Erst einer. Dann ein zweiter. Und noch einer.

Mittlerweile sind es ihrer fünf, und die Homepage des Rowohlt-Verlags bestätigt: Da kommt eine Dorothy-L.-Sayers-Ausgabe heraus, und das als Hardcover zu einem maßvollen Preis in der schönen Aufmachung der englischen Originale im Verlag Hodder & Stoughton.

Der Krimi-Leser kann sein Glück kaum fassen.

Die Krimis der Dorothy L. Sayers sind genaue Beobachtungen der Gesellschaft. - © picturedesk / Ullstein Bild
Die Krimis der Dorothy L. Sayers sind genaue Beobachtungen der Gesellschaft. - © picturedesk / Ullstein Bild

Übertrieben? - Keineswegs! Dorothy L. Sayers, am 13. Juni 1893 in Oxford geboren, am 17. Dezember 1957 in Witham (Essex) gestorben, eine der ersten Frauen, die in Oxford die Examen ablegte und eine Ikone der Frauenbewegung der 1960er Jahre, ist die größte, die am besten schreibende englischsprachige Krimi-Autorin. Und zwar nicht neben Agatha Christie, sondern umgekehrt ist es, also Agatha Christie neben Dorothy L. Sayers.

Krimi und Christentum

Naturgemäß bringt Rowohlt nur die Krimis der Sayers heraus, die aber komplett. Nach dem, was sie sonst geschrieben hat, Lyrik, Essays und christliche Literatur in Form von Traktaten und Mysterienspielen, krähen auch in der Heimat der Autorin nur wenige Hähne. Immerhin: Vier Mysterienspiele sind dort im Druck, dazu eine Sammlung und einige wenige Einzelausgaben der religiösen Schriften, aber keine gesammelten Werke. Dafür ist die Sayers doch zuwenig Mainstream, zu sehr Genreliteratur, ohne eine von deren Kultfiguren zu sein.

Und die, die Krimi-Genreliteratur also, die ist fest in weiblichen Händen, die klassische wie die zeitgenössische. Frauen morden besser, ist die Devise. Zumindest morden sie mit mehr - darf man das hinstreuen, einfach so? Also: - mit mehr Intelligenz.

Das war schon immer so, seit Arthur Conan Doyle das Modell des Krimis, wie er sich heute liest, erfunden hat. Nur perfektioniert hat er es nicht.

Hat er nicht? Im Ernst? Immerhin: Sherlock Holmes.

Hat er nicht. Im Ernst. Immerhin: Sherlock Holmes.

Man vergleiche nur diesen Unsympathler Sherlock Holmes mit Agatha Christies Hercule Poirot, ihrer Miss Marple, oder mit dem Lord Peter Wimsey der Sayers, um zu merken, wie sehr Doyle in der Erfindung der Figuren zweite Garnitur ist. Auch seine Bösewichte scheinen nur Beschreibungen der Zeichnungen zu sein, mit der die Revolverblätter des 19. Jahrhunderts ihre Sensationsgeschichten illustrierten. Das reine Groschenromanniveau ist das.

Während die Christie und die Sayers echte Literatur schreiben, und so tun es auch - ja, jetzt kommt die ganze Liste: Margery Allingham, M. C. Beaton (Pseudonym für Marion Chesney), Caroline Graham, Martha Grimes, Donna Leon, Ngaio Marsh, Val McDermid, Ruth Rendell (auch unter dem Pseudonym Barbara Vine), Fred Vargas und jetzt bitte ganz nach eigenem Gusto selbst fortsetzen.

Der Unterschied zwischen den Romanen dieser Autorinnen und denen ihrer männlichen Doyle-Nachfolger-Kollegen ist einfach erklärt - und es ist der Punkt, der bis heute den Knackpunkt ausmacht, ob ein Krimi was taugt oder nicht.

Nun lässt sich zwar der klassische zumeist britische Whodunit auf die simple Formel bringen: Einer ist ermordet worden - einer hat‘s getan - einer findet heraus, wer es war. Die Variation macht‘s aus. Und die Basis aller Variationen ist die Frage, ob es dem Autor mehr um die Tat oder mehr um die Personen geht.

Doyle und seinen Nachfolgern geht es in der Regel um die Tat, nur "Der Hund der Baskervilles" ist die eine rühmliche Ausnahme.

Einen ganzen Roman lang einer Tat nachzuschnüffeln, schafft freilich kaum ein Autor, und dementsprechend lesen sich Doyle, Ross Macdonald oder Reginald Hill als Ware von der Stange. Tempo mag das haben, unterhaltsam mag das ab und zu sein, aber zwei Mickey Spillanes hintereinander und der Leser weiß, was Spreu und was Weizen ist. Zwei Christies hintereinander jedoch, zwei Rendells hintereinander, zwei Sayers‘ hintereinander - da kommt man eher auf den Geschmack und fängt den dritten an.

Die Essenz des guten Krimis

Weshalb? - Also, das Geheimnis ist keines und sei dennoch gelüftet: Bei den Crime-Ladies ist das mordliche Geschehen nur der Auslöser für eine Folge scharfinniger und scharfsichtiger Beobachtungen der Gesellschaft, und sie werden vorgenommen anhand glänzend konstruierter Figuren, die mit ihren Eigenheiten, Spleens und Ticks die Romanlänge tragen, und mehr als die Länge des Romans.

Während Doyle es mit allem Geigengekratze und Opiumrausch nicht schafft, seinen Holmes über eine Groschenheftillustration zu erheben, möchte man mehr erfahren über einen Hercule Poirot, über eine Miss Marple, über einen Lord Wimsey. Man liest die Bücher der Crime-Ladies oft gar nicht so sehr wegen eines neuen verzwickten Falls, sondern wegen der detektivischen Protagonistinnen und Protagonisten. Und Hand aufs Herz: Was ist Holmes‘ Pfeife gegen Poirots Schnurrbart und seinen französischen Akzent oder gegen Lord Wimseys Albernheiten und Gentleman-Marotten?

Donna Leon hat am besten verstanden, eine Gestalt über mehrere Bücher zu vertiefen. Hat Commissario Brunetti eigentlich Verwandte in Belgien? Im englischen Adel?

Das Genre erobert

Apropos Donna Leon: Kaum hatten die Frauen das Genre erobert, geben sie es nicht mehr her. Ja, gewiss, es gibt ein paar Männer, die mithalten konnten und können: Gilbert Keith Chesterton, Georges Simenon, Andrea Camilleri und der gänzlich anders geartete Raymond Chandler von den Klassikern, von den Heutigen auch ein paar, die dann meist aus dem skandinavischen Raum kommen, sofern sie nicht Simon Beckett, Wolf Haas oder Alfred Komarek heißen. Aber die Krimitische jeder beliebigen Buchhandlung lassen keinen Zweifel aufkommen: Vor allem liegen da Tana French, Donna Leon, Charlotte Link, Johanna Mo, Ursula Poznanski, Maria Publig, Lucinda Riley, Nora Roberts, Ruth Ware und viele andere Autorinnen mit ihren Mordtaten. Und jetzt eben auch Dorothy L. Sayers.

Ob das alles lesenswert ist? (Gegenfrage: Ob alles, was Mainstream-Literatur ist, wirklich lesenswert ist?)

Ob es, über die Sayers hinaus, einen Tipp gibt, was man davon lesen soll?

Ja: alles.