Mit dem Tod von Gerhard Roth im Februar 2022 endet eines der bemerkenswertesten Werke der österreichischen - oder vielmehr: der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Die Romanprosa des Grazers Autors hat jenseits der Grenzen seines Heimatlandes freilich nie die Bekanntheit erlangt beziehungsweise die Wertschätzung gefunden, die sie verdient hätte, obgleich sein Hausverlag S. Fischer sich stets engagiert um das über 25 Romane umfassende Werk kümmerte.

So grenzt es an einen Skandal, dass ihm die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung den verdienten Büchner-Preis verwehrte. Immerhin hatte Roth mit dem 15-teiligen Doppelzyklus aus "Die Archive des Schweigens" (1980-1991) und "Orkus" (1995-2011) nicht nur eines der bemerkenswertesten literarischen Projekte der deutschsprachigen, sondern der gesamten Weltliteratur geschaffen. Dass dieses singuläre Unterfangen nicht ausreichend gewürdigt wurde, hat Roth völlig zu Recht verbittert.

Als er zu Beginn der 1970er Jahre mit einer Reihe von Experimentaltexten debütierte, gehörte Roth zu den shooting stars der Grazer Literatur, jener Aufbruchsbewegung einer jungen Generation, die nicht weniger als den Beginn der österreichischen Nachkriegsliteratur markierte. Sich einem experimentellen, sprachkritischen Literaturbegriff zu verschreiben, war damals bereits politisch genug, doch bei Roth kam etwas dazu: das Mitläufertum seiner Eltern, das er als eminente moralische Bürde empfand; geradezu als Erbsünde, von der er sich zeitlebens zu befreien suchte, und zwar durch das Schreiben.

Engagiert und kritisch

Aber eben nicht nur allein dadurch. Gerhard Roth war ebenso ein engagierter Intellektueller, der sich wieder und wieder vehement in politische Diskussionen einmischte, insbesondere zu Fragen der verabsäumten Vergangenheitsbewältigung. Engagement, das dringend nötig war und zu dem nicht jeder Kollege den Mut fand. Dass Roth dabei immer wieder übers Ziel hinausschoss, etwa wenn er den Österreichern ein "Nazi-Gen" attestierte oder androhte (aber nicht wahr machte), er würde auswandern, wenn die FPÖ in eine Koalitionsregierung käme, gehört ebenso zur Biografie des Polemikers Roth.

Am gelungensten waren jene Provokationen, die er in seine Romane als kleine Sticheleien einbaute, denn sie führten stets zu realsatirischen Entblößungen des politischen Betriebs. So vermeint eine Romanfigur, sie habe Wolfgang Schüssel beim Urinieren beobachtet, wobei ihr die geringe Größe des Bundeskanzlerglieds aufgefallen sei - was entsprechendes Rauschen im Blätterwald auslöste.

Gerhard Roth 1997 bei einem Pressegespräch zur Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944" in Graz. 
- © apa / Herbert Pfarrhofer

Gerhard Roth 1997 bei einem Pressegespräch zur Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944" in Graz.

- © apa / Herbert Pfarrhofer

Eine veritable Farce wiederum war die Reaktion auf eine Szene in "Der See" (1995), in welcher der Protagonist mit dem Gedanken spielt, man müsse den "Hoffnungsmann", der bei einer politischen Veranstaltung auftritt, eigentlich erschießen. Die FPÖ erkannte in der Figur natürlich ihren Parteiobmann aus Kärnten und stellte eine parlamentarische Anfrage, inwieweit angesichts der "Attentatsphantasien des Gerhard Roth" dem Autor rückwirkend seine staatlichen Stipendien aberkannt werden könnten.

Wie geniale Ironie wirkt da der Umstand, dass bei der 1997 erfolgten Verfilmung des Romans durch Thomas Roth, den Sohn des Autors, der queere Schauspieler Alfons Haider die Rolle des "Hoffnungsmannes" spielte. Das Drehbuch hatte Roth selber verfasst, denn nach einer Phase als Dramatiker in den 1970er und 1980er Jahren verlegte er sich ab den 1990ern auf Drehbücher für Kino- und Fernsehproduktionen, die zumeist im Vater-Sohn-Gespann entstanden.

Das Visuelle beschäftigte Roth aber auch hinsichtlich der Fotografie, die er zunächst als "visuelles Notizbuch" und also Hilfsmittel seines an der Wirklichkeit ausgerichteten Schreibens betrieb. Abertausende Aufnahmen hatten sich im Laufe der Zeit angesammelt, wobei das Fotografieren ab 2000 zunehmend den Status einer Kunstform gewann und sich dann zu einem eigenständigen Werkzweig auswuchs.

Von 2007 bis 2020 erschienen sechs opulente Bildbände, die thematisch geordnet eindrucksvolle Querschnitte durch Roths Fotoarchiv darboten: Die Südsteiermark, Wien, Reiseaufnahmen aus Venedig, Ägypten, Japan oder der Berg Athos waren einige der Orte, die Roths Schreiben beeinflussten, sodass die Fotobände zugleich als realitätsverpflichtetes Komplement seiner Literatur betrachtet werden dürfen.

- © Brandstätter Verlag
© Brandstätter Verlag

Diese erreichte in der Dekade ab 1980 ihren künstlerischen Höhepunkt: Als in jenem Jahr mit "Der stille Ozean" ein Buch über die Südoststeiermark erschien, in die sich Roth zuvor aus gesundheitlichen Gründen zurückgezogen hatte, wusste er selber nicht, dass dieser Umzug zu einem der unterschätztesten literarischen Projekte der deutschsprachigen Literatur führen sollte.

Roth war in der Provinz gleichsam in ein Zeitwellental gefallen, in dem archaische Strukturen des Dorflebens auf die technologisierte Moderne trafen und vieles, was in der Stadt vom Zivilisationsprozess ausgelöscht ist, wieder erkennbar wurde. Dass die Provinz zudem die Weltgeschichte in Miniatur spiegelt für den, der genau hinzusehen versteht wie Roth, resultierte in seinem Meisterwerk "Landläufiger Tod" von 1984.

Parallele Zyklen

Dieses literarische Monument der österreichischen Nachkriegsliteratur gehört in eine Reihe mit den großen Büchern von Peter Handke, Thomas Bernhard, Christoph Ransmayr - und doch besitzt es eher den Rang eines Geheimtipps. Dieser betrübliche Umstand betrifft ebenso den Zyklus "Die Archive des Schweigens", zu dem Roth seine sieben ab "Der stille Ozean" erschienenen Bücher zusammenfasste: Neben Erzählprosa gehören dazu auch die dokumentarische Lebensgeschichte eines jüdischen Remigranten, ein Essayband über Wien und ein Bildtextband über die Provinz.

Als intermediales Konglomerat unterschiedlicher Schreibweisen wollte Gerhard Roth den verborgenen Konstanten der österreichischen Geschichte auf die Spur kommen und am Beispiel seines Heimatlandes jenen Wahnsinn aufdecken, den wir gezwungen sind als Normalität zu (er)leben.

Angesichts des eminent verbrecherischen Charakters der österreichischen Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war nur folgerichtig, dass Roth in den "Archiven des Schweigens" Muster des Kriminalromans erprobte. Was dort aber nur eine unter vielen Schreibweisen war, geriet im nachfolgenden "Orkus"-Zyklus zum wiederkehrenden Rezept, manchmal gar zur Masche.

Anders als der eher improvisierte Vorgängerzyklus, war der "Orkus" von Beginn an ein durchgeplantes Unterfangen. Da Roth ihn als Parallelaktion zu den "Archiven des Schweigens" angelegt hatte, vermochten sich beide Zyklen zu einer durchlässigen Doppelhelix zu verbinden, in der nicht nur Protagonisten aus dem ersten Zyklus in kommentierender Weise erneute Auftritte hatten, sondern ein autofiktionaler Roth nun gar in eine literarische Figur transfigurierte, um so mit den von ihm erfundenen Figuren in seinen Zyklus einzugehen.

Das war weniger postmoderner Erzählkniff, sondern insofern höchst sinnig, weil man Roth, weitaus mehr als andere Schriftsteller, als "Mensch aus Büchern" beschreiben konnte. Er lebte für Bücher und fürs Lesen, und es hat mich sehr beeindruckt, dass er stets ein Buch einsteckte, wenn er außer Haus ging - gleichsam, um einen magischen Schutzzauber dabeizuhaben. Ebenso lebte Roth für das Schreiben; er war geradezu besessen davon, weshalb selbst nach der Herkulestat des Doppelzyklus ungebrochen Roman auf Roman folgte, wobei sich zwangsläufig eine gewisse Tendenz zur Serienproduktion einstellte.

- © S. Fischer
© S. Fischer

Auf "Grundriss eines Rätsels" (2014) folgte von 2017 bis 2021 mit der Venedig-Trilogie sogar ein weiterer Zyklus. Dieser entstand bereits unter den Bedingungen seiner schweren Operation infolge einer Magenkrebs-Diagnose. Das Schreiben, so scheint es, war das, was Gerhard Roth seinen Lebenswillen gab, denn selbst unter zunehmend erschwerten gesundheitlichen Bedingungen arbeitete er noch an "Die Imker", seinem letzten, nunmehr posthum zum 80. Geburtstag erschienenen Roman. Das weit über 500 Seiten lange Buch will erkennbar ein literarisches Vermächtnis liefern als Schlusspunkt seines Werks, wozu Roth letztmals sein Alter Ego Franz Lindner, die Hauptfigur aus "Landläufiger Tod", wiedererweckt.

Das hat werkstrategisch zwar durchaus Sinn, nötigt aber dem Leser ein Übermaß an Wiederholung von Altbekanntem auf, was ohnehin eine gewisse Schwäche der Romane der letzten 15 Jahre war. Die zuvor stumme Erzählfigur Lindner vermag mittlerweile wieder zu sprechen, doch steht sie sozusagen unverändert auf dem Stand von 1984, weshalb sie uns Lesern erneut anvertraut, was wir bereits vor 40 Jahren erfahren haben: Etwa, dass die Wirklichkeit ein Wahn ist, weshalb die "Normalopathen" die wahren Geisteskranken sind, oder Lindner den Wunsch hat, eine Geschichte der Träume der Menschen und der Tierwelt zu schreiben.

Bewährte Methoden

Auch die umfänglichen essayistischen Exkurse in die Welt der Imkerei und die Biologie der Honigbienen, die das poetologische Modell für "Landläufigen Tod" wie "Die Imker" liefert, kennen wir bereits: der Roman als Sammelsurium von kurzen, wimmelnden Erzählbruchstücken, die aber, gleich den Bienen im Bienenstock, einen Organismus bilden. Ebenso reaktiviert Roth die im "Landläufigen Tod" erprobten Schreibtechniken, lange Listen surrealer Kurzsätze zu verfassen oder verrückte Kurzbiografien zu erfinden.

Hinzu kommen die aus dem "Orkus"-Zyklus bekannten Zusammenfassungen von Filmen und Büchern, die den ästhetischen Fundus von Roths Erzählen bilden und von "Gullivers Reisen" bis Andrei Tarkowskis "Stalker" reichen. Indem noch einmal alle typischen Motive und bekannten Themen durchexerziert werden, erhalten Roth-Leser ein veritables Dacapo des Gesamtwerkes. Mehr aber nicht.

Ich lernte Gerhard Roth kennen, nachdem 1997 meine Dissertation über "Die Archive des Schweigens" erschienen war. In Erinnerung behalte ich den bärenhaften, fast zwei Meter großen Mann als Menschen von entwaffnender Herzlichkeit und nicht selten großer Zärtlichkeit. Wenngleich Roth in manchen Aspekten auch schwierig war, blieb er stets aufrichtig und war nie opportunistisch. Das sind seltene Qualitäten unter Autoren.

Roth hat ein bedeutsames Gesamtwerk erschaffen, dem zu wünschen ist, in seinen viel zu wenig beachteten Stärken endlich angemessen entdeckt und gewürdigt zu werden.