Hätten wir das Wort, hätten wir die Sprache, wir brächten die Waffen nicht", steht als Motto über dem diesjährigen, den 46. Tagen der deutschsprachigen Literatur. Was nur beweist, dass nicht jedes Motto, das gut klingt, auch sinnvollen Inhalts ist, nicht einmal dann, wenn es von der Namenspatronin selbst, also von Ingeborg Bachmann, stammt. Und überhaupt: "bräuchten"...

Aber eine Kleinigkeit scheint das gegen die Änderung in der Ermittlung der Gewinner. Der ORF als Mitveranstalter überschlägt sich geradezu in der Sache. An die Stelle der bisherigen Diskussion unter den Jurymitgliedern tritt ein Punktesystem.

Sieger nach Punkten

Das neue System sieht so aus: Die Mitglieder der Jury geben dem Justiziar nach den Lesungen und Diskussionen ihre persönliche Wertung. Sie vergeben einen bis neun Punkte an die Kandidatinnen und Kandidaten. Der Justiziar übernimmt die Aufgabe, diese Abstimmungsergebnisse zu addieren und erstellt daraus die Preisträgerliste des Bewerbs, die bis zur öffentlichen Schlusssitzung nur ihm bekannt ist. Was nach der Auswertung von Tests in der Schule anmutet, wirkt in der Theorie effizienter als die bisherige Methode, die für Beobachter oft nach einem Resultat von Absprachen aussah.

Nicht neu, aber eine Neuaufnahme ist das Wettlesen um den Bachmann-Preis vor Publikum: Autoren, Jury und Zuhörer sind live anwesend. Das hatte die Corona-Pandemie zwei Jahre lang verhindert. Heuer wagt man es wieder - nur etwas modifiziert: Die Autoren lesen auf einer Literaturbühne im Garten, die Jury urteilt weiterhin im ORF-Theater. Die Zuhörer, die sich vor Ort einfinden, haben die Wahl, wo sie dabeisein wollen: bei den Lesungen oder bei den Jury-Diskussionen.

Die Jury selbst ist unverändert: Insa Wilke bleibt Vorsitzende, weitere Mitglieder sind Mara Delius, Vea Kaiser, Brigitte Schwens-Harrant, Klaus Kastberger, Philipp Tingler und Michael Wiederstein.

Dass unter den Kandidaten die großen, weithin bekannten Namen fehlen, setzt sich fort. Zunehmend wird der Bachmann-Preis zu einer Plattform, um Talente zu entdecken - was aber vielleicht sogar im ganz ursprünglichen Sinn ist, schließlich leitet sich das Wörthersee-Wettlesen von den Tagungen der legendären Gruppe 47 ab, bei denen Autoren wie Ilse Aichinger, Johannes Bobrowski, Heinrich Böll, Günter Grass oder auch eben Ingeborg Bachmann für größere Leserkreise entdeckt wurden.

Die Teilnehmer 2022

Die Bachmann-Preis Teilnehmerinnen und - Teilnehmer 2022: Aus Österreich kommen Barbara Zemann, Gründerin der feministisch-antifaschistischen Literaturshow "Der Großartige Zeman Stadlober Leseklub" und Autorin des Romans "Immerjahn", ferner Elias Hirschl, Autor der Romane "Hundert schwarze Nähmaschinen" und "Salonfähig", und der zwischen Deutschland und Österreich pendelnde Leon Engler, der vor allem Hörspiele verfasst hat.

Aus Deutschland sind dabei: Der Lyriker und Übersetzer Alexandru Bulucz, der in Wien lebende Clemens Bruno Gatzmaga, der mit dem Roman "Jacob träumt nicht mehr" auf der Shortlist des Österreichischen Buchpreises stand, die Lyrikerin Mara Genschel, Juan S. Guse, Autor der Romane "Lärm und Wälder" und "Miami Punk", Behzad Karim Khani, dessen erster Roman demnächst erscheint, Andreas Moster, Autor der Romane "Wir leben hier, seit wir geboren sind" und "Kleine Paläste", Eva Sichelschmidt, Autorin der Romane "Die Ruhe weg" und "Bis wieder einer weint" und Leona Stahlmann, Autorin des Romans "Der Defekt".

Aus Slowenien kommt Ana Marwan, Autorin des Romans "Der Kreis des Weberknechts", aus der Schweiz kommt der Arabist Usama Al Shahmani, der die Romane "In der Fremde sprechen die Bäume arabisch" und "Im Fallen lernt die Feder fliegen" verfasst hat, und aus den USA der gebürtige Münchner Hannes Stein, Autor der Romane "Der Komet", "Nach uns die Pinguine" und "Der Weltreporter".

Ob die Verwandlung des Wörthersees in einen Wörtersee 2022 endlich einmal die deutschsprachige Literatur prägen wird, bleibt abzuwarten.