"Is it nice where you live?", fragt der Taxilenker seine Kundin auf der Fahrt zum Teheraner Flughafen. Die Kundin heißt Anna Baar, die Frage trifft mitten ins Herz: "Nice bis zum Gehtnichtmehr." Ob fiktiv oder real: Der Dialog mit dem Taxifahrer bildet die Klammer zu Baars neuem Erzählband, "Divân mit Schonbezug". Darin geht es einmal mehr um zentrale Themen der vielfach ausgezeichneten Autorin: die Kontrasterfahrungen eines Lebens zwischen den Kulturen, die Suche nach der eigenen kulturellen Identität - und nach dem verlorenen Glück.

Anna Baar wurde 1973 in Zagreb geboren und wuchs zwischen Wien und Klagenfurt auf. Die Mutter stammt aus Kroatien, der Vater aus Österreich. Die Kindheitssommer verbrachte "Ana" bei den Großeltern auf der dalmatinischen Insel Brač. Der Einfluss der resoluten Großmutter (einer ehemaligen Partisanin) auf die Enkelin, die Düfte und Klänge des Inselidylls, aber auch die Realverfassung von Titos Jugoslawien und das Zerschellen dieses Staats sind ebenso Gegenstand von Baars Debüt "Die Farbe des Granatapfels" wie die schmerzliche Erfahrung der Heranwachsenden, dass mehr als nur "Grenzlandberge" das Mutter- vom Vaterland trennen.

- © Wallstein
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Nun, in "Divân mit Schonbezug", zieht die Autorin - gleichsam im "Rückspiegel" des Teheraner Taxis - Zwischenbilanz: "Allen meinen Orten bin ich nur eingemietet, mein Mein heißt nicht viel (...), Besitzanzeige ohne Substanz, ein Kartenhaus aus
Pathos, Echos, Geschmäckern, Düften."

Da ist jener Balkan, der ihr "Seelenwiege" war und zugleich ihr Kinderherz krampfen ließ, bei Großmutters Hass auf alles Deutsche; dann jenes Klagenfurt im nicht enden wollenden Abwehrkampf gegen die "Gefahr aus dem Süden", wo die Schülerin ihre Herkunft verschleierte, ihre "andere Sprache" verschwieg; oder jene Wiener Jahre, wo Baar, Tochter einer Ärztin, ihr Medizinstudium zugunsten der Slawistik schmiss - und bald auch die Slawistik: Die Sprache war abermals zum Minenfeld geworden.

Durch den Zerfall Jugoslawiens war das Uni-Fach Serbokroatisch Geschichte - und am Balkan schon der Name für die alte Sprache tabu. Unselig auch, dass die Großmutter im Jugoslawienkrieg vor den eigenen Landsleuten fliehen musste.

Anna Baar verweigert das Schweigen, das oft unausgesprochen, nicht selten aber auch glasklar eingefordert wird: "Nicht einmal denken!", heißt es sehr schnell, wo Verdrängtes ja nicht aufkommen soll. Sarkastisch wird der Ton, wo es um die Brisanz unbewältigter Vergangenheit geht ("Frieden? Dass ich nicht lache!"), um die "Gewalt von verherrlichten Autoritäten", aber auch um die sogenannten politisch Korrekten, die sich als Antifaschisten outen, ihre "Betroffenheit gewinnbringend ausverkaufen und ihr blindes Gefolge mit hohlen Phrasen umgarnen: Partikularhumanisten!"

Gesellschaftskritik, unbeirrt und couragiert. Weil es aufzurütteln gilt, was man liebt. Doch die Autorin glänzt auch in zarten, melancholischen Passagen, insbesondere da, wo ihre Nona ins Bild rückt; oder in bitterer Ironie: "Heimweh ist nur ein Wort", heißt es in Abwandlung eines Bestsellers von Johannes Mario Simmel; oder, in pointiertem Spiel mit einem Diktum Ingeborg Bachmanns: "Die Wahrheit bleibt unzumutbar."

Unter dieses Motto stellt Anna Baar auch ihre Eröffnungsrede zu den diesjährigen "Tagen der deutschsprachigen Literatur" (vulgo Bachmannpreis) nächste Woche in Klagenfurt.