Jede literarische Epoche hat ihren eigenen Drachen. Waren es bei Nibelungen, König Ortnit und Dietrich von Bern in den deutschen Heldensagen noch namenlose Lindwürmer, die es zu töten galt, bevor sie einen selbst fraßen, und bei J.R.R. Tolkien in den 1950er Jahren noch der eitle, edelsteingierige Smaug, so bekamen die Drachen mit Grisu, der Feuerwehrmann werden wollte, in den 1970er und 1980er Jahren ein freundliches, niedliches Wesen, mit dem sich die Kinder identifizieren konnten. Ja, und seit 2002 ist es der kleine Drache Kokosnuss, der Kinderherzen höher schlagen lässt. Erfunden hat ihn der 57-Jährige Ingo Siegner, zunächst für die Nachbarskinder, aber bald wurde eine richtige Kinderbuchreihe im Verlag cbj daraus. Und Ingo Siegner erfindet nicht nur die Geschichten, sondern er zeichnet auch höchstselbst die bunten Bilder dazu.

Immer irgendwo im Bild versteckt: das kleine Mäuslein, das heuer mit Kokosnuss (r.), Matilda und Oskar 20-jähriges Jubiläum feiert. 
- © cbj / Ingo Siegner

Immer irgendwo im Bild versteckt: das kleine Mäuslein, das heuer mit Kokosnuss (r.), Matilda und Oskar 20-jähriges Jubiläum feiert.

- © cbj / Ingo Siegner

Und heute blicken der kleine Feuerdrache Kokosnuss und seine beiden besten Freunde Matilda, das Stachelschwein, und der Fressdrache Oskar stolz auf mehrere Dutzend Bücher zurück, in denen sie von ihrer fiktiven Dracheninsel aus verschiedene Abenteuer rund um die Welt erlebt und dabei immer neue Freunde gefunden haben, auch durch die Zeit gereist sind und diese fremden Epochen und Kulturen von Römern über Wikinger bis Indianer (und natürlich auch die Dinosaurier) auch in einer eigenen "Kokosnuss erforscht"-Serie vorstellen.

Was den Erfolg des kleinen roten Kultdrachen ausmacht? Dass er zunächst die gleichen Sorgen hat wie seine (Erst-)Leser: Er kann nicht alles sofort, macht auch Fehler, hat mitunter auch richtig Angst, fühlt sich hilflos ohne seine Freunde, die Eltern nerven manchmal und verstehen manches nicht (auch wenn er weiß, dass sie sich sehr gut um ihn kümmern), er ist extrem neugierig und auch hilfsbereit. Und er erlebt wilde und fantastische Abenteuer, von denen ein Menschenkind in seinem Alter nur träumen kann. Er trickst den bösen Zauberer Ziegenbart mehrmals aus, wird von Piraten entführt, muss Oskar aus den Fänge eines Murks retten, verhindert einen Vulkanausbruch, sucht Atlantis, hilft einem vegetarischen T-Rex und und und. Vom Nordpol bis Australien hat er schon die halbe Welt bereist. Und auch seine Abenteuer wurden bereits in mehr als 26 Sprachen übersetzt, mehr als 15,5 Millionen Mal verkauft und haben 6 goldene Schallplatten gewonnen. 

Die Bücher sind aber nur die halbe Miete. Denn für einen Gutteil des Erfolges sind sicher - neben den zwei Filmen und einer TV-Serie - vor allem die Hörspiele und Hörbücher verantwortlich. Mit dem ein Jahr jüngeren Philipp Schepmann steht Ingo Siegner nämlich ein Sprecher zur Seite, der mit seiner markanten, weichen Kindergeschichten-Erzählstimme einen derart lieben Ton anschlagen kann, dass man einfach gerne zuhört, auch als Erwachsener. Und weil die Texte in den gedruckten und den Hörbüchern wirklich eins zu eins deckungsgleich sind, ist es auch die ideale Serie, um mit dem Buch in der Hand und dem Wiedergabegerät am Ohr immer besser lesen zu lernen. Und Schepmann kann nicht nur toll sprechen, sondern auch lieblich singen. Es ist ein Gesamtpaket, bei dem einfach alles passt.

Einziger Kritikpunkt aus pädagogischer Sicht: Schön und gut, dass der kleine Drache an seinen Ausfgaben wächst und mit Hilfe seiner Freunde so gut wie alles schaffen kann. Aber müssen die Erwachsenen wirklich immer so hilf- und ahnungslos danebenstehen - wenn sie überhaupt in den Geschichten vorkommen dürfen? Ja, alle Hauptfiguren haben komplette, heile, liebevolle Familien. Sie spielen nur keine allzu große Rolle. Aber das ist ein Trend in Kinderbüchern, der schon seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten zu beobachten ist. Und es gehört wohl auch zum Erwachsenwerden dazu, sich von den Eltern abzunabeln - auch in Kinderbüchern.  Bleibt ein letzter Wunsch an Ingo Siegner für den nächsten Band: Schicken Sie Ihren kleinen Drachen doch auch einmal nach Wien . . .