Die in Zagreb geborene und in Klagenfurt und Wien lebende Autorin Anna Baar hat am Mittwochabend mit ihrer Klagenfurter Rede zur Literatur die 46. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt eröffnet. Baar hatte 2015 mit einem Auszug aus ihrem Roman "Die Farbe des Granatapfels" selbst am Wettlesen um den Bachmann-Preis teilgenommen. Zuletzt erschien von ihr der Erzählband "Divân mit Schonbezug".

Autorin Anna Baar. 
- © Johannes Puch

Autorin Anna Baar.

- © Johannes Puch

Der Redetitel "Die Wahrheit ist eine Zumutung" ist eine Anspielung auf das berühmte Bachmann-Zitat aus ihrer Rede bei Entgegennahme des "Hörspielpreises der Kriegsblinden" 1959: "Die Wahrheit ist nämlich den Menschen zumutbar." Mit Ingeborg Bachmann, der 1973 gestorbenen Dichterin und Namensgeberin des Preises, die am 25. Juni ihren 96. Geburtstag gefeiert hätte, beschäftigte sich Baar ebenso wie mit einigen Momenten in der Geschichte dieses Preises, von dem sie mutmaßte: "Viele der Allergrößten hätten Bewerbe wie diesen zu Lebzeiten nie gewonnen, und ganz bestimmt nicht die Bachmann." Vor allem aber behandelte die Rednerin verschiedene Arten, sich die Wahrheit zuzurichten - und erinnerte in diesem Zusammenhang etwa an den früheren Landeshauptmann Jörg Haider und den Kinderarzt Franz Wurst, dessen Heilpädagogikabteilung eine "Seelenmordanstalt" gewesen sei.

Baar erinnerte aber auch an die Kriege in Ex-Jugoslawien und daran, dass mit dem Ukraine-Krieg keineswegs "eine Ära des europäischen Friedens" geendet habe. "Es ist fast ein Sommer wie damals, als man die Bombeneinschläge, das Pistolengeknatter, die Schreie der Getroffenen aus nächster Nähe hörte." - "Acht Tage vor dem Zerfall des Lands meiner anderen Herkunft war ich Augenzeugin bei einem Aufmarsch geworden. Jörg-Haider-Sympathisanten, aus allen Winkeln des Landes in Sonderzügen und -bussen nach Klagenfurt angereist, bezeugten dem gestürzten Landeshauptmann von Kärnten, er war mit einem Satz auf der noch dampfenden Jauche des Dritten Reichs ausgerutscht, eine saubere Weste. Der frenetische Jubel nach seiner Märtyrerrede mengte sich als Nachhall ins Papiergeraschel und ins Jagdbomberdröhnen - der Soundtrack zum großen Showdown meiner Kärntner Jugend und unser aller Unschuld."

Während "der echte Krieg tobte" habe in Klagenfurt Aufregung über den 1991 beim Bachmann-Preis mit dem Preis des Landes Kärnten ausgezeichneten "Babyficker"-Text des Schweizers Urs Allemann geherrscht. Während sich die FPÖ über diesen literarischen Text empörte, sei "der echte Kinderschänder" mit etlichen Preisen ausgezeichnet worden, spielte Baar auf den Fall des Kinderarztes und Primar der heilpädagogischen Abteilung des Landeskrankenhauses Klagenfurt Franz Wurst an, der jahrzehntelang sexualisierte Gewalt an Kindern ausübte, in vielen Bereichen der Gesellschaft Komplizen und Helfershelfer hatte und von höchster politischer Stelle gedeckt wurde.

NS-Arzt

Die Gasse, in der der erste Bachmann-Preisträger Gert Jonke aufgewachsen sei, sei nach einem Arzt benannt, der in der NS-Zeit Hunderte Menschen zwangsweise sterilisierte. Die Umbenennung der Gasse nach Jonke sei verweigert worden, stattdessen wolle man ihm demnächst einen Holzsteg widmen. "Ingeborg Bachmann, die es in der Stadt ihrer Jugend zu einem Forstweg brachte, der aber nicht zum See führt, prägte den Satz von der Wahrheit. Ich nehme den Satz zurück. Er taugt, aus dem großen Ganzen ihrer Gedanken gerissen, nicht einmal mehr als Klospruch. Zu viele, die ihn jetzt zur Verfechtung von vermeintlichem Wissen missbrauchen, das sie zusammensammeln, indem sie nicht nach Wahrheit, sondern Bestätigung ihrer Vermutungen suchen. Liebe Ingeborg Bachmann, wer wollte von Wahrheit reden, wo nicht einmal Worte taugen, sie zu beglaubigen, geschweige denn zu besiegeln? Fakten werden ersetzt durch wohlfeile Alternativen. Wo etwas Zumutung ist, nennt man es heute Lüge."

"Vielleicht ist alles so, wie Ingeborg Bachmann sagte: eine Frage der Sprache. Ingeborg Bachmanns Prosa wurde von Zeitgenossen als pathetisch, geschwätzig und schwer verständlich verrissen", sagte Baar und zog Parallelen zur Gegenwart: "Im Sog eines Fortschrittsdenkens, dessen Wahrheitsbegriff sich nach Marktlogik richtet, hat der Geschichtenbetrieb die Sprache zur Ader gelassen. Es scheint heute fast obszön, schreibend über die Ufer des Alltagsgeplappers zu treten."

Diese Entwicklung werde durch ein Bildungssystem, das Poesie aus dem Lehrplan streiche, befördert. Dabei sei Literatur von großer Bedeutung. "Vielleicht bleibt uns nur die Dichtung, zur Wahrheit vorzudringen. Nennen Sie mich naiv, aber ich glaube stur: Literatur kann retten - und nicht als Unterhaltung, sondern indem sie hilft, das Hässliche zu benennen, und Gegenentwürfe ermöglicht zum Normalisierungsterror einer Leistungsgesellschaft, die Alle wirtschaftskonform will." Geschichten könnten "ermutigen, das Leben anders zu denken", und warnen - "auch vor den Wurstkomplizen, die immer noch unter uns sind."