"Ich zähle bis zehn Millionen", behauptet Paul, der in nichts der Beste ist außer im Angeben, in einem unbedachten Moment. Und weil er diesmal nicht wieder als Versager dastehen will, zieht er das tatsächlich durch. Auch wenn ihm ein Lehrer ausrechnet, dass er mehr als Monate oder eher Jahre dafür brauchen wird. Auch wenn das bedeutet, dass er von der Schule verwiesen wird, weil außer Zahlen und immer neuen Zahlen nichts aus seinem Mund kommt. Auch wenn er nun einsam daheim sitzt - bis die Medien und auch eine berühmte Mathematikerin auf ihn aufmerksam werden und Paul zum Weltereignis wird.

Melvin Burgess erzählt in "Voll verzählt?" davon, was passieren kann, wenn man eine unbedachte Wette eingeht. Und auch wenn er dabei maßlos übertreibt - etwa die Vermarktung Pauls durch seine gierig gewordene Schuldirektorin, die sich plötzlich zu seiner Managerin macht, seine Mutter ins Out schickt, ein eigenes Stadion für das Zelebrieren der Millionen-Marken errichten lässt und Werbeverträge für ihn abschließt -, so nimmt er dabei doch auch unsere Gesellschaft und ihren Hang zu Selbstdarstellung und extremer Unterhaltung aufs Korn. Spielerisch und kindgerecht, versteht sich.

- © Aus: Melvin Burgess: "Voll verzählt?" (Gulliver 2022); Illustration: Chris Mould
© Aus: Melvin Burgess: "Voll verzählt?" (Gulliver 2022); Illustration: Chris Mould

Es ist auch eine Hommage an die Schönheit der Mathematik, an die Faszination der Zahlen. Denn bei Burgess werden sie richtig lebendig. Sein Protagonist zählt sie nicht einfach bloß runter, sie greifen sich Raum, nehmen die Welt ein (in mehrfacher Hinsicht). Und es ist eine wundervolle Fabel mit einem völlig unerwarteten Ende, das manche Leser zunächst genauso irritieren wird wie Pauls Direktorin. Aber das irgendwie dann auch wieder stimmig ist. Weil es nicht um den Erfolg beim geht, sondern um das Erlebnis selbst.