"Smile, sagt der Penis." Und das in Leon Englers "Liste der Dinge, die nicht so sind, wie sie sein sollten". Der "Penis" ist ein glatzköpfiger Fotograf, der Ich-Erzähler ein Schauspieler, der zum Geldverdienen modelt. Die Juryurteile reichten von "Weißbrot - Kalorien ohne Nährwert" (Klaus Kastberger) bis zu Transzendenz, die sich in der simplen Struktur verbirgt (Insa Wilke). Was zeigt, dass man in einen Text alles hineinlesen kann, was man hineinlesen will, wenn er nur uneindeutig genug ist.

Das Ingeborg-Bachmann-Wettlesen also hat begonnen. Und wie jedes Jahr wieder, ist es ein Schaulaufen vor allem der Jury. Da scheinen sich fast alle darin zu gefallen, Philipp Tingler an preziösen Formulierungen übertreffen zu wollen, was naturgemäß niemandem gelingen kann, und nahezu erstaunt horcht man auf, wenn Kastberger oder Brigitte Schwens-Harrant die Texte mehr präzise als preziös kritisieren.

Beginnen musste Hannes Stein mit seiner Erzählung "Die königliche Republik" über einen emiritierten Professor, der glaubt, dass ihm die polnisch-litauische Union aus einer anderen Dimension Geheimbotschaften zukommen lässt. Kastberger lobte die Skurrilität; Tingler fand den Text betulich und wenig interessant. Vea Kaiser ortete einen unzuverlässigen Ich-Erzähler. Florettgefecht zwischen Kastberger und Tingler: Kastberger meinte, es sei ein "Armutszeugnis für Kritik", weil Tingler Traditionslinien ignoriere.

Tod und Heimat

Später packte Tingler in der Diskussion um Engler den Bihänder aus: Er unterstellte Kastberger, er kritisiere den Text, weil er, Tingler, den Autor eingeladen habe.

Eva Sichelschmidts "Der Körper meiner Großmutter" über das Altern und Sterben ihrer Großmutter fand indessen nahezu allgemeine Zustimmung, nur Brigitte Schwens-Harrant kritisierte den Bausteincharakter der Sprache mit vielen Substantiven und Genitiven und Michael Wiederstein bemängelte, dass es zu viele Erklärungen gäbe.

Die Nachmittags-Lesung begann Alexandru Bulucz mit dem Text "Landschaft bei Tannenhof", in dem ein "Gefühlsinvalide" fragt, was Heimat ist. Der Prosatext des Lyrikers traf auf viel Zustimmung: Mara Delius lobte die genaue Sprache, Vea Kaiser fand "wunderbare Wortneuschöpfungen" und meinte, die Qualität der Sprache reiche aus, um den Text, trotz der Leerstellen, gut zu finden. Kastberger empfand den Text selbst als Suchenden und Fragenden, nicht alles sei gelungen, dennoch sei es eine gute Arbeit. Tingler wendete ein, dass dem Text die "Befassung mit der Welt in ihrer Tatsächlichkeit" fehle, er sei hermetisch abgedichtet. Insgesamt bleibt der Eindruck einer positiven Aufnahme durch die Jury, die an diesem Tag ohnedies weitestgehend in Lobelaune war.

Der Vater der Diskussion

Nur Andreas Mosters "Der Silberriese" führte zu einigen Diskussionen. Die Geschichte eines alleinerziehenden Vaters, der nach einer Verletzung sich völlig auf sein Kind konzentriert und kein Comeback versucht, wurde von Wilke und Delius dafür gelobt, dass diesmal eben ein Mann in solch einer Rolle sei. Vea Kaiser stimmte zu: Der Text sei faszinierend, weil er keine Frauenperspektive verhandle und dadurch große politische Bedeutung habe, er sei auch eine schöne Beschreibung der Fürsorge. Kastberger sah das völlig anders: "Ich glaube dem Text kein Wort", er möge auch keine Texte, in denen die Kinder Jelly heißen. Das sei alles an den Haaren herbeigezogen. Diesmal fand Kastberger in Tingler einen Mitstreiter: Das Kind, so Tingler bleibe ungreifbar. Die schärfste Kritik brachte Wiederstein an: "Der Text hat mich gequält", er setze sich zusammen aus klischierten Situationen, aus Stereotypen und Selbstmitleid. Ihm komme das vor wie "Schwarzenegger mit ,Junior‘, aber das ist 30 Jahre her."

Und so bleibt im Gedächtnis: "Smile, sagte der Penis." Fürwahr, es gab an diesem ersten Lesetag noch weit schlechtere Sätze.