Der zweite Tag des Klagenfurter Wettlesen begann mit einem literarischen Höhepunkt und endete mit einer gekonnten Farce.

"Wechselkröte" von der Slowenin Ana Marwan ist ein grandioser Text über eine Frau in brüchiger Eigenhausidylle, anspielungsreich, bildkräftig. Die Autorin las mit slawischem Akzent – das unterstrich nur noch eine Sprache, wie sie in solcher Schönheit heute fast nur noch von Autorinnen und Autoren gewagt wird, die nicht Deutsch als Muttersprache haben.

Die Jury zeigte sich sehr angetan. Das größte Lob kam von Klaus Kastberger: "Ein Gänsehauttext. Spannung zwischen Idylle und Horror. Melancholisch, aber gleichzeitig immenser Witz." Mara Delius ortete das Porträt einer zurückgezogenen Frau, die sich selbst eine Sprache findet. Vea Kaiser spürte die Dekonstruktion von Mythen auf. Salz in die Suppe der Begeisterung streute erwartungsgemäß Philipp Tingler, der ein Zerfallen in zwei Teile auszumachen glaubte, während sich Insa Wilke für den "sprachlichen Tanz" begeisterte und auf die Zusammehang stiftende Funktion des Wortklangs verwies.

Brot und Sperma

Auch Behzad Karim Khani versuchte sich in "Vae victis" in einer sinnlichen Prosa. Doch der Gefängnis-Genretext, voll mit Fürzen, Sperma und Brotgeruch, begeisterte nicht alle: Wilke sprach leidenschaftsbefreit von einer "gut erzählten Genregeschichte", Vea Kaiser fand den Text stark, obwohl der Perspektivwechsel nicht funktioniere. Naturgemäß war Tingler der vehementeste Verteidiger und schwärmte von einem Gewebe aus großer Härte und Feinheit.

Usama Al Shahmani, eingeladen von Michael Wiederstein, beschloss den Vormittag mit "Porträt des Verschwindens", Erinnerungen an seine Kindheit im Irak. Kastberger meinte, er könnte dem Autor länger zuhören. "Sehr schön erzählt", meinte Brigitte Schwens-Harrant. Tingler kannte weniger Gnade: "Dieser Text ist so konventionell, als hätte ein Algorithmus ihn geschrieben." Michael Wiederstein sah den Text "ruhig und einfach" in geradezu revolutionärer Opposition zum Pathos der iranischen und irakischen Tradition.

Stille mit lauter Diskussion

Es ist zum Lachen - und es ist dennoch kluge Literatur: Mara Genschel schaffte den Spagat. 
- © apa / Gert Eggenberger

Es ist zum Lachen - und es ist dennoch kluge Literatur: Mara Genschel schaffte den Spagat.

- © apa / Gert Eggenberger

Der stille Text "Sand" von Barbara Zeman über einen Venedigurlaub, gespickt mit italienischen Ausdrücken und literarischer Bildungsprunk, löste heftige Diskussionen aus: Kaiser lobte das Kolorit, Delius die poetisch aufgeladene Sprache. Tingler artikulierte sein Problem mit solchen "sensualistischen Befindlichkeitsstilen": "Nervtötend". Kastberger monierte die Flut an Zitaten anderer Autoren, die einprägsamer seien als der Text selbst. Insa Wilke fand den Text "enorm politisch". Die Diskussion drehte sich vor allem darum, ob "Sand" tatsächlich betulich sei oder nicht eher die betuliche Oberfläche unterspüle.
Das große Lachen kam zum Schluss.

Mara Genschel trug "Das Fenster zum Hof", den Monolog eines amerikanischen Autors über das Nicht-Zustandekommen eines Autorenporträts und eines Films mit angeklebtem Bart und amerikanischem Akzent vor. Tingler hatte für das vielbödige Spiel keinen Sinn: "Leichter geschrieben als gelesen", urteilte er und: Nicht gut geschrieben. Wilke jedoch "hatte großen Spaß" an der "großartigen Performance". Delius merkte das Spiel mit literarischen Klischees, Schwens-Harrant hingegen stieß sich an "behäbigen Sätzen, dazwischen Slang", insgesamt "nicht überzeugend". "Ein Stunt", befand Wiederstein, Topoi der Kritik würden vorgeführt, aber das könne man besser machen. Wilke hielt entgegen, der Text sei metrisch durchstrukturiert und treibe eine interessante Wertungsdiskussion. Tinglers Insistieren auf den Schwächen von Text und Performance provozierte Genschel zur unprotokollarischen Gegenrede: Nur Tingler orte eine Performance, sie habe sich einfach schick gemacht und gelesen. Kastberger kalmierte: Das sei der bisher lustigste Text, nur zu breit ausgespielt, es muss immer einen geben, der sich nicht amüsiert, und das sei Tingler gewesen. Kastberger: "Performance und Text – das alles ist Literatur."