Persönlichkeiten haben.

Und wie! Jeder, der im Hinterhof Hühner hält, wird sagen: Sicher haben die Persönlichkeit. Die pflegen untereinander gute Freundschaften, sie haben 30 verschiedene Kategorien, wie sie Konversationen führen, über Partnersuche, Futtersuche, Jungenaufzucht. Wenn Sie fünf Hühner haben, wird jedes davon anders sein. Die können untereinander Gesichter erkennen, sogar menschliche Gesichter wiedererkennen, sie haben auch Namen für einander. Gut, das haben die meisten anderen Tiere auch. Wenn man abends Vögel singen hört, dann rufen die eigentlich ihren Namen, so in der Art: "Ich bin Tirili, ich lege mich heute auf diesem Baum zur Ruhe." Und in der Früh geben sie dann Bescheid: "Hey, ich hab die Nacht überlebt!" Hühner machen so etwas auch. Ich habe in meinem Buch auch ein Huhn als "Figur", aber sie hat keine riesige Rolle, denn ich wollte auch nicht, dass es cartoonesk wird. Ich wollte wirklich bei den Fakten bleiben. Aber ich gab ihr mit Bwwaauck einen Namen, wie sie von den anderen Hühnern wirklich genannt werden könnte.

Haben Sie selber Hühner?

Nein, ich habe nur einen alten Hund. Ich würde auch nur Hühner adoptieren. Kaufen würde ich keine. Ich glaube nicht an das Eigentum von Tieren, ich fühle mich auch nicht als die Besitzerin meines Hundes, ich bin seine Beschützerin.

Wieso sind Hühner die am schlechtesten behandelten Tiere?

Besonders Legehennen sind das. Es gibt kein Gesetz bei uns, das sie irgendwie schützt. In Freiheit legen Hühner 30 bis 60 Eier pro Jahr. In diesen Eierfabriken legen sie 300 pro Jahr. Das machen sie buchstäblich so lange, bis sie tot umfallen. Es gibt schon auch andere Farmen, aber die machen nicht einmal ein Prozent der Eier aus. Hühner in Bodenhaltung (englisch cage-free, Anm.) sind auch in einem Käfig, der ist nur größer, dafür sind mehr Hühner drin. Freilandhennen leben in einer riesigen Scheune, die hat eine winzige Tür, da können sie raus. Die meisten von den Tieren finden diese Tür niemals in ihrem Leben. Und selbst wenn sie rauskommen, finden sie da kein Gras, sondern Zementboden vor. Denn der ist am einfachsten zu reinigen.

Eine der traurigen Absurditäten in dem Roman ist ja, dass Hühner, die man aus Massentierhaltung holt, gar nicht überleben, weil sie mit der neuen Situation nicht umgehen können.

Ja, die steigen aufeinander in ein Knäuel, drängen sich aneinander - weil sie so viel Platz um sie herum nicht gewöhnt sind, das macht ihnen Angst. Und dann ersticken sie sich gegenseitig. Ich war im Zuge der Recherche acht, neun Monate "embedded" bei Tierschutzaktivisten, habe viel mit ihnen geredet, die haben mir Material von ihren Undercover-Ermittlungen gezeigt. Ich war auch bei Farmern, habe diese riesigen Anlagen besucht, war auf einer "Eier-Konferenz". Die Farmer sagen, die Hennen finden die Käfige o.k., man sieht das ja daran, dass sie wieder reinwollen, wenn man sie rausnimmt.

Eine selbsterfüllende Prophezeiung.

Farmer denken über Hühner nicht als "Personen". Leben ist heilig, wir sollten es nicht mit solcher Verachtung bestrafen. Aber die meisten Menschen machen sich da kaum Gedanken. Ich habe gerade "Die Wurzeln des Lebens" von Richard Powers gelesen, das hat mich extrem beeindruckt. Der Gedanke, dass Bäume eine Gemeinschaft bilden, war mir neu. Das stellt unsere Auffassung von Natur als Wettbewerb des Stärkeren auf den Kopf. Die Natur ist nämlich kooperativ eingestellt. Und das macht unser System, wie wir mit ihr umgehen, noch einmal viel schlimmer. Menschen sagen: Tiger reißen auch ihre Beute im Dschungel, um zu überleben. Aber das ist einfach etwas komplett anderes, als was wir Hühnern antun. Lagerhallen, 120.000 Hühner in nur einer Scheune. Wir produzieren so viel mehr, als wir konsumieren. Wir Menschen sind nicht Teil einer kooperativen Umwelt, wir mähen einfach alles um, ruinieren die Ozeane, töten alles in den Ozeanen, töten alles in der Luft, töten alles, was wir sehen oder nicht sehen. Traurig, aber so sind wir.

Wird es sich noch rechtzeitig ausgehen, die Leute, die sich bisher kein bisschen für Umweltschutz interessiert haben, zu überzeugen, ihren Lebenswandel zu ändern?

Ich weiß nicht, aber ich weiß zumindest, dass ich alles tue, was ich kann. Ich esse keine Tiere. Aber man kann sich auch nicht überall rausnehmen. Ich habe zum Beispiel ein Auto. Was ich nicht leiden kann, ist, wenn man sagt: Das ist so großes Problem, da kann man eh nichts tun. Ich kann’s nicht leiden, wenn ich zum Essen eingeladen bin und da liegt ein ganzer Friedhof am Tisch, darüber denkt nicht einmal jemand nach. Warum muss es immer, wenn wir irgendwas in unseren Mund stecken, ein Tier sein? Ich sehe aber nicht, dass sich das ändert. Wir sind da zu selbstbezogen. Ich klinge da vielleicht radikal, aber ich denke, wenn wir aufhören, Kinder zu kriegen, dann würden wir vielleicht die Dinge klarer sehen. Ich habe keine Kinder. Aber wenn man Kinder hat, dann will man alles für das Kind tun, mein Kind muss das Beste von allem haben, und alles, was mir da im Weg steht, wird zerschmettert. Mein Kind will Molkereimilch, bei Gott, dann kriegt es seine Molkereimilch! Und es ist mir so was von egal, wie es der Kuh dabei geht. Aber das ist wohl eine zu radikale Idee. Die Leute hassen das echt, wenn ich so etwas sage. (lacht)

Aber man könnte ja auch für die Kinder den Planeten retten wollen...

Es wäre schon möglich, dass wir unsere Meinung ändern und uns für die Kinder um den Planeten kümmern. Das sagen auch manche Menschen, aber sie sagen es, während sie sich Chicken Nuggets in den Mund stopfen, also ich fürchte, das wird wohl nichts. Und selbst dann ist es egoistisch, denn dann tun sie es für die Kinder und nicht für den Planeten. Und die Tiere.

Sie leben in Texas. Ist da Klimawandel überhaupt ein Thema, das politisch debattiert wird?

Wir sind ein großer Ölstaat, hier fahren so viele gigantische Fahrzeuge herum, jeder hat ein Riesenauto, aber nicht hybrid und schon gar nicht Elektro. Das ist wirklich ein Problem hier in Texas. Bei uns ist Wahlkreisschiebung sehr üblich, viele Leute gehen nicht wählen, Republikaner haben hier überall das Sagen. Das ist auch kein Ort, an dem es viele Menschen gibt, die kein Fleisch essen, es gibt eine Menge Barbecues, auch Demokraten lieben Barbecues.

Sie halten Schreibkurse in Hochsicherheitsgefängnissen?

Ja, ich habe ein Programm in einem Gefängnis in Südtexas. Auf dem Weg dorthin lernt man Texas so richtig kennen. Da gibt es zum Beispiel eine Ranch für exotische Tiere, da kann man für eine Riesenmenge an Geld Giraffen, Zebras, sogar Löwen erschießen. Das ist Texas: Riesenautos, Riesenwaffen. In unserer Straße sind wir, glaube ich, die Einzigen, die keine Waffe haben. Außerdem fahre ich vorbei an diesen deprimierenden Amazon-Lagerhallen, davor stehen die Trucks, die den Plastikmüll, den wir bestellen, durchs ganze Land schippern.

In den acht Jahren, die ich da entlang fahre, hat sich auch die Landschaft durch das Fracking extrem verändert. Und dann kommt man in das Gefängnis zu Menschen, die eine 50-Jahre-Strafe absitzen. In der Nähe ist die Grenze, das heißt, da sind noch diese Migrantenlager, in denen Eltern ihre Kinder abgenommen werden. Es ist einfach eine Höllenszenerie. Auf dem Weg ist auch eine extrem trostlose Bar. Ich frage mich immer, wer geht bitte in diese Bar? Und eines Tages, ich schwöre bei Gott, stand vor der Tür ein Schild: "Heute Zwergenwrestling". Die Leute dort gehen also erst eine Giraffe erschießen und dann gehen sie zum Zwergenwrestling!