Man stelle sich einmal vor, die Tiere kämen in die Lage, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Ratten würden - so ganz "Pinky und der Brain"-mäßig - sämtliche Kabelverbindungen in New York zerbeißen und einen folgenschweren Stromausfall mit Massenpanik auslösen, Wildschweine würden weltweit die Ernten kaputtfressen, Maulwürfe jeden Kartoffelanbau bereits unterirdisch verhindern.

Was nach reichlich Science Fiction aussieht, erweist sich in Nadja Niemeyers bitterbösem "Gegenangriff. Ein Pamphlet" als kommende Realität. Denn nachdem die menschliche Zivilisation über Jahrtausende hinweg immer aggressiver in die Lebenswelt der Vierbeiner eingedrungen ist und sie in industriellen Strukturen immer perfider auszubeuten wusste, "kam die Gemeinschaft der Tiere zum Schluss, dass Homo sapiens (...) ein für alle Mal auszurotten" sei.

Das klingt nach einem Plan, der allein dem "übergeordneten Interesse des Naturschutzes" folgt; die Autorin hat offensichtlich große Freude daran, unsere gängigen Phasen über die Bewahrung des ökologischen Gleichgewichts schonungslos zu dekonstruieren.

Doppelmoral

Ein Bauer, der sich zum Beispiel als Tierliebhaber gebärdet und ach so sehr leidet, wenn er seine Rinder zur Fleischverarbeitung abtransportieren muss, bekommt als einer der Ersten zu spüren, wie widersprüchlich seine Aussagen anmuten. Denn unversehens begehren die sonst friedliebenden Tiere gegen ihn auf und legen überdies einen Schlachthof lahm. Was der Landwirt unter Tierwohl versteht, scheint - welch Wunder - offensichtlich nicht mit den Ansprüchen der Betroffenen übereinzustimmen.

Zur Entlarvung des zumindest moralisch doppeldeutigen Redens über die Fauna und deren vermeintliche Bewahrung gesellt sich ein galliger Zynismus, wie man ihn nur von Elfriede Jelinek oder Sibylle Berg kennt (steckt sie vielleicht hinter dem Pseudonym Nadja Niemeyer?).

- © Diogenes
© Diogenes

Die Rede von vor der Ausrottung stehenden Arten, die "die Menschen auf Listen vermerkten, ohne etwas dagegen zu unternehmen", ist noch die niedrigste Stufe des schwarzen Humors. Richtig übel wird es, sobald die Schriftstellerin die Kriegsrhetorik bedient. Es kommt zu Verteilungskämpfen, globale Lieferketten brechen zusammen, Nahrungsknappheit entsteht. Derweil werden "Flüchtlinge zu Invasoren" und die Deutschen zu deren Jägern im Wald. Überall auf dem Planeten demaskieren sich Menschen als Bestien. Während zur Dezimierung der Bevölkerung in Indien wieder die "Witwenverbrennungen" eingeführt werden, belohnt China jede Familie, die sich ihrer Alten entledigt, mit einem Kilo Reis. Immerhin dürfen die Verstorbenen (als Bildnis) danach am gemeinsamen "Dankbarkeitsmahl" teilnehmen. Wohl bekomm’s!

Wie es sich schließlich noch für eine ordentliche Dystopie gehört, endet sie in der Apokalypse, nämlich in einem Atomschlag der Großmächte USA und Russland. 2037 gilt dann der der Homo sapiens als so gut wie ausgestorben.

Sichtlich inspiriert wurde dieses mit radikaler Zerstörungswut geschriebene Buch zum einen durch die zahlreichen rezenten Skandale in der Massentierhaltung und der Jagd, zum anderen durch die moderne Tierethik. Nachdem klassische Philosophen wie René Descartes oder Immanuel Kant über Jahrhunderte hinweg die Trennung zwischen der humanen und animalen Spezies verfestigt haben und dadurch eine einseitige Repression legitimiert wurde, brechen Denker von Albert Schweitzer bis hin zu Bernd Ladwig diese verkrusteten, binären Strukturen auf.

Für sie steht mehrheitlich fest: Eine Abwertung der Tiere, weil man ihnen Intelligenz, Weltbewusstsein oder Moralfähigkeit abspricht, kann den Erkenntnissen der neueren Forschungen nicht mehr standhalten. Sie fordern Rechte für Tiere, wollen sie in ihrer Verletzlichkeit - ähnlich unserer Fürsorge für kognitiv eingeschränkte Mitmenschen - moralisch ausreichend berücksichtigen. Da jedoch dieser Anspruch Äonen von der beklagenswerten Wirklichkeit entfernt ist, scheinen Bücher wie jenes von Niemeyer genau zur richtigen Zeit zu kommen.

Schwarmerzähler

Sie mahnen uns übrigens nicht nur zur Menschlichkeit gegenüber anderen Kreaturen, sondern auch gegenüber uns selbst. Zur Ironie der Geschichte in "Gegenangriff" zählt nämlich, dass die Vierbeiner nur durch ein künstlich hergestelltes und fehlgeleitetes Virus zu einer derart konspirativen Intelligenz gelangen und somit die Menschen die Mittel zu ihrer Vernichtung selbst bereitgestellt haben.

Um Letzteren gar nicht erst zu viel Raum in dieser Story über die Umkehrung aller Verhältnisse zu gewähren, verzichtet die Autorin daher wohl auch auf einen personalen Erzähler. Vielmehr scheint er als abstrakter Chronist über dem Weltgeschehen zu schweben. Weder für ihn noch für uns gibt es namentlich greifbare Protagonisten.

Allein das Geschehen nimmt seinen Lauf und liest sich trotz des geballten Übels als eine wahnsinnig amüsante Farce mit äußerst dringlicher Bewandtnis. Niemeyers Buch ist daher vor allem eines: ein fulminantes, literarisches Karacho!