Er hoffe, sie halte ihn nicht für einen Hippie, sagt Skip Skivington zu Joan Didion, als sich die junge Journalistin bei einem Treffen von D-Day-Veteranen mit den Männern unterhält. "Er war vermutlich Anfang vierzig, und 1944 war er mit der 101. Luftlanddivision in Bastogne gewesen, er hatte eine leise und zögerliche Art zu sprechen, und ich hätte ihn nicht für einen Hippie gehalten."

Didions Essay ist von 1968. Die Veteranen erkennen einander, sie prosten einander zu, sie feiern. Sie bestätigen einander, dass sie es wieder täten: ihr Leben aufs Spiel setzen für ihr Land. Und doch sind es, wie bei Skip Skivington, mehr die leisen Töne, die Didion unter den Männern wahrnimmt. Skip hat einen Sohn in Vietnam, der vermisst ist. Ein anderer rechnet sich aus, dass sein Sohn in vier Jahren so weit sein wird. Er selbst sei damals nicht zu halten gewesen, erinnert er sich, man habe nie ans Sterben gedacht. "Heute sehe ich das ein bisschen anders", sagt er zu Didion, die mit diesem Zitat ihren Text beschließt.

Krieg & Fake News

Von den zwölf Essays in "Was ich meine", die kurz nach Joan Didions Tod noch einmal die Kunst der amerikanischen Essayistin prägnant präsentieren, sind sechs 1968 erschienen. Verdammt lang her, könnte man meinen - in vielerlei Hinsicht. Aber einige der Texte lesen sich verblüffend aktuell, nicht nur, weil der Krieg uns wieder näher gekommen ist, als man lange meinte.

Zu glauben, Boulevardzeitungen würden wegen der "Fakten" gelesen, "heißt, ihren Reiz misszuverstehen", schreibt Didion in einem Essay über die "Untergrundpresse". "Sie gehen davon aus, dass der Leser ein Freund ist, dass ihn etwas beunruhigt und dass er es verstehen wird, wenn man es ihm direkt sagt." Mit Fakten, sinniert Didion, hat das wenig zu tun. Wie nennen wir das heute: fake news?

- © Ullstein
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In "Wenn man vom College seiner Wahl nicht ausgewählt wird" erinnert sich Didion, damals Mitte 30, an den Moment, an dem sie die Ablehnung aus Stanford, der hochrenommierten kalifornischen Universität, erhalten hatte. Es sei ja trotzdem etwas aus ihr geworden, schreibt sie weiter - "ich glaube, für Kinder, die jetzt zu meinem Bekanntenkreis zählen, muss es weitaus schwieriger sein, Kinder, deren Leben schon ab einem Alter von zwei oder drei Jahren aus einer Serie gefährlich festgelegter Schritte besteht, von denen jeder erfolgreich abgeschlossen werden muss ..."

Da sei etwa die Bekannte, die ihren Vierjährigen beim Kindergarten einer teuren Schule anmelden will und "verzweifelt sei, weil keines der Empfehlungsschreiben das ‚Interesse an Kunst‘ des Vierjährigen erwähnte". Vierjährige, denen kaum mehr "sinnloses", sondern nur kompetenzenförderndes Spielen erlaubt wird: Das klingt für heutige Eltern ganz und gar nicht fremd. Ist der pädagogische Fortschritt in hiesigen Kinderzimmern also endlich aus den USA der späten Sechziger zu uns gereist? Und ist dies eine gute oder eine schlechte Nachricht?

Alles hören, alles sehen, vieles weglassen, das Wenige sorgfältig auswählen und sorgfältig erzählen: eine Kunst, die Joan Didion beherrscht. "Sie interessiert sich dafür, wie über die Dinge gesprochen wird, ob es die Ästhetik Mapplethorpes betrifft oder ein Jahrestreffen von Veteranen des Zweiten Weltkriegs, oder ob es um Martha Stewart geht, eine der ersten Influencerinnen im großen Stil, die sich als Autorin und Fernsehköchin ein Imperium aufbaute", bringt Antje Rávik Strubel es in ihrem Vorwort auf den Punkt: "Das, was die Menschen sagen und wie sie es sagen, ist das Material, in dem Didion mit literarischem Skalpell ganze Ideologien offenlegt."

Schreiben & Neugier

Die späteren Essays kreisen oft um das Thema des Schreibens selbst: Wie muss die Wahrnehmung von jemandem beschaffen sein, der oder die dazu berufen ist, Kurzgeschichten zu schreiben? Zentral ist Didions Essay über das Geschichtenerzählen. Den verstorbenen Tony Richardson würdigt sie in einem wunderbaren Text als einen Menschen, der "den schöpferischen Akt als solchen" so liebte, dass er sich nur für das Erschaffen interessierte und nicht für das, was er bereits erschaffen hatte.

Joan Didion war eine Autorin, die sich Persönlichkeiten, die unterschiedlicher kaum gedacht werden könnten - wie Ernest Hemingway einerseits und Martha Stewart, die "perfekte Hausfrau", andererseits -, mit derselben faszinierten Neugier und Nachdenklichkeit zuwandte. Der letzte im Band präsentierte Essay ist von 2000 - aber in jedem von ihnen sind Sätze zu finden, die man auch heute gut gebrauchen kann.