Egal, ob es um das Leid der Tiere geht, Liebe und Moral, die Folgen von Digitalisierung und Klimawandel, die Corona-Impfung oder den Ukraine-Krieg geht: Richard David Precht mischt auf allen Kanälen kräftig mit. Die "Wiener Zeitung" sprach mit dem Philosophen und Buchautor am Rande des Pfingstdialogs 2022 auf Schloss Seggauberg.

"Wiener Zeitung": Herr Precht, haben Sie ein besonderes Gespür dafür, was die Menschen bewegt?

Richard David Precht: Ich setze mich für viele Dinge ein, die nicht zwingend mehrheitsfähig sind.

Ist es Nonkonformismus, der Sie in der Impfdebatte und jetzt beim Ukraine-Krieg treibt?

Das ist ein viel zu großes Wort. Ich habe in der Corona-Debatte ein Buch über die Pflicht geschrieben, mit dem ich mir sehr viele Feinde gemacht habe. Darin habe ich versucht, zu erklären, dass der moderne Fürsorgestaat nicht nur das Recht, sondern die Pflicht hat, für das gesundheitliche Wohlergehen seiner Bürger zu sorgen. Aber mit der Impfpflicht gehen wir einen Schritt zu weit. In der deutschen Verfassung handelt der erste Satz von der Menschenwürde. Das ist ein Konzept von Immanuel Kant. Der Mensch ist ein Zweck an sich, er darf nicht verzweckt, also durch den Nutzen einer höheren Sache verdeckt werden. Wenn wir mit dem Argument, wir müssen die Kinder impfen, weil wir nicht genug Erwachsene haben, die sich impfen lassen, um eine Herdenimmunität zu erreichen, dann begehen wir aber genau diese Verzweckung. Es ist nicht falsch, wenn Eltern sich dafür entscheiden, ihre Kinder impfen zu lassen. Es ist aber falsch, einen gesellschaftlichen Druck aufzubauen, dass wir das sollen. Das ist kein Nonkonformismus. Das ist eine wichtige Einschränkung.

Erleben wir in der immer aggressiveren Weise, wie wir wichtige Themen debattieren, eine Krise der Öffentlichkeit?

Diese Diagnose würde ich unterstreichen. Sogar etablierte Qualitätszeitungen haben sich zumindest in ihren digitalen Auftritten leider sehr weit an die Aufregungskultur der sozialen Medien angepasst. Das hat dazu geführt, dass wir über gesellschaftliche Themen wie Corona oder den Ukraine-Krieg nicht mehr in den dafür notwendigen mindestens 50 Schattierungen diskutieren, sondern nach einem Freund-Feind-Schema und einer digitalen Ethik, die nur Schwarz und Weiß kennt. Für kulturell hoch entwickelte Demokratien wie Österreich und Deutschland ist das ein kultureller Rückschritt.

Was macht es mit unserer Gesellschaft?

Es führt dazu, dass die Leute, die es nicht für die richtige Idee halten, Waffen in die Ukraine zu liefern, sich nicht in öffentlich-rechtliche Talkshows trauen oder nur sehr selten hingehen. Egal, was sie sagen, sie finden am nächsten Tag ein 99-prozentiges Medienecho gegen sich vor. Dabei vertreten sie schätzungsweise 50 Prozent der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Und die Frage, ob wir mehr Waffen in die Ukraine liefern sollen oder nicht, ist eine der allerschwersten Fragen, vor der wir in ethischer und politischer Hinsicht in der Bundesrepublik bisher gestanden sind. Sie verdient es, in aller Ruhe und Differenziertheit analysiert zu werden. Aber das findet im öffentlichen Raum fast nicht statt.

Ist Ihre Sicht auf die Demokratie nicht zu pessimistisch?

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie Helmut Schmidt von Fernsehdemokratie sprach, um zu sagen, dass eine Demokratie mit Fernsehen nicht dasselbe ist wie Demokratie ohne Fernsehen. Auch eine Demokratie mit sozialen Netzwerken ist etwas anderes als eine Demokratie ohne soziale Netzwerke. Diese Dinge verändern die Öffentlichkeit und das politische Handeln sehr viel mehr, als wir es wahrhaben wollen. Tatsächlich haben wir heute in allen westlichen Demokratien ein absolutes Primat der Kurzfristigkeit in der Politik auf Kosten der Langfristigkeit.

Sagen Sie das jetzt, weil Sie selber Opfer dieser neuen Erregungskultur geworden sind?

Ich fühle mich nicht als Opfer.

Wie wichtig sind bei alledem noch Ideologien?

Die Hauptrolle spielt heute die Aufmerksamkeit, nicht die Ideologie.

Sind Sie schon zu einer Meinung gelangt, die Sie selber überrascht hat?

Bei Corona hatte ich von vornherein überhaupt keine Position. Es ist auch normal, dass man seine Meinung ändert, etwa zu einem Krieg, der eine Dynamik nimmt, die man nicht vom ersten Tag an sehen konnte. Eine so schwierige Frage wie Waffenlieferungen an Kiew ist absolut abhängig vom Kriegsverlauf. Wenn die Ukraine jetzt riesige Erfolge erzielen und die Russen zurückschlagen würde, dann gäbe es ein gutes Argument für Waffenlieferungen. Wenn man aber vermutet, dass die Ukraine diesen Krieg ohnehin verliert, dann gibt es kein so gutes Argument mehr dafür.

Der Kampf gegen den Klimawandel ist viel weniger kontroversiell. Warum kommen wir trotzdem nicht in die Gänge?

Ein Grund ist, dass Medien sich mit Themen schnell langweilen. Man sieht das ja auch bei Corona. Es ist nicht dadurch verschwunden, dass das Virus ein für allemal aus der Welt ist. Mangelndes Interesse hat seinen Stellenwert in unserem Leben besiegt. Ein Thema wie der Klimawandel eignet sich nicht für täglich neue Erregung. Deshalb ist es relativ selten die Hauptschlagzeile, die es aus der kosmischen Perspektive aber jeden Tag sein müsste. Denn der abgeholzte Wald, das Schmelzen des arktischen Eises, die schwindende Biodiversität und die Zerstörung der Lebensgrundlagen bringen die größten Veränderungen in der Geschichte der Menschheit mit sich.

Greta Thunberg und Fridays for Future können nun wirklich nicht über zu geringe mediale Aufmerksamkeit klagen.

Ja, aber Fridays for Future machen nicht die konkrete Politik. Die Europäische Union setzt sich Ziele, bis wann Europa klimaneutral sein soll. Aber es ist die Illusion einer Strategie, eine Illusion, die darin besteht, Ziele zu setzen, die die dafür Verantwortlichen selber zu meinen Lebzeiten nicht einhalten können.

Fühlen Sie sich wohl in dieser in Unordnung geratenen Welt?

Nicht besonders. Es gab schon einmal Zeiten, als die Leute von größerem Optimismus und größerer Zufriedenheit geprägt waren. Aber das ist wahrscheinlich völlig normal. Wir erleben die größte Umbruchzeit in der Geschichte der Menschheit. Parallel zur digitalen Revolution, die irrsinnige Auswirkungen nicht nur für die Arbeitswelt, sondern auch für die Psychologie der Menschen hat, müssen wir unter enormem Zeitdruck eine ökologische Revolution mit gewaltigen Umwälzungen in unserer Lebensweise und unseren Weltbildern bewerkstelligen. Das ist eine unglaublich heroische Aufgabe. In der letzten ganz großen Umbruchzeit, dem Einbruch der Moderne durch die zweite industrielle Revolution durch die Elektrizität, als in kürzester Zeit in den Städten die Pferdekutschen verschwanden, Autos auftauchten, Hochhäuser gebaut wurden, die Psychoanalyse aufkam, die Mode sich veränderte und auch die Rolle der Frau, da war es nicht anders. Die Folge davon waren der Erste und der Zweite Weltkrieg. Damals haben die Leute sich mit Sicherheit noch unwohler gefühlt als heute. Umbruchzeiten sind kreative Zeiten, aber sie sind auch sehr verängstigende, frustrierende Zeiten.

Das Interview wurde gemeinsam mit "Kleiner Zeitung" und "Furche" geführt.