"Das erste Kidnapping war nicht meine Schuld. Alle weiteren - das war definitiv ich." Schon die ersten beiden Sätze in Rahul Rainas Debütroman "Bekenntnisse eines Betrügers" machen klar, wohin die Reise geht. Und nur zwei Seiten weiter erzählt der Protagonist auch gleich, dass er bei dieser ersten Entführung seinen kleinen Finger eingebüßt hat. Einfach abgeschnitten. Und der Leser sitzt nun da mit dem Buch und wartet mehr als zweihundert Seiten lang darauf, dass genau dieses brutale Ereignis endlich eintritt.

Spannung aufbauen kann Rahul Raina, der hier seinem Heimatland Indien ein Denkmal setzt - wenngleich ein sehr fragwürdiges. In einer sehr wilden, sehr satirischen Erzählung schildert er ein Land, das sich im Postkolonialismus zum Tigerstaat gemausert hat, aber immer noch in alten Traditionen gefangen ist. Dessen Oberschicht geprägt ist von Kapitalismus und Korruption, während die unteren Schichten sich irgendwie durchwursteln und dabei auch nicht allzu viel Rücksicht nehmen können auf Werte, wie sie uns im Westen schon im Kindergarten vorgesagt werden: Klimaschutz, Gendergerechtigkeit, Kinderrechte spielen bestenfalls eine marginale Rolle, wenn es um die Sicherung der eigenen Existenz in prekären Verhältnissen geht.

Aus genau diesen stammt der Protagonist Ramesh, der dem Teestand seines despotischen Vaters dank der Hilfe einer Ordensschwester entfliehen kann - und sich dann als Außenseiter in einer "besseren" Schule wiederfindet. Aber er beißt sich durch, holt sich an Bildung, was er nur kriegen kann - und bekommt am Ende doch kein Examen. Oder eigentlich schon, sehr viele sogar: Denn Ramesh lebt davon, dass er, nachdem er stupides Lernen gelernt hat, für andere die Uni-Aufnahmeprüfungen ablegt, an denen die Söhne reicher indischer Eltern ansonsten scheitern würden. Betrug als Geschäftsmodell also, vielleicht harmloser als Drogen zu verticken, aber für ihn wird es trotzdem gefährlich. Weil er nämlich versehentlich All-India-Sieger wird, also als Bester seines Jahrgangs abschneidet. Und da er ja die Lorbeeren nicht selbst ernten kann, bekommt sie sein Auftraggeber - und wird als neues Wunderkind Indiens gefeiert.

Dass dieser rasante Aufstieg für beide nicht gutgehen kann, liegt irgendwie auf der Hand. Und während Rudraksh, den alle nur Rudi nennen, sich im Scheinwerferlicht suhlt und ein Leben wie ein junger Hund führt (und zwar mit allem, was junge Hunde so aufführen, wenn man sie von der Leine lässt), steht Ramesh, der natürlich nicht um seine Bezahlung umfällt, still daneben und schaut zu - zu lange, bis das Unvermeidliche passiert und die beiden sich durch eine Intrige plötzlich inmitten einer Entführung wiederfinden, der eben weitere folgen. Wie und warum, wird an dieser Stelle nicht verraten, nur so viel: Es wird wild. Es wird bitterböse-tiefschwarz. Und es wird entlarvend und abgründig. Ob die indische Gesellschaft zwischen Mumbai und Neu-Delhi tatsächlich so tickt, wie Rahul Raina sie beschreibt, lässt sich als mitteleuropäischer Leser schwer beurteilen. Spannend, interessant und höchst unterhaltsam ist sein analytischer Roman allemal.