Bloß 500 Stück betrug die erste Auflage von "Harry Potter und der Stein der Weisen" am 26. Juni 1997. Bloomsbury Publishing wollte sich wohl nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen mit dieser unbekannten Kinderbuchautorin J. K. Rowling (zwei frühere Erwachsenenromane von ihr sind nie erschienen), deren weiblichen Vornamen Joanne man lieber wegließ, da er Buben abschrecken könnte. Ohnehin war der Verlag erst im zweiten Anlauf bereit, die Geschichte über den Vollwaisen, der an seinem elften Geburtstag (der so wie Rowlings eigener auf den 31. Juli fällt) der boshaften Verwandtschaft entflieht und in eine fantastische Welt der Magie versetzt wird, zu veröffentlichen.

Nun, in der Folge bissen sich wohl jene Verleger, die Rowling abblitzen hatten lassen, in den Hintern. Denn der Zauberschüler mit der Stirnnarbe, der Krankenkassabrille und der unmöglichen Frisur, den die frühere Lehrerin 1990 im Zug erfunden hatte, schlug ein wie eine Bombe, und das reale Märchen zum fiktiven war perfekt: Der Hogwarts-Express raste an die Spitze der Bestseller-Listen, und die alleinerziehende Sozialhilfeempfängerin, deren Mutter an Multipler Sklerose gestorben war, wurde zur bestverdienenden Autorin der Geschichte: "Forbes" schätzte ihr Vermögen zeitweilig auf eine Milliarde Dollar – allerdings spendete sie später einen großen Teil davon.

Nur drei Tage nach der Ersterscheinung kaufte der Verlag Scholastic die US-Rechte für 100.000 Dollar, von denen Rowling 80.000 erhielt. Die Verkaufsstarts der folgenden sechs Bände wurden dann zelebriert wie sonst nur Apples neues iPhone. Bis heute ging Band 1 geschätzte 120 Millionen Mal über den Ladentisch (übersetzt in rund 80 Sprachen). Bei Band 7 waren es immerhin noch 50 Millionen Stück, und in Summe hat Rowling mehr als 500 Millionen Bücher verkauft. Eine Erstausgabe wurde vorigen Dezember um 471.000 Dollar versteigert.

Rassisten und eine Plagiatsklage

Schon 2001 folgte die erste Verfilmung. Zur achtteiligen "Harry Potter"-Reihe (Band 7 wurde fürs Kino geteilt) kamen noch bisher drei von fünf geplanten "Phantastische Wesen"-Prequels. Und bei den Filmproduktionen redet die Autorin derart viel mit, dass sie auch an der Auswahl von Hauptdarsteller Daniel Ratcliffe aus tausenden Bewerbern beteiligt war und Regisseur Chris Columbus ("Mrs. Doubtfire", "Kevin – Allein zu Haus") vor allem wegen seiner starken Werktreue zum Zug kam.

Die Besetzung des Theaterstücks löste heftige Reaktionen aus. Denn Hermine und ihre Tochter Rose (hier Madina Frey in Hamburg mit Mathias Reiser als Scorpius Malfoy und Vincent Lang als Albus Severus Potter) sind dunkelhäutig. 
- © apa / dpa/ Axel Heimken

Die Besetzung des Theaterstücks löste heftige Reaktionen aus. Denn Hermine und ihre Tochter Rose (hier Madina Frey in Hamburg mit Mathias Reiser als Scorpius Malfoy und Vincent Lang als Albus Severus Potter) sind dunkelhäutig.

- © apa / dpa/ Axel Heimken

Rowling gab auch vor, dass alle Darsteller Briten sein mussten, so natürlich auch jene von Harrys besten Freunden Ron (Rupert Grint) und Hermine (Emma Watson); Letztere hat viel von Rowling als Kind. Noma Dumezweni, die erwachsene Hermine im opulenten  und wahrhaft magischen Theaterstück "Harry Potter und das verwunschene Kind", das 22 Jahre nach der Schlacht von Hogwarts spielt und am 30. Juli 2016 in London uraufgeführt wurde, ist ebenfalls Britin – aber dunkelhäutig. Kritik daran verurteilte Rowling scharf als Rassismus. Ein Fan-Tweet brachte es auf den Punkt: "Eine schwarze Hermine ist für manche Leute offenbar weniger plausibel als ein Universum, in dem das gesamte Postsystem auf Eulen beruht." Allerdings sorgte Rowling ihrerseits für Irritationen, als sie auf Twitter ein geplantes schottisches Gesetz kritisierte, das Geschlechtsangleichungen erleichtern sollte. Sympathien hingegen brachte ihr ein Tweet über Bootsflüchtlinge: Wer sich nicht in deren Lage versetzen könne, "dem fehlt irgendetwas".

Daniel Ratcliffe (r.) mit Rupert Grint und Emma Watson: Beim Casting für die Filme bestimmte Joanne K. Rowling mit.  
  
- © Warner Bros.

Daniel Ratcliffe (r.) mit Rupert Grint und Emma Watson: Beim Casting für die Filme bestimmte Joanne K. Rowling mit. 

 

- © Warner Bros.

Ärger hatte Rowling auch mit zwei US-Autoren, die ihr Plagiate vorwarfen: John Buechler behauptete, sie habe seine Zaubererfigur Harry Potter junior aus dem (wenig bekannten) Film "Troll" (1986) gestohlen. Und Nancy Stouffer klagte Rowling, weil diese Namen, Begriffe und wichtige Handlungsstränge aus ihren Büchern "The Legend of Rah and the Muggles" und "Larry Potter and His Best Friend Lily" entnommen habe. Ihre Beweise waren jedoch teils gefälscht, und sie konnte nicht belegen, dass ihre Bücher vor "Harry Potter" verkauft worden waren.

Markus Schöttl als erwachsener Harry Potter. Im Theaterstück gibt es einiges an beeindruckender Zauberei.  
- © Allegria / Jochen Quast

Markus Schöttl als erwachsener Harry Potter. Im Theaterstück gibt es einiges an beeindruckender Zauberei. 

- © Allegria / Jochen Quast

Der Held wuchs mit den Lesern mit

Ob nun abgekupfert oder gänzlich selbst ausgedacht, Rowling hat etwas Großes geschaffen. Nicht nur, weil sie uns neben Küchenlatein-Zaubersprüchen die neue Sportart Quidditch geschenkt hat. Genial war vor allem das Konzept, dass der Titelheld von Buch zu Buch ein Jahr älter wurde, sodass die erste Generation von Lesern mit ihm mitwuchs. So sind es – neben Freund- und Feindschaften im Internat, magischen Duellen und dem epischen Kampf Gut gegen Böse, aber auch Mobbing – vor allem Coming-of-Age-Romane. Mit den Charakteren entwickeln sich auch deren (Liebes-)Beziehungen weiter. Und die Handlungsstränge werden mit jedem Band komplexer und düsterer. Es ist die Geschichte eines Kindes, das eine schwere Bürde zu tragen hat und an ihr wachsen muss.

Harry Potter und seine Schöpferin Joanne K. Rowling haben beide am 31. Juli Geburtstag. 
- © dpa

Harry Potter und seine Schöpferin Joanne K. Rowling haben beide am 31. Juli Geburtstag.

- © dpa

Und genau da wird es heute, wo alles verfügbar ist, schwierig: Erklären Sie einmal einem Neunjährigen, dessen Freunde angeblich schon alle Filme gesehen haben, dass er für die letzten noch nicht reif genug ist; und zwar nicht nur, weil die Horkruxe, die "der Junge, der überlebte", zerstören muss, um Lord Voldemort zu besiegen, was zu Harrys Tod und Pseudo-Auferstehung führt, nicht so leicht zu verstehen sind. Hier hat Rowling ein bisschen viel Esoterik hineingepackt. Simpel sind dafür ihre Figuren: Die Guten sind eindeutig gut und die Bösen eindeutig böse, Grautöne gibt es kaum, höchstens wenn sich ein Böser als Guter tarnt. Selbst jene, die im Zaubereiministerium quertreiben, tun dies aus Inkompetenz oder falschem Amtsverständnis und nicht, weil sie auf der Seite der Bösen stünden. Eigentlich ist der einzige ambivalente Charakter Severus Snape, der als Doppelagent von Schulleiter Albus Dumbledore nur widerwillig im Team Harry spielt, weil er dessen Vater hasste (aus gutem Grund).

Ein magisches Theaterstück über Väter und Söhne

Das Theaterstück ist da schon differenzierter. Hier hadert Harry mit der Last, die Dumbledore ihm aufgebürdet hat, er fühlt sich auch schuldig am Tod von Cedric Diggory in Band 4, und just der einstige Widerling Draco Malfoy erweist sich als der bessere Vater, während ihre Söhne Albus Severus Potter und Scorpius Malfoy in Hogwarts als Loser gemobbt werden, mittels Zeitumwandler die Vergangenheit korrigieren wollen und dabei erst recht eine Katastrophe auslösen. Die deutsche Fassung wird seit Dezember in Hamburg gespielt, mit ganz vielen magischen Spezialeffekten. 560 verschiedene Kostüme, 60 Umhänge und 100 verschiedene Perücken tragen die 36 Schauspieler, und trotz fast sechs Stunden Spieldauer hat das Stück keine Längen.

Faszinierende Parallelen

Der Kärntner Markus Schöttl, der den erwachsenen Harry gibt und die Bücher erst in der Vorbereitung auf seine Rolle gelesen hat, ist fasziniert von den Parallelen, die Rowling zieht, "was man da alles an Gesellschafts- und Weltpolitik in diesen Büchern im Kleinen wiederfindet". Am Stück findet er die Rückbezüge spannend: "Wie geht es einem Vierzigjährigen, der als Kind und Jugendlicher in einem Krieg gekämpft hat? Ist er glücklich, mit sich im Reinen? Oder gibt es blinde Flecken im Unterbewusstsein? Natürlich gibt es auch viel Zauberei und Action, aber wenn man die wegnimmt, bleibt ein wahnsinnig kraftvolles Stück übers Elternsein, Kindsein, Erwachsenwerden, Vergebung. Es ist weltumfassend und hat etwas zu sagen."

Nach der Weltpremiere in Philadelphia (USA) ist die nächste Station der offiziellen "Harry Potter"-Ausstellung im Herbst Wien. 
- © Stephanie Ramones, Contigo Photography

Nach der Weltpremiere in Philadelphia (USA) ist die nächste Station der offiziellen "Harry Potter"-Ausstellung im Herbst Wien.

- © Stephanie Ramones, Contigo Photography