Einem Großteil der Leserschaft dürfte der Mann, der da auf einem einseitigen Panel mit eigenem Hashtag gesucht wird, bereits bekannt sein. Immerhin handelt es sich bei Vernon Subutex um den Antihelden eines der erfolgreichsten französischen Romanprojekte der letzten Jahre. Zwischen 2015 und 2017 von seiner Schöpferin, der 1969 in Nancy geborenen Schriftstellerin und Regisseurin sowie ehemaligen Musikjournalistin und Sexarbeiterin Virginie Despentes ("Baise-moi") unter dem Titel "Das Leben des Vernon Subutex" als Trilogie in die Welt entlassen, wird nun ein weiteres Kapitel der Zweitverwertung aufgeschlagen. Nach der Bearbeitung des Stoffes am Theater wie etwa im Schauspielhaus Graz oder an der Berliner Schaubühne sowie als TV-Serie auf Canal+ ist soeben die deutsche Version der Graphic Novel "Vernon Subutex" Teil eins erschienen.

Hoher Schauwert

Den Zeichner hat sich Virginie Despentes gleich selbst ausgesucht. Es handelt sich um den französischen Karikaturisten und Comiczeichner Luz, der das Attentat auf die Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" als deren damaliger Angestellter am 7. Jänner 2015 nur aus einem Grund überlebte: Der heute 50-Jährige erschien am Tag nach seiner Geburtstagsfeier zu spät in der Arbeit.

Der Terroranschlag mit insgesamt zwölf Toten - sowie nachfolgende Ereignisse wie etwa die Pariser Attentate vom 13. November 2015 mit 130 Toten und die Amokfahrt von Nizza am 14. Juli 2016 mit 86 Toten - beeinflusste (und verlängerte) auch Despentes’ Arbeit am letzten Teil ihres Projektes. Zeichner Luz, von dem unter dem Titel "Tout est pardonné" ("Alles ist vergeben") auch das erste "Charlie Hebdo"-Cover nach dem Attentat stammte (es zeigte einen weinenden Mohammed mit "Je suis Charlie"-Schild), verarztete seine frühen seelischen Wunden noch im Jahr 2015 im Band "Katharsis". 2018 blickte er mit "Unauslöschlich" auf seine Jahre bei "Charlie Hebdo" zurück. Bis heute ist der Cartoonist außerdem dazu gezwungen, unter Polizeischutz an einem geheimen Ort zu leben.

Ablenkung sollte ihm die Arbeit an "Vernon Subutex" nun jedenfalls bieten. Nicht nur vom Umfang her handelt es sich dabei um sein bisher größtes Projekt. Im Gegensatz zu zahllosen Graphic Novels, die ihre literarischen Vorlagen mit dem Pinsel als Rotstift auf die Essenz reduzieren, hat Luz allein den ersten Band mit 304 größtenteils recht vollgeräumten Seiten doch sehr opulent angelegt. Obwohl dabei definitiv kein Mangel an Text besteht, bietet "Vernon Subutex" einen sehr hohen Schauwert. Und so trist der Alltag der gezeichneten Charaktere auch aussehen mag, so farbkräftig kommen die Seiten mitunter trotzdem daher.

Abgerockt

Die Grundzüge der Geschichte sind bekannt: Vernon Subutex taucht nach der erzwungenen Schließung seines Plattenladens (das schlechte Geschäft, die wirtschaftlichen Umwälzungen nicht nur der Musikindustrie ...) als vom Leben gezeichnete, mittellose Szenefigur zwar zunächst bei alten Bekannten unter. Auf eine Phase als buchstäblich abgerockter Couchsurfer und Zaungast diverser mit oder ohne Familie auch nicht unbedingt glücklicher Existenzen allerdings folgt schließlich der Absturz. Vernon Subutex landet auf der Straße, wo neben der eigenen Scham immer auch die fremde Bedrohung wartet - wie unerwarteterweise auch Solidarität von ganz unten.

Antiheld gesucht: Vernon Subutex als Hashtag. 
- © Reprodukt

Antiheld gesucht: Vernon Subutex als Hashtag.

- © Reprodukt

Der große und recht breit gestreute Personalstab geht dabei auch bei Luz über reine Milieustudien hinaus. Immerhin standen bereits bei Despentes die gesamtgesellschaftlichen Folgen im Zentrum, die sich aus der Präkarisierung der Mittelschicht, der sich öffnenden Schere zwischen Arm und Reich und einem gleichzeitigen Erstarken der politischen Rechten ergeben. Vereinzelung, Radikalisierung, Hass, Hass, Hass: Zwischen all den Dauerfrustrierten, die ihre Wut in "Vernon Subutex" gegen andere Marginalisierte richten oder ihr als toxische Avatare im Internet freien Lauf lassen - alles ist vergiftet! -, hat unser Antiheld zumindest als leidenschaftlicher Musiknerd noch ein gewisses, wenn auch längst nostalgisch gefärbtes Druckablassventil.

My, my, hey, hey, rock and roll is here to stay: Luz tobt sich diesbezüglich sehr gewinnend mit popkulturellen Querverweisen aus. Dazwischen wird, wie sich das so gehört, aber natürlich auch recht klischeehaft mit Alkohol und Drogen gegen Entgiftungsorgane und Nasenscheidewände vorgerückt oder einfach nur wild durch die Gegend gevögelt.