Es kommt ja nicht sehr oft vor, dass ein Ökonom ein Buch schreibt, dessen grundlegende These in der Fachwelt äußerst umstritten ist, nur wenige Monate, nachdem der Autor seinen Text fertiggestellt hat, auf geradezu spektakuläre Art und Weise verifiziert wird.

Hans-Werner Sinn, der wahrscheinlich bedeutendste lebende deutsche Ökonom, hat mit seinem jüngsten Werk "Die wundersame Geldvermehrung - Staatsverschuldung, Negativzinsen, Inflation" genau dieses Kunststück geschafft.

Denn in dem Buch, das er im Sommer 2021 geschrieben und gegen Ende dieses Jahres fertiggestellt hat, als die Inflation erst leicht angestiegen war, prognostizierte er für heuer einen Anstieg der Preise um 5 Prozent oder mehr. Bekanntlich liegen wir aber jetzt schon bei 7 bis 8 Prozent und wohl bald auch mehr.

Linke Ökonomen sahen das 2021 noch ganz anders, Oliver Picek etwa, Chefökonom des AK- und SPÖ-nahen "Momentum-Institutes" schrieb in diesem Jahr: "Die große Inflation ist nicht nur in Österreich ein journalistisches Lieblingsthema. Nur dass sie tatsächlich kommt, ist sehr unwahrscheinlich. Empirisch und theoretisch spricht das allermeiste dagegen."

Von der Realität eingeholt

Doch Hans-Werner Sinn sah das schon vor einem Jahr anders, und er behielt recht damit.

Dass er gleichsam von der Realität überholt worden ist, kaum dass sein Buch erschienen war, verleiht dem Text natürlich ein besonders hohes Maß an Glaubwürdigkeit, während jene Ökonomen und Publizisten, die uns noch bis vor kurzem erklärt haben, Inflation sei ein Problem von gestern, der Staat könne Schulden machen, so viel er wolle, und noch dazu Geld drucken, so viel er braucht, nun zunehmend in Erklärungsnotstand geraten.

Sinn dagegen, der seit Jahren vor den Folgen dieser auch "Modern Monetary Theory" genannten Quacksalberei warnt, beschreibt in "Die wundersame Geldvermehrung" detailliert, warum die spätestens seit 2008 völlig aus dem Ruder gelaufenen Geldpolitik der EZB den Euro beschädigt hat, einen wesentlichen Anteil an den jetzt hohen Inflationsraten hat und was dagegen zu tun sei, bevor es zu spät ist und die Inflation vollkommen außer Kontrolle gerät.

"Europa schwimmt im Geld, aber es ist deswegen nicht reich," diagnostiziert er, denn die EZB hat seit 2008 die Geldmenge um das Siebenfache erhöht, währen die Wirtschaftsleistung in dieser Zeitspanne nur viel, viel weniger wuchs. Das heißt: Eine riesige Menge frisch gedrucktes Geld stand und steht einer vergleichsweise viel kleineren Menge an Gütern und Dienstleistungen gegenüber - die klassische Definition von Inflation.

Verantwortungslose Politik

Hart geht Sinn mit der politischen Klasse Europas ins Gericht, der er vorwirft, mit wenigen Ausnahmen wie der Schweiz, eine verantwortungslose Schuldenpolitik zu betreiben. "Politiker lieben Schulden", schreibt er, "denn einerseits haben sie dann Geld, um ihre Klientel zu beglücken und die für eine Wiederwahl nötige Dankbarkeit aufzubauen, und andererseits spürt noch niemand die Lasten, da die ja erst in der fernen Zukunft sichtbar werden. Angst müssen die Politiker allenfalls vor jenen Wählern haben, die diese Zusammenhänge verstehen, aber die sind nicht gerade zahlreich."

Um eine größere ökonomische Katastrophe zu vermeiden, fordert der Ökonom nun dringend eine Rückkehr der Staaten, aber vor allem auch der EZB zu einer seriösen Finanz- und Geldpolitik. "Inflation ist eine Katastrophe für Europa", warnt er, "Sie gefährdet die europäische Einigung. Wenn der Schaden erst einmal da ist, wird der Streit groß sein. Man wird das auf den Euro schieben und das könnte das Ende des gemeinsamen Europas sein. Aber wir müssen das nicht hinnehmen. Die EZB kann und muss die Geldmenge wieder verknappen und die Zinsen anheben."

Damit wird die EZB wohl auch demnächst beginnen, wenn auch reichlich spät und reichlich zögerlich. Ob die vom Krieg in der Ukraine, aber auch den wegen Corona unterbrochenen Lieferketten weiter befeuerte Inflation so wirklich bekämpft werden kann, wird sich noch zeigen.