Die in Niederösterreich lebende Slowenin Ana Marwan hat mit ihrem Text "Wechselkröte" am Sonntag in Klagenfurt den 46. Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen. Die mit 25.000 Euro dotierte Literatur-Auszeichnung wurde heuer erstmals nach einem Punktesystem vergeben.

Was ich am Schreiben so mag ist, dass man so lange daran arbeiten kann, bis man zufrieden ist. Wenn man sich in Echtzeit präsentieren muss, hat man nur einen Versuch", gab sich Ana Marwan im Vorfeld ihres Klagenfurt-Auftritts gegenüber der APA skeptisch. Der Versuch war erfolgreich. Die 1980 geborene Autorin wurde heute zur neuen Bachmann-Preisträgerin gekürt.

Verholfen hat ihr dazu der "Lurch des Jahres 2022": Die ihrem Text den Titel gebende "Wechselkröte" hat sich in einem verschmutzten Pool angesiedelt und wird von der in einem im Grünen gelegenen Haus auf die Rückkehr ihres Mannes wartenden Erzählerin geborgen und im Wald ausgesetzt. Der vielschichtige Text ist voller Überraschungen - auch für die mit Briefträger, Gärtner und "Poolmann" verhandelnde Erzählerin, die schwanger wird, obwohl sie die Pille nimmt. Sie stellt sich das Aufwachsen ihres Kindes vor - in den verschiedensten Lebensaltern, bis hin zu 60 und einem unwilligen Besuch bei ihr im Altersheim, "und ich denke mir: Dafür habe ich dich bekommen?" Das abschließende, eigentlich dem schmutzigen Poolwasser und dem darin befindlichen Laich geltende Kommando "es kann alles abgesaugt werden" ist daher bewusst doppeldeutig.

"Extrem interessant" und "sprachlich sehr reif und gut gearbeitet" fand die Jury diesen "Gänsehauttext" (Klaus Kastberger, der Marwan eingeladen hatte) in seiner Spannung zwischen Idylle und Horror. Derartig viel Lob kam unerwartet, denn "mit negativen Reaktionen habe ich generell im Leben viel Erfahrung", sagte Marwan, die Vergleichende Literaturwissenschaft in Ljubljana und Romanistik in Wien studiert hat, im Vorfeld.

Deutschlandfunk-Preis Alexandru Bulucz

Der Deutschlandfunk-Preis (12.500 Euro) ging an den in Berlin lebenden gebürtigen Rumänen Alexandru Bulucz, der im Siegerinterview ein großes Jury-Lob aussprach. Den Kelag-Preis (10.000 Euro) erhielt der deutsche Soziologe Juan S. Guse, der zuletzt als Favorit gehandelt worden war. Der deutsche Wahl-Wiener Leon Engler bekam den 3sat-Preis (7.500 Euro).

Neben diesen von einer siebenköpfigen Jury vergebenen Preisen gab es den BKS Bank-Publikumspreis (7.000 Euro plus Stadtschreiberstipendium), für den am Samstagnachmittag online abgestimmt werden konnte. Gewonnen hat ihn der junge Wiener Elias Hirschl.

Nach zwei Jahren pandemiebedingter gänzlicher oder teilweise Auslagerung ins Internet haben die Tage der deutschsprachigen Literatur heuer wieder alle vor Ort zusammengeführt: 14 Autorinnen und Autoren, die Jury und das Publikum. Die Stimmung bei der fünftägigen Literaturveranstaltung war ausgesprochen gut. Ob Neuerungen wie das räumliche Auseinanderziehen von Lesungen und Jury-Diskussionen sowie der neue Vergabemodus blieben werden, wird sich zeigen. (apa)